Oldenburg - An den 3. Mai 1945 erinnert sich Kurt Döding noch ganz genau. Neun Jahre alt war er, als er heute auf den Tag genau vor 74 Jahren mit seinen Eltern hinter den Fenstern seines Hauses an der Straße Am Schloßplatz stand und beobachtete, wie mehrere Männer über den Platz schritten. An einen Besenstiel hatten sie eine weiße Fahne als Zeichen der Kapitulation befestigt. Sicher ist sicher, denn schon in der Nacht zuvor war mit den anrückenden kanadischen und englischen Truppen im letzten Moment vereinbart worden, Oldenburg kampflos zu übergeben. So blieb die Stadt von Artilleriebeschuss und einem flächendeckenden Bombardement verschont. Die Kanadier hatte die Nachricht erst mit Verspätung erreicht, was zu Irritationen führte.
Abordnung unterwegs
Eine Stunde nachdem Döding die Oldenburger Delegation, zu der der Oberbürgermeister der Stadt, Dr. Heinrich Rabeling, der damalige Leiter des Wohnungsamtes, Dr. Fritz Koch, der Kommandeur der Schutzpolizei, Heinrich Köhnke, Ratsherr und Bäckermeister Wilhelm Spanhake, Oberregierungsrat Bernhard Meyer sowie Dezernent Helmut Früstück gehörten, gesehen hatte, marschierten die Alliierten Soldaten ein. Der Bericht in der Dienstagsausgabe der NWZ über die dramatischen Stunden am 2./3. Mai 1945 haben Erinnerungen in Döding wachgerufen.
Die deutsche Wehrmacht war Richtung Wilhelmshaven abgezogen. Um den Feind aufzuhalten, war die Cäcilienbrücke hochgezogen und deren Seile gesprengt worden, erzählt Döding weiter. Sie rauschte in den Kanal, knickte in der Mitte ein und bildete dabei quasi ein Dach, durch das das Wasser floss. „Für die anrückenden Truppen kein Hindernis. Sie schütteten den Kanal an dieser Stelle zu, verlegten Bohlen und fuhren mit ihren Panzern und Fahrzeugen über diese Behelfsbrücke in die Stadt“, erinnert sich der 83-Jährige – schon eine Stunde nachdem die deutsche Delegation über den Schlossplatz gegangen war. Das Wasser konnte durchs „Dach“ fließen. Unterwegs müssen sie das Lebensmittelgeschäft Dankwart am Damm ausgeräumt haben, erzählt Döding weiter. „Jedenfalls bekam ich von einem großen schwarzen Mann, den ersten, den ich in meinem Leben bis dahin gesehen hatte, einen Keks geschenkt, dick mit Marmelade bestrichen. Die Kanadier und Engländer waren Pfundskerle, die sich uns gegenüber ordentlich benahmen.“ Die letzten Nächte vor dem Kriegsende hatte die Familie aus Angst im Luftschutzraum verbracht. Viele Oldenburger waren zu Bekannten und Verwandten aufs Land gezogen.
Die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges haben sich tief in das Gedächtnis des damals Neunjährigen eingeprägt, der als Hitlerjunge den sogenannten Volkssturm unterstützen sollte. „Wir übten, mit jeweils zwei Jungs Panzerfäuste zu schleppen“, erzählt er. Und weiter: „Eines Tages wurden wir zur Stedinger Straße geführt, wo uns Männer gezeigt wurden, die als vermeintliche Deserteure an Straßenlaternen aufgehängt worden waren.“ Nach der Befreiung hätten die Alliierten einige Zeit später Oldenburg zur Plünderung freigegeben. Die ehemaligen und in Osternburg untergebrachten Zwangsarbeiter hätten die Häuser vor allem nach Alkohol durchsucht.
Für die männliche Bevölkerung galt ein wochenlanger Hausarrest. Als er aufgehoben wurde, machte sich Kurt Döding zum Einkaufen auf den Weg zum Markt ins Lebensmittelgeschäft Voss (heute nach dem Hausabriss Subway). Den Laden betrat er zur Begrüßung mit einem „Heil Hitler“. Die Anwesenden zuckten zusammen: „Moin oder guten Tag heißt das heute“, wurde er belehrt. Die Zeiten hatten sich von jetzt auf gleich geändert.
Haus abgerissen
Auf den NWZ-Artikel hat auch Roland Beckedorf reagiert. Er hat herausgefunden, dass das abgebildete Haus mit den beiden Säulen, wo ein englischer Soldat die Zeitung oder ein Flugblatt las, an der Ecke Bremer Straße/Cloppenburger Straße stand. „Die Säulen sahen nur ähnlich aus, nicht gleich so wie die vom Schmuckgeschäft“, schreibt er. Deshalb hatte er vor Jahren seinen Vater gefragt, alter Osternburger und zum Zeitpunkt der Aufnahme 15 Jahre alt. Beckedorf: „Er hat sofort als Standort die Bremer Straße/Ecke Cloppenburger Straße ausgemacht. Der Zeitungsleser saß vor Haus Nr. 54 und die Panzerfäuste lagen in Nr. 52. Beide Gebäude wurden 1984 abgerissen.“
