Oldenburg - Nein, Antworten gab es keine. Denn wer hätte sie auch geben sollen: die Regisseurin? Die Schauspieler? Das Publikum? Die Öffentlichkeit? Weil man sich doch so etwas nicht ausdenken kann, solch einen Massenmord, diese systematische Tötung von Patienten durch den Krankenpfleger Niels Högel. Noch dazu es vor der eigenen Haustür passierte, in den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst, wo doch Angehörige gesunden und Kinder geboren werden sollen.
Und doch geschah es. Oder ließ man es geschehen, über einen Zeitraum mehrerer Jahre. Das mit Spannung erwartete dokumentarische Theaterprojekt „Überleben“ feierte am vergangenen Samstag Premiere im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters.
Es war die erwartete Zumutung, die die „werkgruppe 2“ und die daran beteiligten Schauspieler und Musiker auf die Bühne brachten. Weil alles dort Gesprochene und Unausgesprochene so wirklich ist. Und weil die Grenzen des Zumutbaren nach den vielen Gesprächen im Vorfeld nicht überschritten wurde.
Högel spielt keine Rolle und fand auch namentlich nur zweimal statt. Und doch war es so, dass man unfreiwillig einen Schmerz verspürte, als Kammerschauspieler Thomas Lichtenstein in szenischer Verzweiflung diesen Namen herausbellte.
Nach der ersten öffentlichen Aufregung über das ungeschickt und zum falschen Zeitpunkt kommunizierte Theaterprojekt hatten sich die Macher um die Regisseurin Julia Roesler und Dramaturgin Silke Merzhäuser viel Zeit für die Aufarbeitung genommen. Das Genre des sogenannten Verbatim theatre behandelt historische oder aktuelle politische oder soziale Ereignisse. Als Quellen werden juristische oder historische Reportagen, Dokumente, Berichte und Interviews genutzt, und trotzdem gilt es als eine fiktionale Kunstform.
Live-Musik ist beteiligt; in Oldenburg spielt das Trio Jakob Rubin, Jan Schreiner und Stephan Meinberg ums „Überleben“. Ihre Instrumente Posaune, Flügelhorn, Trompete, Posaune und Saxofon funktionieren über Luft. Das Atmen symbolisiert die elementarste unser Körperfunktionen, ist Grundlage allen Denkens und Handelns, im Guten wie im Bösen, von der Wiege bis zur Bahre.
Wenn also die Posaune diesen kurzen Luftzug macht und danach der Klappenschlag der Trompete folgt, ist die rhythmische Simulation perfekt und man fühlt sich so intensiv neben einer Herz-Lungen-Maschine. Ein Effekt, den Komponistin Insa Rudolph dosiert einsetzt und der uns den nächsten Schauer beschert.
Und als sei die Tristesse nicht groß genug, verstärkte das minimalistische Bühnenbild die Erinnerung an den Ort des Schreckens: der Treppenaufgang mit dem originalen Handlauf und den Stufen in der üblichen Betonoptik – Mensch, wie oft ist man im Klinikum rauf- und runter gegangen? Man muss sagen, hier hat Bühnenbildnerin Charlotte Pistorius mit ihren Helfern ganze Arbeit geleistet.
Vor diesem drehbaren Kubus trifft man sich zum Plausch unter Mediziner-Kollegen, man raucht und spricht über diese auffällig hohe Rate an Reanimationen in der vergangenen Zeit und über die vielen Verstorbenen im Klinikum. Und weiß nicht, warum und wer, und will es vielleicht besser gar nicht wissen.
Dabei gab und gibt es viel aufzuarbeiten in dieser unglaublichen Mordserie, die nicht nur das Ensemble ratlos zurückließ. Etwa als Thomas Lichtenstein in seinem Monolog als verzweifelter Sohn, der mit der Tötung seines Vaters im Klinikum konfrontiert ist und es der Mutter beibringen muss. Das ist herzzerreißend dargestellt, total überfordert und ungelenk: Es dokumentiert einerseits große Schauspielkunst, andererseits die Erkenntnis, dass der Umgang mit dem Grauen kein Muster kennt.
Viele Fragen, kaum Antworten: Schließlich geht es um eine Massentötung ungeahnten Ausmaßes. Die Klinikmorde in Oldenburg und Delmenhorst gelten als die vermutlich größte Mordserie in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte nach 1945. Und es geht in den authentischen Dialogen auch um fehlende Solidarität. Denn was gibt und gab es bislang an gesellschaftlichen Reflexen über die kollektive Betroffenheit und das persönliche Engagement einzelner hinaus?
Insofern hat sich das Oldenburgische Staatstheater selbst den Klotz ans Bein gebunden und verdient dafür großes Lob. Denn alles in allem haben die Kirchen in Niedersachsen, die Landesbehörden, die Stadtgesellschaft in Oldenburg und Delmenhorst wenig Interesse daran gezeigt, die Klinikmorde und die Bedeutung aufzuarbeiten. Es gab hier nicht den einen Amoklauf, das eine Massaker, das die Menschen zusammenschweißt. Dabei konnte man in den vergangenen Wochen beobachten, wie nach einer Bluttat angemessen und solidarisch reagiert werden muss.
„Überleben“ ist ein wichtiger Beitrag, der zur Premiere großen Anklang des Publikums fand. Die Inszenierung bringt Menschen zusammen, um das Thema, um die Getöteten, die Davongekommenen, die Angehörigen, aber auch die Schweiger, Verdränger und Mittäter nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Lange war Theater nicht mehr so lebensbejahend wie diesmal.
