Oldenburg - Niels Högel spielt keine Rolle, zumindest kommt er in diesem Projekt als Figur nicht vor. Dennoch kann sich niemand frei machen vom Serienmörder, der im Juni 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der Ex-Pfleger hatte seine Opfer zwischen 2000 und 2005 in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst mit Medikamenten zu Tode gespritzt.
Diese Mordserie überstieg in ihrer Dimension von Verlust und Vertrauensbruch jegliche Vorstellungskraft. Seither versuchen die Angehörigen der Getöteten, die Mitarbeiter des Klinikums, die Öffentlichkeit das Geschehene zu verstehen und zu verarbeiten. Erzählt wird eine Geschichte vom „Überleben“. So lautet der Titel des Dokumentarstücks der Göttinger „werkgruppe2“, das an diesem Samstag Premiere am Oldenburgischen Staatstheater hat und mit Spannung erwartet wird.
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Herausgefordert sind vor allem die Darsteller wie Klaas Schramm. Die Schauspieler lassen Angehörige, Theologen, Pfleger, Ärzte, Psychologen und Historiker stellvertretend zu Wort kommen. 25 Interviews mit Beteiligten wurden geführt, transkribiert und komprimiert. „Es war schon herausfordernd. Wir verkörpern ja auf der Bühne diese Interviews“, berichtet der erfahrene Schauspieler, der seit 2005 am Staatstheater beschäftigt ist. „Es handelt sich um eine große Textmenge mit vielen Ähs und Öhms. Der Satzbau ist nicht gerade einfach. Es wurde eine Strichfassung erstellt, die wir dann mit allem Stocken und Pausen lernen mussten. Das sagt ja sehr viel über das emotionale Empfinden der Interviewten aus.“ Betroffene kommen zu Wort, Experten suchen nach Erklärungen und ordnen ein. „Die Interviewten waren insgesamt reflektiert, was aber an der Interviewsituation lag. Natürlich waren sie auch emotional, man merkt, dass da was drunterliegt“, so Schramm weiter. „Es ist die Aufgabe der Schauspieler, diese Emotionalität auf der Bühne sichtbar zu machen.“
Aus Fehlern gelernt
Und man habe aus Fehlern gelernt, bekennt Regisseurin Julia Roesler. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe dieses Theaterstückes kurz vor dem Prozessbeginn sei unglücklich gewesen, räumt sie ein: „Wir haben nicht genau genug gespürt, wie emotional aufgewühlt die Menschen sind, die gerade als Nebenkläger im Gerichtssaal sitzen. Zudem gab es eine große Medienmaschinerie, die sich auf alles gestürzt hat, was man finden konnte, und der wir zum Opfer gefallen sind.“
Das Landgericht Oldenburg hat den Ex-Krankenpfleger Niels Högel im Juni 2019 wegen Mordes an 85 Patienten schuldig gesprochen. In 15 Fällen sprach die Strafkammer den 42-Jährigen vom Mordvorwurf frei, weil sich eine Tat nicht zweifelsfrei nachweisen ließ. Högel war angeklagt wegen 100-fachen Mordes. Er und ein Nebenkläger haben Revision eingelegt.
Überleben ist der Titel eines dokumentarisches Theaterprojekt von werkgruppe2 mit dem Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters, dass sich mit der grauenhaften Tat beschäftigt.
Das Stück feiert Premiere an diesem Samstag um 20 Uhr im Kleinen Haus. Es sind weitere zehn Termine geplant.
Karten an der Kasse des Staatstheaters sowie unter
Nach diesem schwierigen Start sei man viel behutsamer vorgegangen, sagt Roesler. Anders als bei anderen Theaterprojekten habe das Kollektiv bewusst auf öffentliche Aufrufe verzichtet und sich stattdessen mögliche Gesprächspartner vermitteln lassen.
Das Team sei sich der Verantwortung jederzeit bewusst gewesen, versichert Klaas Schramm. „Wir wollten vorsichtig sein gegenüber den Angehörigen. Es ist eben ein reales Thema, kein fiktiver Stoff. Und es ist in der Stadt Oldenburg passiert. Das bedeutet, die Zuschauer hier sind irgendwie vom Thema selbst betroffen oder mindestens sehr daran interessiert. Sie werden in jedem Fall hinschauen, ob wir uns mit dem nötigen Respekt nähern. Es geht darum darzustellen, was Menschen bewegt, und nicht, um als Schauspieler eine Show abzuziehen.“
Wenn allerdings gar keine Reaktionen gekommen wären, „wäre es auch problematisch gewesen“, ist die Regisseurin überzeugt. Die emotionalen Reaktionen zeigten auch, „dass wir etwas tun, was wichtig ist; dass Theater gesellschaftliche Relevanz hat; dass es die Punkte aufspürt, die zu behandeln sind.“ Darsteller Schramm ergänzt: „Es ist ein Thema, das die Stadt beschäftigt, und eben kein Hamlet von Anno dazumal. Es hat für uns eine andere Relevanz. Es soll nicht irgendwie sein – es soll den Punkt treffen!“
In engem Austausch
Bis zur Premiere am Samstag wird gearbeitet, sagt Julia Roesler: „Die Interviewten konnten das Stück am Montagabend vorab sehen. Es gab eine Nachbereitung. Wir sind schon einige Zeit im engen Austausch. Und wenn es da was gibt, dann klären wir das.“
Das Theaterprojekt sucht nach ungeklärten Fragen in der Erzählung der Betroffenen. Von Lücken sind das Geschehen und die Aufarbeitung geprägt. Das Theaterprojekt „Überleben“ sammelt und ordnet dieses Nicht-Wissen: die Leerstellen, die fahrlässigen Unterlassungen, die aufgestauten Emotionen, die unbeachteten Erinnerungen.
