Oldenburg - Vor wenigen Wochen hat sich die EWE endgültig von ihrem Türkei-Geschäft getrennt. Unterm Strich steht ein Minus von 290 Millionen Euro, wie der Oldenburger Konzern am Dienstag bestätigte. Fragen und Antworten:

Wie war die EWE in der Türkei engagiert?

Die EWE war 2007 für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag in den türkischen Markt eingestiegen und hatte dort nach mehreren Expansionsschritten zwischenzeitlich 900 Mitarbeiter und 1,4 Millionen Kunden. Über die in Istanbul ansässige Tochtergesellschaft EWE Turkey Holding hielt sie Mehrheitsanteile an den regionalen Gasversorgern Bursagaz und Kayserigaz. Zudem waren die Oldenburger im Energiehandelsgeschäft, bei Energiedienstleistungen und über das 2016 erworbene Unternehmen Millenicom auch im Telekommunikationssektor aktiv.

Was bereitete der EWE in der Türkei Probleme?

Obwohl die EWE in der Türkei kontinuierlich Kunden hinzugewinnen konnte und die Geschäftszahlen zumeist solide waren, war das Türkei-Engagement der Oldenburger in der Heimat nie ganz unumstritten. Mit dem Putschversuch im Sommer 2016 sollte sich das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld des Investments dann jedoch deutlich verändern. Neben zunehmenden politischen Unwägbarkeiten, machte der EWE vor allem die drastische Abwertung der türkischen Währung zu schaffen. „Die türkische Lira hat seitdem im Vergleich zu Euro und Dollar so stark an Wert verloren, dass unsere Beteiligungen in in einem Maß beeinträchtigt wurden, die auch mit Absicherungsgeschäften nicht aufzufangen waren“, erläutert EWE-Finanzvorstand Wolfgang Mücher. Kernproblem: Die Kunden zahlten ihre Gaspreise, die de facto staatlich festgelegt waren, in Lira, die Beschaffung orientierte sich aber am Ölpreis und wurde in Dollar abgerechnet.

Wie hat die EWE auf die Probleme reagiert?

Am Ende mit dem Verkauf des Türkei-Geschäfts. Anfang 2019 verständigte sich die EWE mit der staatlichen Ölgesellschaft der Republik Aserbaidschan Socar auf eine Veräußerung aller Türkei-Aktivitäten. Mitte Juni wurde der Verkauf endgültig vollzogen.

Wie viel Geld hat EWE für den Verkauf bekommen?

Dazu haben die Beteiligten Stillschweigen vereinbart. In türkischen Medien fand sich mehrfach eine Summe von 140 Millionen Euro. Schaut man etwas genauer in die am Dienstag veröffentlichte EWE-Halbjahresbilanz, so spricht viel dafür, dass der Verkauf EWE doch noch einiges mehr – nämlich 156,8 Millionen Euro – eingebracht hat. In der Kapitalflussrechnung findet sich dort der Posten „Einzahlungen aus Abgängen von Anteilen vollkonsolidierter Gesellschaften“ mit genau dieser Summe. Ein EWE-Sprecher wollte den Posten auf Anfrage unserer Zeitung nicht genauer erläutern. Allerdings hat EWE – soweit bekannt – im ersten Halbjahr ausschließlich die türkischen Gesellschaften als vollkonsolidierte Unternehmen verkauft.

HALBJAHR DES OLDENBURGER ENERGIEKONZERNS EWE wieder mit mehr Gewinn

Jörg Schürmeyer
Oldenburg

Was hat das Geschäft die EWE gekostet?

Die EWE hat am Dienstag einen Bericht unserer Zeitung bestätigt, dass am Ende des Türkei-Geschäfts ein Minus von fast 300 Millionen Euro steht. „Zieht man nüchtern Bilanz, dann haben wir nach zwölf Jahren rund 290 Millionen Euro weniger eingenommen, als seinerzeit für den Erwerb der Gesellschaften aufgewendet worden ist“, sagte Mücher. Jedoch betrage der rechnerische Gesamteffekt durch die Abwertung der Währung allein schon 330 Millionen Euro. Diese Summe sei in Form von Wertanpassungen zu weiten Teilen bereits in zurückliegenden Jahren in die Bilanz eingeflossen. In seinem aktuellen Halbjahresabschluss verbuchte EWE einen Aufwand von 39,9 Millionen Euro. Durch den Verkauf an Socar seien die finanziellen Risiken aber um 220 Millionen Euro reduziert worden, so Mücher.

Welche Folgen hat dies für hiesige Kunden?

Laut EWE: keine. „Der Verkauf der türkischen Gesellschaften hat selbstverständlich keinerlei Auswirkungen für unsere Kunden in Deutschland“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Die Dividendenfähigkeit werde durch den Verkauf sogar gestärkt, da es nach Handelsgesetzbuch (HGB), das für die Dividende an die Kommunen maßgeblich ist, ein zweistelliges Millionenplus in diesem Jahr gebe.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft