Oldenburg/Osnabrück - Sind unsere Insekten noch zu retten? Und welche sind für immer verschwunden? – In Bonn beginnt in dieser Woche eine Tagung über Detailergebnisse einer Forschungsarbeit des Entomologischen Vereins Krefeld (EVK) zur Entwicklung der Insektenbestände, die international Aufsehen erregt hat. Danach sind gut zwei Drittel des Insektenbestandes in Deutschland verschwunden. Auch die Roten Listen des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) belegen den Insektenrückgang.
Themen der Bonner Tagung sind: Wie haben sich die Bestände von einzelnen Artengruppen wie etwa Käfern, Schwebfliegen und Schmetterlingen entwickelt? Welche weiteren neuen Ergebnisse gibt es aus dem Projekt und welche Rückschlüsse lassen diese zu – im Hinblick auf die Ursachen des Insektenrückgangs und notwendige Maßnahmen? Die Tagung findet im Rahmen des gleichnamigen Forschungs- und Entwicklungsvorhabens statt, das vom BfN mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert wird.
„Es kann keinen Zweifel daran geben, dass es bei uns ein sich beschleunigendes Insektensterben gibt – mit erheblichen ökologischen und ökonomischen Folgen.“ Dr. Rolf Niedringhaus, Wissenschaftler am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften (IBU) der Universität Oldenburg, weist auf ein besonders besorgniserregendes Ergebnis der bundesweiten Untersuchung hin: „Der Schwund wurde an 63 Orten im Bundesgebiet festgestellt – allesamt Naturschutzgebiete, also Gebiete, in denen eigentlich gute Umweltbedingungen herrschen sollten.“ Der Rückgang in Gebieten mit vielen landwirtschaftlich genutzten Flächen sei mutmaßlich wesentlich höher. Er sieht die Hauptursache für den Schwund der Masse an Insekten in einer immer intensiveren Landwirtschaft. „Auch wenn es darüber bisher keine ergänzenden Langzeitstudien gibt, so ist der Zusammenhang zwischen Insektensterben und der ländlichen Monokultur evident und plausibel", sagt Niedringhaus. Nicht nur die Menge insgesamt sei stark rückläufig, zahlreiche Insektenarten seien immer seltener geworden, andere mittlerweile ganz verschwunden. Die Biodiversität, die Vielfalt der Arten, sei inzwischen in den Städten höher als auf dem Land.
Das leise Sterben auf den heimischen Feldern vollzieht sich fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Zwar fällt auch vielen Autofahrern auf, dass ihre Fahrzeuge selbst an warmen lauschigen Sommertagen nicht mehr wie dereinst von toten Insekten übersät sind, aber wer ärgert sich schon über weniger „Ungeziefer“, das früher nach einer raschen Fahrt über Land schon mal für eine vollkommen verklebte Windschutzscheibe gesorgt hat, oder Ermahnungen bei Polizeikontrollen verursachte, das durch tote Insekten fast unleserliche Kennzeichen mal zu säubern?
Nicht mehr umkehrbar?
Der Osnabrücker Professor für Zoologie und Tierökologie, Dr. Herbert Zucchi, gehört zu den bundesweit eindringlichsten Mahnern, sofort etwas gegen das Insektensterben zu unternehmen. „Wenn wir den dramatischen Rückgang der Insekten nicht schnell stoppen, dann ist das nicht umkehrbar mit gravierenden Folgen für unser Leben. Wenn wir das aber wirklich stoppen wollen, dann kann das nicht halbherzig sein, dann müssen wir auch unseren Lebensstil ändern“, fordert er.
Zucchi weist auf die große Bedeutung hin, die Insekten in allen Lebensräumen der Erde haben. Sie sind nicht nur Nahrung für viele andere Tierarten, sie sind die notwendige Voraussetzung für die Verbreitung etlicher Pflanzenarten, sie bestäuben das Gros der Blütenpflanzen. Und sie helfen bei der Beseitigung organischen Abfalls. „Ohne Insekten ist unser Leben eigentlich nicht denkbar“, sagt der Forscher.
