Oldenburg - Was wollen diese schönen Zähne verheißen, die uns zwischen hübschen Lippen immer wieder so vom Vorhang entgegenstrahlen? Verweist dieses Lächeln darauf, dass es im Großen Haus des Staatstheaters zweieinhalb Stunden lang zähnefletschende fröhliche Laune gibt? Haben vielleicht die vereinigten Oldenburger Zahnärzte die letzte Premiere der Spielzeit finanziert, die „Rocky Horror Show“? Oder lenkt dieser Mund die Gedanken auf die Möglichkeit, dass auch am fetzigsten aller Rock-Musicals der Zahn der Zeit nagen könnte?
Zuvörderst: Die Zeit hat ihre Zähne nicht in Richard O’ Brians Kult-Produkt von 1973 geschlagen! Die irre Parodie auf Horror-, Monster- und Science-Fiction-Stücke kommt frisch wie einst herüber. Die fetzige Musik, die mitreißenden Tanzszenen und die schmissigen Choreografien bringen Herzen und Körper in Wallung. Die Altersfrage mag sich höchstens beim Publikum im ausverkauften Haus stellen. Es amüsieren sich auffällig viele Menschen, die einst zeitgemäße Freude an Anarchie gehegt haben mögen. Heute könnte man sie als „Alt-Rocker“ durchwinken. Sie sind so wenig gealtert wie das Stück.
Hütchen und Tröte
Die Geschichte ist flippig, frivol und simpel. Janet und Brad, frisch verlobt, verschlägt es nach einer Autopanne in der Einöde auf ein Schloss, wo die außerirdischen Transsylvanier ihren Jahreskongress abhalten. Obermeister Dr. Frank N. Furter, ein die Bühne beherrschender Transvestit, hat sich aus der Retorte den muskulösen Gefährten Rocky geschaffen. Beide lehren die Erdlinge, dass in ihrem Reich das Lustprinzip gilt.
Und die naiven Unschuldigen vom Lande genießen zunehmend in vielen Lagen und Stellungen ungeahnte erotische Erfahrungen. Doch der vergrellte Diener Riff Raff und eine Gefährtin erheben sich gegen die Maßlosigkeiten, töten Furter und den übrigen Hofstaat mit Laserstrahlen und rauschen zurück auf den Heimatplaneten Transsexual. Brad und Janet bleiben zurück wie einst Adam und Eva vor dem Paradies.
Eine Inszenierung wäre fast verzichtbar. Das Publikum setzt sich selbst in Szene und bedient sich der Utensilien aus dem Kulturbeutel, vom Hütchen bis zur Tröte. Gegen Sprühregen aus den Wasserpistolen schützt es sich mit Zeitungsblättern. Über dem Orchestergraben schwoft und rockt fast eine Hundertschaft. Sagt jemand auf der Bühne „Eddie“, zischen alle „Pscht!“ Fällt der Name Dr. Scott, „uhen“ alle. Dem Erzähler (Jens Ochlast) schallen „boring“ (langweilig) oder persönliche Kommentare entgegen.
Robert Gerloff hat trotzdem inszeniert. Nicht nur, dass er damit überhaupt nicht stört. Nein, er hat wirklich Logik, Unlogik, Revueshow, besinnlichen Hintergrund, ordinäre und feine Erotik, Dramaturgie der Musiknummern, Raumgestaltung und Personenführung zu einem herrlich benebelnden Mix zusammengeschüttet. Über die raffiniert in wechselnde Kleinräume aufgeteilte Bühne von Maximilian Lindner und in schwarz-weißen oder grell bunten Kostümen von Johanna Hlawica wirbeln die Außerirdischen in der Choreografie von Mirjam Klebel. Zwei kleinere Längen entstehen mittendrin eher dadurch, dass sich Effekte abgenutzt haben und nicht direkt zu übertrumpfen sind.
Viele Ohrwürmer
Als Frank N. Furter zieht Alexander Prince Osei eine ganz eigene Nummer ab. Dort, wo er auftaucht, steht der Bühnenmittelpunkt. Und obendrein singt er schmachtend gefühlvoll. Überhaupt faszinieren die singenden Schauspieler ohne Abstriche: Helen Wendt und Fabian Kulp (Janet und Brad), Rajko Geith (Riff Raff), Agnes Kammerer (Columbia/Trixie), Katharina Shakina (Magenta/Betty), Johannes Schumacher (Rocky Horror) Klaas Schramm (Dr. Scott/Eddie).
Und dann die Musik! Die sechsköpfige Band „The Unattended Minors“ unter Hajo Wiesemann trifft bestens den Sound der Schlager. Als da wären: „Don’t Dream It – Be It!“ oder „The Time Warp“, „Hot Patootie“ und „Superheroes.“ Dazu viele andere Ohrwürmer, einfach schön!
Mit Navi wäre das alles nicht passiert. Gut, dass es 1973 keine gab. Nie hätten sich Janet und Brad derart verirrt. Was wäre aus ihnen geworden? Ein wohlsituiertes, erfolgreiches, aber verklemmtes Ehepaar? Tja, radikal veränderte Blicke auf die Welt können das Leben schon enorm bereichern.
