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Neues Theaterformat Wissen auf dem Schwarzmarkt kaufen

Regina Jerichow

Oldenburg - Man stelle sich ein „Speed Dating“ (superschnelle Partnersuche) vor, entferne den Speed und den Zufall, schließe jeden romantischen Hintergedanken aus und packe das Ganze in einen theatralen, inszenierten Rahmen. Theaterbesucher, die hier an 30 Tischen sitzen, eine nackte Glühbirne über dem Kopf, haben eine Begegnung der besonderen Art: Vor ihnen sitzt jeweils ein Experte, der ihnen sein Wissen vermittelt. Er wurde von seinen „Klienten“ gebucht und bezahlt: für einen Euro pro Kopf. Nach 30 Minuten ertönt ein Gong, die Glühbirnen flackern: Klientenwechsel.

Im Staatstheater Braunschweig hatte am Wochenende ein ungewöhnliches Theaterformat Premiere: der „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“. Er ist das erfolgreichste künstlerische Projekt der Mobilen Akademie Berlin und gastierte in den vergangenen zehn Jahren in zwölf Ländern. Er machte unter anderem Station in Paris, Riga, Wien, Liverpool, Dresden, Berlin und Hamburg. Die Aufführung in Braunschweig war die erste in Niedersachsen, das Oldenburgische Staatstheater folgt im Frühjahr 2019. Die dazugehörigen „Lizenzen“ vergibt die Stiftung Niedersachsen.

Regionale Experten

Blick von der Tribüne in den Saal

Blick von der Tribüne in den Saal

„Ich fand das großartig und bin noch ganz beseelt“, schwärmt Gesine Geppert, Leiterin der Sparte 7 am Oldenburgischen Staatstheater, und freut sich, dass sie beim Lizenzverfahren der Stiftung Niedersachsen berücksichtigt wurden. Sie hat es sich nicht nehmen lassen, am Samstag die Premiere bei den Kollegen in Braunschweig zu besuchen.

Kunst und Wissenschaft

Die Mobile Akademie Berlin arbeitet seit ihrer Gründung im Jahr 1999 durch die Kuratorin, Kopistin und Künstlerin Hannah Hurtzig mit wechselnden Kollaborateuren im Zwischenbereich von Kunst und Wissenschaft, Expertise und Alltag.

Schwarzmärkte fanden unter anderem zu folgenden Themen statt: „Die Gabe und andere Verletzungen des Tauschprinzips“, „100 Gespräche über das Schweigen“, „Unser Geld – über die allmähliche Entstofflichung eines Tauschmittels“, „Das Andere der Vernunft, zeitgenössische Spekulationen zum Romantischen“.

Die Stiftung Niedersachsen vergibt Schwarzmarkt­lizenzen an interessierte Institutionen und Initiativen aus ganz Niedersachsen.

Zwei Experten hat sie sich ausgewählt und zudem die Möglichkeit genutzt, auf der Tribüne zuzuschauen und sich über das „Schwarzmarktradio“ in einzelne Gespräche zuzuschalten. So erfuhr sie auf dem einen Kanal etwas über die Moral des Lügens und auf dem anderen etwas über die Voraussetzungen für eine Geschlechtsumwandlung.

Das klingt beliebiger, als es ist. Großes Oberthema für dieses Theaterformat sei die „neue Einwanderungsgesellschaft“, erläutert Lavinia Francke, Geschäftsführerin der Stiftung Niedersachsen. Davon ausgehend werde für jede Station ein eigenes Thema formuliert. Der Braunschweiger Schwarzmarkt mit insgesamt 90 Experten thematisierte das „Leben in Zwischenräumen, Durchgangslagern und Wartezimmern“. Bei der Themenwahl werde sehr viel Wert darauf gelegt, vor allem regionale Experten einzubinden und den Begriff des „Experten“ weit zu fassen, sagt die Geschäftsführerin: „Das sind für uns nicht nur Wissenschaftler, sondern das kann auch mal der Bestatter oder die Hebamme von nebenan sein.“

Spielerischer Ansatz

Wie das Ganze zum Begriff „Schwarzmarkt“ passt, bedarf allerdings noch der Erläuterung. Das Theaterformat hat einen vorgegebenen, strengen Rahmen. Das Team der Mobilen Akademie Berlin benötigt 17 Wochen für die Vorbereitung. Weder das Bühnenbild noch die Raumarchitektur ist beliebig. Dass es ums Anbieten, Kaufen und Verkaufen geht, wird schon am Eingang deutlich. Auf einem großen Faltplan stehen die Namen der Experten mit ihren Vorträgen – unter ihnen war in Braunschweig auch die ehemalige Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic von den Grünen –, und an leicht erhöhten Schaltern bieten kostümierte Hostessen die Karten für die Einzelgespräche an.

Kostümierte Hostess am Kartenschalter im Staatstheater Braunschweig Bilder:stage picture Thoma M. Jauk

Kostümierte Hostess am Kartenschalter im Staatstheater Braunschweig Bilder:stage picture Thoma M. Jauk

Da können sich mitunter schon mal lange Schlangen bilden und Experten ausgebucht sein. „Schon weg!“, die Antwort bekam die Oldenburgerin Gesine Geppert gleich zweimal. Feilschen allerdings – auch das ist von den Machern des Schwarzmarktes durchaus beabsichtigt und im Sinne des spielerischen Ansatzes –, musste sie nicht.

Es wäre aber sicher bezahlbar gewesen: Nicht ein Euro, sondern zwei für das Date mit dem Experten, vielleicht noch ein Kaugummi obendrauf. Passt schon.

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