Aber was bringt die Insekten in diesem kaum vorstellbaren Umfang um? Zucchi sieht wie sein Oldenburger Kollege Niedringhaus ein ganzes Bündel von Ursachen. Zum Beispiel den Verlust an Lebensräumen: Die Intensivierung der Grünlandnutzung und die Umwandlung von Dauergrünland in Ackerland entzieht den Insekten die Lebensgrundlage. Vor allem im Nordwesten findet man monotone Maislandschaften mit Anbauflächen bis hart an den Rand der asphaltierten Wirtschaftswege. An Waldrändern werden die sich dort entwickelnden Sträucher, Blumen und Gräser, die Lebensraum für viele Insektenarten sind, immer wieder entfernt mit der Folge schroffer Wald-Feldgrenzen. Waldrandgehölze wie Schlehe, Weißdorn, Holunder und Heckenrose, die wichtige Nektar- und Pollenquelle für Insekten sind, gibt es nur noch wenig. Das Netz von Hecken, Feldgehölzen, Rainen, Böschungen und Gehölzstreifen entlang von Fließgewässern ist in den vergangenen Jahrzehnten immer dünner geworden. Zurückgedrängt wurden auch die Wallhecken. In den vergangenen 50 Jahren wurden rund 20 000 Kilometer Wallhecken in Deutschland vernichtet. Stattdessen sind bundesweit mittlerweile mehr als 20 Prozent der Ackerfläche Maisfelder. In Niedersachsen, vor allem aber im Nordwesten, ist der Anteil noch deutlich höher. Für Wildbienen etwa sind Maisfelder kaum zu überwindende Hindernisse auf dem Weg zu Futterquellen. Sie schaffen es nicht, die riesigen Felder zu überqueren.
Insekten bilden die artenreichste Tiergruppe der Erde. Mehr als 7000 neue Arten werden jedes Jahr entdeckt. Man geht insgesamt von Millionen Arten aus.
In Deutschland befinden sich unter den 48 000 mehrzelligen Tierarten mehr als 33 000 Insektenarten. Insgesamt 70 Prozent aller Tierarten sind Insekten. Zum Vergleich: In Deutschland sind nur 703 Wirbeltierarten bekannt.
Problem Stickstoff
Eine weitere Ursache ist nach Auffassung Zucchis die Überfrachtung der Felder mit Stickstoff. Allein in Niedersachsen fallen als Folge der Massentierhaltung jährlich rund 60 Millionen Tonnen Gülle, Mist und Gärreste aus den Biogasanlagen an. Die meisten Ackerflächen sind daher überdüngt. Die Forschung geht von einen Stickstoffüberschuss von beinahe 100 Kilogramm pro Hektar aus. Wo früher artenreiche Pflanzengesellschaften zu finden waren, gibt es jetzt nur noch wenige stickstoffverträgliche Pflanzen wie Löwenzahn, Brennnessel, Klettenlabkraut und Giersch. Entsprechend hat sich auch die Zahl der Insektenarten verringert. Es gibt einen zeitlichen Zusammenhang des Insektensterbens mit der rasch zunehmenden Zahl der Biogasanlagen.
Auch viele Hausbesitzer tragen mit zum Rückgang der Biodiversität bei, weil ihre Gärten eher naturfeindlich gestaltet sind. Mit Beton- und Natursteinen zugepflasterte pflegeleichte Gärten sind seit Jahren in Mode.
Zu viele Pestizide
Verantwortlich für das Massensterben der Insekten ist nach Meinung der Forscher auch der Einsatz von Pestiziden. In Deutschland werden Jahr für Jahr rund 50 000 Tonnen versprüht, in der EU insgesamt 200 000 Tonnen. Die Diskussion über die Gefährlichkeit von Glyphosat ist noch gegenwärtig, das Breitbandherbizid entzieht einer Fülle von Insekten die Nahrungsbasis. Verheerend ist auch die Wirkung von Neonicotinoiden, einer Gruppe von Insektiziden, die schädigend auf das Nervensystem der Tiere wirken. In der EU sind einige von ihnen bereits verboten. Andere sind weiterhin zugelassen.
Zucchi: „Es ließen sich noch weitere Ursachen anführen. Entscheidend ist aber, dass viele Schritte nötig werden, um diese katastrophale Entwicklung zu stoppen.“ Der Forscher fordert nicht nur mehr Bescheidenheit und Demut beim Umgang mit der Umwelt, sondern konkret
Zucchi: „Wenn wir davon den Großteil umsetzen, haben wir vielleicht eine Chance. Wir sollten nicht dafür verantwortlich sein, dass unsere Kinder und Enkel bunte Sommerwiesen, auf denen es summt, kribbelt und krabbelt, nur noch von Geschichten aus vergangenen Zeiten kennen.“
Sehen Sie hier eine ausführliche Multimedia-Reportage über das Bienensterben:
