Oldenburg - Das hätte natürlich jeder Opernintendant gern: Eine Versicherung, die sein Haus gegen Verluste durch misslungene Aufführungen schützen könnte. Da kann Christian Firmbach in Oldenburg nur überlegen lächeln. Einen passenden Vertrag hat er am Staatstheater doch längst. Vor drei Jahren hat er ihn mit Sooyeon Lee abgeschlossen.
Sooyeon Lee ist Sängerin. Folglich hat sie einen Arbeitsvertrag, ohne Versicherungsklauseln. Aber wenn die 30 Jahre alte Sopranistin Hauptrollen verkörpert, dann haben die Südkoreanerin und das Theater offenbar den Erfolg gepachtet. Die Marie in „La Fille du Régiment“ von Gaetano Donizetti war ein solcher Geniestreich. In der jetzt zu Ende gehenden Saison bewegte Lee in der Titelrolle von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ alle Opernfreunde in der Region. „Es gibt Opern, die setzt man nur auf den Plan, weil man genau die Sängerin oder den Sänger dafür hat“, sagt Firmbach.
Absolut zufällig hatte es die in Seoul und Wien ausgebildete und mit Abschluss-Auszeichnung bedachte Lee 2015 nach Oldenburg geweht. „Sing doch mal dort vor!“ hatte ihr ein befreundeter Kenner des Staatstheaters empfohlen. Sie muss dann einen verdammt guten Eindruck hinterlassen haben. Zur Spielzeit 2016/17 war sie engagiert. Dabei gelten bei der riesigen Konkurrenz feste Verpflichtungen an namhaften Häusern wie Hauptgewinne im Lotto. In zwölf Produktionen hat sie seitdem auf der Bühne gestanden.
Eine Mischung aus schon sehr weit entwickelter Gesangskunst und eine einnehmende persönliche Ausstrahlung haben Sooyeon Lee zum Publikumsliebling werden lassen. Sie wirkt zum einen mutig und trotzdem entspannt genug, sich Rollen zwischen Rameau und Wagner zu stellen. Ihren Sopran führt sie dabei voller Wärme und Emotion, zudem ohne angestrengten Druck. Sie entwickelt feine Nuancen und brilliert mit Spielwitz.
Selbst schätzt sie ihre Stimme als „nicht so dramatisch groß, aber gut in die Höhe führend“ ein, eher fein im Klang „wie Geige oder Flöte, weniger wie Cello oder Posaune.“ Vor allem: „Ich kann sehr gut leise singen.“ Das fasziniert die Hörer und bringt das höchste Einverständnis in einer Aufführung: „Da fühle ich, wie das Publikum mit mir atmet.“ Doch es ist zum anderen auch Selbstdisziplin gefordert: „Man muss klug genug sein, seine Stimme zu schützen“, erklärt sie. Kratzer durch Überforderung lassen sich später kaum übertünchen.
Sängerin war nicht ihr erstes Ziel. Als Kind wollte sie Tänzerin werden. „Doch meine Mutter ist ähnlich klein wie ich, 1,58 Meter. Sie befand, unsere Figuren passen da nicht“, erzählt sie lachend. Doch Sooyeons Talent zum Singen und ihr gutes Gehör hatte die Mutter, eine Klavierlehrerin, erkannt. So nahm die Ausbildung vom Kinderchor über das Musikgymnasium bis zu Studium und Diplom ihren Lauf.
Mehrere Auszeichnungen begleiteten ihren Weg. Beim ARD-Wettbewerb gewann Lee 2015 den zweiten Preis und den Publikumspreis. 2018 würdigte das Staatstheater ihre Entwicklung mit dem Erna-Schlüter-Preis.
Aktuell hat sie sich gerade beim renommierten „Ranglisten-Turnier“ der britischen BBC „Singer of the World“ in Cardiff in den Vordergrund geschoben. Keine Geringere als Kiri te Kanawa hatte die 20 Teilnehmer für die letzten Runden der einzelnen Stimmlagen ausgewählt. Als beste Sopranistin rückte Lee auch noch in den Kreis der fünf Anwärter auf den „Main-Prize.“ „Nun gut, den hat dann jemand anders bekommen“, berichtet sie.
Die Versicherung mit Sooyeon Lee läuft noch bis zum Ende der nächsten Spielzeit. Und dann? Kann gut sein, dass für sie Oldenburg nur am Anfang einer größeren Karriere steht – und der Generalintendant sich nach einem neuen Erfolg versprechenden Deal umtun muss.
