Oldenburg - Muss das Theater die Welt retten? Oder ist es vielmehr schon „fünf Minuten nach Zwölf“, wie es das Stück „Begegnungen am Ende der Welt“ suggeriert, das am Mittwochabend im Theater Laboratorium Premiere feierte. Das Thema Klimawandel hat nun auch die kleine feine Spielstätte in Oldenburg erreicht – und die große Kunst war es, dabei nicht dem Zeitgeist gefällig zu sein. Herausgekommen ist in der Regie von Pierre Schäfer eine 100 Minuten umfassende, seelentiefe Inszenierung für alle Menschen, die aber mutmaßlich nur die ohnehin verantwortungsbewussten erreichen wird.
Dass wir am Ende angekommen sind, wissen wir schon in der ersten Szene, als Hauptdarsteller Harry Unruh, inzwischen auf seinem Dach wohnend, eine Reuse aus dem steigendenden Wasser fischt und die Habseligkeiten der untergehenden Menschheit kategorisiert. Der Anthropologe, gespielt von Pavel Möller-Lück, ist nicht Sachen-Sucher, vielmehr gehen ihm die Dinge ins Netz.
Es spielt auch keine Rolle, dass der Ort mutmaßlich in Norddeutschland liegt. Dem steigenden Meeresspiegel ist es schnurz. Denn er verhält sich politisch völlig unkorrekt, nimmt keine Rücksicht auf Alter und Geschlecht, auf Religion oder Steuerklasse.
Die Natur nimmt sich jeden so wie er ist, holt sich am Ende die naiv-stoische Businessfrau (Farnaz Rahnama) ebenso wie den Klimaaktivisten oder den aalglatten Politiker (in beiden Rollen Jonathan Went).
Zwischen Utopie und Apokalypse verläuft ein schmaler Grat. Darauf schlurft Harry Unruh. Er ist noch nicht ganz verzagt, aber er hat auch keine Lösungen. Sein Konzept ist, dass er kein Konzept hat. Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen. Die hat Unruh studiert. Sie setzt im Anschluss an Darwins Evolutionstheorie ein, doch nun ist er selbst mit dem Ende der Welt konfrontiert und dem „Survival of the Fittest“. Ob dabei der Mensch noch eine Rolle spielt oder der Fisch die Unterwasser-Weltherrschaft übernimmt, bleibt offen.
Auch wer Unruh heißt, muss irgendwann schlafen. In dessen Träumen begegnet ihm Gott – Pavel Möller-Lücks innere Stimme in der äußeren Form. Den Schöpfer von Himmel, Erde und Wasser als alten Herren mit weißem Rauschebart zu zeigen, wäre reichlich abgeschmackt gewesen. Warum Gott allerdings in Form von „Herrn Schneider“ aber als Woody-Allen-Puppe mit dem Idiom von Marcel Reich-Ranicki dargestellt werden muss, erschließt sich dem Betrachter nicht. Vermutlich war beides verfügbar.
Die wunderbare, liebevoll gewerkelte Bühne mit Tisch und Stuhl, vielen Schranktüren und einem Holzboot als Altar der Alltagsfundsachen ist eine Mischung aus Titanic, Spaceshuttle und Kommandostand. Das Wasser steigt. Erste Stadtteile sind bereits unbewohnbar, und Renaturierung ist hier eine Phrase für das Versagen der Politik, dem Klimawandel frühzeitig zu begegnen.
Die Intension des Stückes kommt auch so rüber, dazu hätte es den „Faust I“ rezitierenden Eisbären als Metapher nicht gebraucht. Wenn schon, hätten die Zeilen „Der Worte sind genug gewechselt; Lasst mich auch endlich Taten sehn“ in dieser, unserer Gegenwart mehr Prägnanz gehabt.
