Oldenburg - „Klack-klack-klack“. Im Schweinsgalopp kommt eine frischgelockte Dame in Pumps um die Ecke gefegt und schleift ihren Dackel hinter sich her. „Ich war nur ganz kurz weg“, schnauft sie abgehetzt. Zu spät.
Hinter ihrer Windschutzscheibe klemmt bereits das verhasste Papier. Zehn Euro Strafe. Heute bin ich gnadenlos. Als Verkehrsüberwachungskraft will ich trotz viel zu großer Ordnungsamtshose und dünner Schlabberbluse eine gute Figur machen – Shopping-Queen-König und TV-Designer Guido Maria Kretschmer würde sagen: „Das Outfit tut nichts für sie“. Hauptsache man nimmt mich ernst. Diskutieren will ich gerne. Schließlich hab’ ich das Recht auf meiner Seite. Es heißt Thorsten Görke, ist 54 Jahre alt und sorgt seit 2014 hauptberuflich – 38 einhalb Stunden die Woche – dafür, „dass hier jeder mal die Chance auf einen Parkplatz kriegt“. Das ist in Oldenburg nämlich gar nicht so einfach, die Situation sei „sehr angespannt“, erfahre ich während meines Vormittags der Überwachung des ruhenden Verkehrs. So heißt das, in Beamtendeutsch.
Nichts für Idioten
Thorsten Görke nennt die allseits unbeliebten Zettel auch Knöllchen. Von denen verteilt er im Laufe der Früh-, Spät- oder Nachtschichten von Montag bis Samstag einige. Ich bereits sechs. Was weniger an den vorbildlich parkenden Autofahrern als mehr an meiner Aufnahmefähigkeit liegt. So einen Strafzettel, der ja eigentlich Verwarnzettel heißt – „weil wir niemanden bestrafen“ –, auszustellen, ist nichts für Idioten. „Erstmal gehen wir komplett ums Fahrzeug“, sagt Thorsten Görke und schleicht um den Fiat zu unserer Linken. Wir ernten argwöhnische Blicke. Bei der Gelegenheit checkt er auch gleich, ob das TÜV-Siegel abgelaufen ist. Wer länger als zwei Monate überfällig ist, muss 15 Euro berappen. Mein Übungsobjekt hat sich diesbezüglich nichts zu Schulden kommen lassen. Einen Parkschein aber kann ich trotz beschilderter Aufforderung nicht finden. Durch jede Scheibe lässt mich mein Lehrer dafür gucken.
Zeit für ein Beweisfoto. Das mache ich mit dem mobilen Datenerfassungsgerät – einem Smartphone, was mir samt Dienstbekleidung, Brustbeutel und prall mit Utensilien gefüllter Gürteltasche auf der Wache überreicht worden ist. Mit ein paar Klicks habe ich das Kfz-Kennzeichen des Parksünders eingescannt. Auf dem Gerät ist der gesamte Strafkatalog hinterlegt. Es berechnet das Bußgeld automatisch. So weit, so bequem. Komplizierter wird es, als mich das Ding auffordert, die Ziffern rückwärts einzugeben. „Damit wir auch wirklich auf Nummer Sicher gehen und keinen Falschen beschuldigen“, unterbricht Thorsten Görke mein Gefluche über die Zahlendreher.
Als nächstes muss ich auf dem Display die Fahrzeugart wählen und markieren, wo die Ventile stehen: auf zwei Uhr. „So können wir feststellen, ob jemand tagelang irgendwo ohne Parkschein oder im Halteverbot steht“, kriege ich erklärt: Detektivarbeit. Nach 24 Stunden könne man den Abschleppdienst einschalten. Erstmal heißt es: beobachten. Gleiches gilt für Autos, die im eingeschränkten Halteverbot stehen. Weil be- und entladen hier erlaubt ist. Kein Auge zudrücken darf Thorsten Görke, wenn jemand unberechtigt Behindertenparkplätze benutzt oder sich auf Taxiständen breit macht. In solchen Fällen wird der Abschleppdienst umgehend konsultiert. Während Knöllchen 5 Euro aufwärts kosten, kann das, je nach Tageszeit und Wochentag weit kostspieliger werden. Außerdem ist das Auto dann erst mal weg. Wo ich gerade bin, weiß das Smartphone, GPS sei dank, von alleine. Ich muss nur noch die Nummer des Hauses angeben, vor dem der Falschparker steht. Auf jeden Fall im Bereich „Anwohner C“.
Keine Provision
So nennen Thorsten Görke und seine 23 Kollegen die Gegend um den Hauptbahnhof. Abschließend möchte mein Smartphone, dass ich ihm den Tatbestand nenne: 113140 – Parken ohne gültigen Parkschein. Per Knopfdruck beginnt mein Brustbeutel zu vibrieren und gebiert einen Verwarnzettel, den Thorsten Görke zu einem Röllchen zwirbelt und mit spitzen Fingern zwischen die Scheinwerfer schiebt. „Auto nicht berühren.“ Mutwillige Beschädigung müssen sich Verkehrsüberwachungskräfte ebenso vorwerfen lassen wie Hinterhältigkeit, Schadenfreude und Habgier. „Als ob wir Provision kriegen“, seufzt der 54-Jährige. Wie alle seine Kollegen bekommt der Ordnungsamtsmitarbeiter ein festes Gehalt. Egal, ob er in der Innenstadt Falschparker ermahnt, Geschwindigkeitskontrollen überwacht oder in den Stadtteilen außerhalb Bürgeranrufen folgt, die sich über ihre blockierte Einfahrt echauffieren. Für die Einsatzorte außerhalb stehen Räder und Roller im Fuhrpark in der Citywache an der Wallstraße. Finanziert werden auch die nicht mit Bußgeldern. Parkverstöße spülen jährlich rund 800 000 Euro in den Haushalt der Stadtkasse. Was damit passiert, ist Sache des Rates.
Dass Menschen wie Thorsten Görke, freundlich, geduldig, hilfsbereit, so viel Missgunst und Raffgier unterstellt wird, tut mir leid. Einmal hat ihm jemand den Verwarnzettel zusammengeknüllt in den Hemdkragen gestopft. Viele werden verbal ausfällig. Besonders respektlos würden seine Kolleginnen behandelt, sagt der 54-Jährige. Zum Glück sind wir zu zweit. Nach 22 Uhr ziehen die Verkehrsüberwacher nur noch als Duo los, genau wie an den Sonderdiensten zum Stadtfest oder Kramermarkt. Gegen nüchterne oder alkoholisierte Pöbeleien ist Thorsten Görke nach fünfeinhalb Jahren ein dickes Fell gewachsen. Außerdem hat er in etlichen hausinternen Schulungen deeskalierendes Verhalten gelernt – ruhig und freundlich bleiben und im Notfall die Kollegen von der Polizeiwache hinzuziehen.
Heute ist das nicht nötig. Trotz oder wegen unvorteilhaftem Outfit scheine ich zumindest so viel Respekt auszulösen, dass Parker ihre Schrittgeschwindigkeit erhöhen. Das lohnt sich übrigens: Zehn Minuten Karenzzeit geben Thorsten Görke und seine Kollegen Autofahrern mit überzogenem Ticket. „Und wir bleiben auch nicht wie Schießhunde mit Uhr in der Hand neben dem Wagen stehen“, räumt er mit beliebten Vorurteilen auf. Seinen Job nimmt er allerdings ernst. „Jetzt gucken wir mal, ob der Anwohnerparkausweis noch gültig ist.“ Thorsten Görke wieselt zu dem Ford vor uns. „Der ist verrutscht“, brüllt eine Stimme hinter uns. Auf dem Balkon steht eine Frau mit Zigarette in der einen und Autoschlüssel in der anderen Hand. Letztere schmeißt sie uns runter und Thorsten Görke, ganz Freund und Helfer, klettert auf den Beifahrersitz, um die Parkgenehmigung in sichtbare Position zu bringen.
Kurz Brötchen holen
Nur „verarschen“ lässt er sich nicht, wie er sagt. Sollte jemand behaupten, der Parkscheinautomat ist kaputt, so kann ich das mit einer Kontrollmünze aus meiner Gürteltasche überprüfen, erfahre ich. Bevor ich in Versuchung gerate, sie zu behalten: einen Parkschein kriege ich damit nicht. Nur einen Teststreifen. 15 Minuten kostenlose Standzeit gibt es dafür zwischen Post und Hauptbahnhof. Die Brötchentaste spuckt keine Croissants aus, dafür Kurzparktickets. Darüber klärt Thorsten Görke ein paar Autofahrer neben uns auf, während ich beim Einscannen diverser Nummernschilder versuche, nicht in Hundehaufen zu treten. Berufsrisiko. Gehört dazu wie Nasswerden, Schwitzen und Blasen an den Füßen – genau wie behördliche Genauigkeit und Geduld nicht mein Ding.
Überhaupt lehrt mich Thorsten Görke, der seinen Job aufrichtig mag, an diesem Vormittag Achtsamkeit. Zum Einen gelte es, sich selbst nicht zu gefährden, zum Anderen, mit gutem Beispiel voran zu gehen. Weil mein Geduldsfaden oft schon an langen Rotphasen reißt, ist das wie erzwungene Meditation. Vielleicht lullen die immergleichen Ausreden der Falschparker auch ein. „Ich war nur ganz kurz weg.“ Die Dackeldame schmollt uns mitleidsheischend an. Ich denke „Lesen hilft“, sage nichts, lächle freundlich und überreiche ihr den Verwarnzettel. „Klack-klack-klack“ stöckelt sie beleidigt von dannen. Ich bin ein bisschen schadenfroh – dieser Job wäre aber nichts für mich. Zum Glück gibt es Menschen, wie Thorsten Görke, die ihn gut und gerne machen.
