Oldenburg - „Mein Name ist Uli Borowka und ich werde mir jetzt das Leben nehmen“. Es ist der letzte Satz aus dem ersten Kapitel des Buches, das der frühere Fußballprofi gemeinsam mit Alex Raack geschrieben hat. Einer der sitzt wie früher seine Blutgrätschen. Der zeigt, wie weit ihn der Alkohol in die Tiefe gerissen hatte.
Der 56-jährige trägt ihn am Freitag im Lichthofe der Jade Hochschule vor. Im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema „Arbeit – Sucht – Gesundheit“ ist eine Lesung mit Diskussion angekündigt. Tatsächlich lesen wird Borowka allerdings kaum. Weil er auch ohne Notizen zwei Stunden lang einen Saal im Griff hat.
Die Fußballanekdoten belegen dabei nur einen sehr kleinen Teil, dafür den amüsanten. Über Borowkas Freundschaft zu Lothar Matthäus, die zerbrach, als er den Weltstar beim ersten Spiel gegeneinander auf die Tartanbahn grätschte. Oder von seinem späteren „Rosenkrieg“ mit Werder Bremen, „mit dem kleinen Manager, einssechzig, ohne Haare. Aber der ist ja nicht mehr da, jetzt haben wir uns wieder lieb.“
Bei Borussia Mönchengladbach startete Uli Borowka 1981 seine Profikarriere. 1987 wechselte er zu Werder Bremen, wo er bis 1996 spielte und zum Publikumsliebling avancierte. Für die Nationalmannschaft lief er sechs Mal auf.
16 Jahre lang war Borowka nach eigenen Angaben alkohol- und medikamentenabhängig, zudem vier Jahre spielsüchtig. 2013 gründete er einen Verein zur Suchthilfe und -prävention.
Für das Blatt vor dem Mund war Borowka nie bekannt. So rustikal wie auf dem Platz verarbeitet er seit Jahren seine Suchtproblem: Alkohol, Medikamente, Zockerei. Er hat alles aufgeschrieben in seinem Buch „Volle Pulle“, das 2012 erschien und in dem er sich „bis auf die Unterhose ausgezogen“ habe.
Mit derselben Offenheit tourt er seitdem durchs Land mit dem Ziel, nicht nachlassend den Finger in die Wunde zu legen. Geschont wird niemand. Nicht die Väter, die beim Spiel des Sohnes mit Bierflasche am Spielfeldrand stehen, „wo ich mir an den Kopf fasse.“ Nicht die Unternehmen, die die Trinkerei ihrer Mitarbeiter akzeptierten, „solange sie weiter 100 Autos in der Woche verkaufen.“ Und nicht der Oliver Kahn oder der DFB, die Wettanbieter als Werbepartner haben. „Dafür habe ich null Verständnis.“
Die Einladung zur Sucht findet sich überall, so Borowkas Hauptkritik. Zum Beispiel in der Abhängigkeit von Handys und Spielen, die er als große Gefahr und als Einstiege zu anderen Süchten sieht. Dass das nur wenige Menschen betrifft, dem widerspricht er. „Jeder hat ein oder zwei Suchtfälle in seinem Bekanntenkreise“, davon ist der Ex-Fußballer überzeugt.
Und dann ist man als Bezugsperson schnell in der Co-Abhängigkeit: Man unterstützt die Sucht des Mitmenschen, in dem man Hilfe unterlässt, das Problem vielleicht sogar vertuscht und mit leidet. Borowka kennt das von seiner damaligen Frau, die sich Ausreden für ihn habe einfallen lassen. Auch seinen Trainer bei Werder, Otto Rehhagel, bezeichnet er in seinem Buch als co-abhängig, weshalb dieser über Jahre nicht mehr mit ihm geredet habe.
Uli Borowka (rechts) spielt unter anderem mit Mario Basler (links) unter Trainer Otto Rehhagel in Bremen.
Inzwischen ist Borowka seit 19 Jahren trocken, wird aber bis an sein Lebensende gefährdet sein. „Wenn ich das einmal vergesse, dann habe ich ein Problem.“
