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NWZonline.de Region

Frauen zeigen in Video Gesicht gegen häusliche Gewalt

24.01.2019

Oldenburg Es ist kalt auf dem Utkiek. Das Thermometer steht deutlich unter dem Gefrierpunkt. Die Wintersonne taucht die Hügel in milchiges Licht. An der Burmesterstraße trifft ein Auto nach dem nächsten ein. Am Steuer sitzen allesamt Frauen. Eine nach der anderen wickelt sich in Schal und Winterjacke und macht sich auf den Weg. Hinauf, zu einem kleinen weißen Zelt, vorbei an einem Gartenstuhl, an dessen Lehne ein Zettel klebt: „Achtung Dreharbeiten.“

Gedreht wird hier, an diesem Sonntagmorgen, ein Rockvideo. Gitarrist Mirco steht mit seinem Instrument in der Hand auf dem Hügel und spielt bereits sein Solo für die Kamera ein. „Anymore“ heißt der Song der Band Rock Therapy, der heute in Szene gesetzt wird. Sängerin Sarah Kruse steht in dem weißen Pavillonzelt, in dem ein Heizpilz gegen die Kälte ankämpft. Die ankommenden Frauen nehmen darin Platz und werden von ihr geschminkt. Doch es geht nicht um gut sitzende Wimperntusche oder auffallenden Lippenstift: Sarah Kruse lässt blaue Augen, blutende Wunden und aufgeplatzte Lippen entstehen. Denn der Song widmet sich einem anspruchsvollen Thema: der Gewalt gegen Frauen.

Narben verheilen

Dieser Inhalt ist keine leichtgängige Rock-Kost. Wie also kommt eine Band darauf, sich eines solchen Themas anzunehmen? „Es ist immer noch ein Tabuthema“, sagt Schlagzeugerin Stephanie Helbrecht, 29. „Viele Frauen denken, sie seien damit allein. Aber das stimmt nicht.“ Dem schließt sich auch Sängerin Kruse an: „Es ist immer noch aktuell. Auf dem Papier ist viel passiert in Sachen Gleichberechtigung, aber in der Realität sieht das anders aus. Da sind Frauen immer noch das schwache Geschlecht. Gerade, was häusliche Gewalt angeht.“ Und damit meint sie nicht nur körperliche Auseinandersetzungen: „Die Narben verheilen irgendwann, was mit der Seele passiert, steht auf einem ganz anderen Blatt.“ Daher sei es der Band wichtig, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. „Wir wollen Frauen damit Mut geben, etwas dagegen zu tun.“

Jede vierte Frau wird zum Opfer

Bundesministerium Laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt. Betroffen seien dabei Frauen aller sozialen Schichten.

113.965 Frauen Der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik nach wurden 2017 insgesamt 138.893 Personen erfasst, die Opfer von Partnerschaftsgewalt wurden. 113.965 davon weiblich.

100 Prozent Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind die Opfer zu fast 100 Prozent weiblich, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es fast 90 Prozent. Bei vorsätzlicher, einfacher Körperverletzung sowie bei Mord und Totschlag in Paarbeziehungen sind 81 Prozent der Opfer Frauen.

Hier gibt es Hilfe Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer Telefon   08000/ 116 016 und via Online-Beratung finden dort Hilfesuchende aller Nationalitäten, mit und ohne Behinderung – 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr kostenlos und anonym Unterstützung.

Ramona Radczinski, 45, spielt die Hauptrolle in dem Video, das die Geschichte einer Beziehung erzählt, die liebevoll beginnt, aber ein gewalttätiges Gesicht entwickelt. „Ich habe bei dem Thema sofort zugesagt mitzumachen“, sagt Radczinski, „da ich mich dafür stark machen möchte“.

Lesen Sie auch:
„Wenn ich loslasse, bin ich geschockt“ – Ein Täter erzählt (Abo) Artikel vom 29. Dezember 2018
„Am Schluss habe ich gehofft, dass er mich totschlägt“ – Ein Opfer erzählt (Abo), Artikel vom 14. November 2018,

Gedreht wird über mehrere Tage und an unterschiedlichen Orten: Die Bandszenen sind in einer Turnhalle in Apen entstanden, die Beziehung und ihre Entwicklung wird bei Radczinski zuhause gedreht. Heute geht es auf dem Utkiek um eine der wichtigsten Botschaften des Videos: „Du bist nicht allein.“ Dazu hat die Band über private Kontakte und einen Aufruf bei Facebook nach Statistinnen gesucht. Frauen, die sich der Hauptfigur an die Seite stellen und diese davon abhalten, selbst mit Gewalt zu reagieren. „Denn das ist eine der Botschaften, die wir haben. Gegen-Gewalt ist keine Lösung“, sagt Helbrecht. „Vielmehr geht es darum, zu sagen: Gemeinsam schaffen wir das. Es gibt Hilfe.“

Verena Lücking hat den Aufruf auf Facebook gelesen: „Ich wollte mal etwas aus mir herauskommen und etwas Neues ausprobieren“, beschreibt die 27-Jährige. „Ich finde es aber auch wichtig, dass das Thema nicht unter den Tisch gekehrt wird.“ Das sieht auch Jessica Fisser so: „Es ist wichtig, dass man das Thema nicht verschweigt oder schönredet. Manche Frauen denken sogar, es sei ihr Fehler, das darf nicht sein.“

Erlös für das Frauenhaus

Gedreht wird bis in den Nachmittag hinein. Natürlich mit offizieller Genehmigung der Stadt. Bis das Video zu sehen sein wird, wird es jedoch ein wenig dauern: „Nach den Dreharbeiten kommt der Schnitt, das nimmt eine Menge Zeit in Anspruch.“ Präsentiert werden soll das Video dann am 2. März in Bad Zwischenahn beim Overdose Festival im Jugendzentrum Stellwerk.

Doch bei dem Video allein will es die Band nicht belassen: Im September (7.9.) spielen sie gemeinsam mit „Honeytruck“ und „We are Riot“ ein Benefizkonzert in Augustfehn. Der Erlös kommt dem Frauenhaus Oldenburg zugute.

Umfrage unter den Statistinnen/Darstellerinnen

Für das Video zu „Anymore“ hat die Band Rock Therapy nach Statistinnen gesucht. In dem Video sind die Frauen mit geschminkten blauen Augen und Platzwunden zu sehen. Die NWZwollte von den Frauen wissen, warum sie an dem Dreh mitwirken und ob sie damit eine persönliche Botschaft verbinden.

Jessica Fisser

„Es gibt Frauen, die denken, es sei ihre Schuld. Aber das stimmt nicht. Es wird zu viel verschwiegen.“

Jessica Fisser, 27

Ramona Radczinski

„Ich will mich stark machen. Ich will den Frauen sagen: Gemeinsam schaffen wir das.“

Ramona Radczinski, 45

UtVerena Lücking

Das Thema wird zu häufig unter den Tisch gekehrt. Man hört viel, aber man sieht es Frauen nicht immer an.

Verena Lücking, 27

Isabelle Schröder

„Unser Geschlecht ist stärker als man denkt. Wenn ich den Mut habe zu gehen, dann kannst Du das auch.“

Isabelle Schröder, 27

Katharina Rose

Die Menschen müssen verstehen: Wir sind keine Minderheit und wir sind nicht minderwertig.

Katharina Rose, 29


Mehr Infos zur Band unter   www.rock-therapy.de 
Mareike Weberink Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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