Herr Fisbeck, bekommen Sie Angst, wenn Sie am Lefferseck stehen und Richtung Wall schauen?

FisbeckNein, ich bekomme keine Angst. Oldenburg hat viele Besucher. Und die finden unsere Innenstadt einmalig. Auch viele Oldenburger lieben das einzigartige Flair. Allerdings merken wir das meist nur, wenn wir mal woanders waren und dann anschließend vergleichen. Dennoch: es gibt ohne Zweifel auch Probleme.

Die wären?

FisbeckWir haben einen Wandel in der Innenstadt. Einige sind auch digital gut unterwegs, andere ticken rückwärts. Zum Teil fehlen Nachfolger für alt eingesessene Geschäfte oder Ideen für die Zukunft. Man kann das am Zustand der Gebäude und der Sortimente erkennen. Aber das ist eben nur ein Teil. Wir haben auch echte Leuchttürme, die in den letzten Jahren viel getan haben. Ich nenne da mal beispielhaft Leffers.

Manche Oldenburger meinen ja, die Schlosshöfe seien der Grund für zunehmende Leerstände

FisbeckEs ist richtig, dass sich Kundenströme Richtung Marktplatz verschoben haben. Das liegt auch am Wandel in der Heiligengeiststraße und dem Umzug von Saturn. Der Kern der Innenstadt liegt jetzt zwischen Leffers und den Schlosshöfen. Letztere haben übrigens dieselben Probleme wie der Rest der ganzen City. Da ist einmal das Thema Parken und Verkehr. Dann aber auch ein Wandel bei den großen Textilketten. Früher wollten die in jeder Großstadt präsent sein. Heute rechnet sich das nicht mehr. Schauen Sie doch nur Esprit oder Benetton an. Es gab zu viele Filialen pro Marke, da musste eine Bereinigung ’rein. Zum Teil lag es parallel aber auch an den sehr teuren Mieten.

Ist die Vermietungspraxis von Hauseigentümern ein Teil des Problems? Fehlt es an Mieterpflege, an Partnerschaft?

FisbeckLeider werden viele erst beweglich, wenn sie selbst Leidensdruck spüren, wenn es im eigenen wirtschaftlichen Umfeld weh tut. Hier brauchen wir eine neue Denke. Die Mieterpflege fehlt. Im Übrigen fände ich es gut, wenn mal eine Art Vermietungsspiegel für die Innenstadt erstellt würde – wer ist der Vermieter, und was zahle ich dort für den Quadratmeter. Die Immobilienbesitzer bekommen jetzt vielleicht Schaum vorm Mund, aber wir brauchen ein Monitoring, insbesondere beim Leerstand von Immobilien.

Mit welchem Ziel?

FisbeckDamit man zum Beispiel eher ins Gespräch kommen und reagieren kann. Nehmen wir beispielsweise die Immobilien hinter Leffers Richtung Heiligengeiststraße. Wenn der Niedergang augenfällig wird – wie jetzt auch am Lefferseck zwischen Herbartgang und Heiligengeistwall – ist es zu spät – und man kann die Attraktivität dieser Gegend nur noch schwer zurückgewinnen. Trotzdem brauchen wir zusätzlich natürlich auch für die Innenstadt ein Leerstandsmanagement.

Wo könnten die Eigentümer noch hilfreicher sein?

FisbeckVerträge wurden früher für zehn Jahre fest gemacht, heute in der Regel nur auf drei bis fünf Jahre, vielleicht mit Option. Das heißt: Der Vermieter verzichtet nicht auf Miete, sondern auf Laufzeit – also auch auf Partnerschaft und Mieterpflege. Das führt zu einem häufigeren Wechsel.

Die Mieter selbst haben aber ja vermutlich auch nicht alles richtig gemacht, wenn es schief gegangen ist.

FisbeckBei weitem nicht alle Konzepte sind überzeugend. Manche wollen unbedingt gleich in einer 1a-Lage anfangen, statt das Ganze erst mal in einem mittelgroßen Ort auszuprobieren. So kann man sich übernehmen.

Ein Faktor, der den Einzelhändlern das Leben schwer macht, ist die Bestellung von Kunden im Internet. Was kann der Handel tun?

FisbeckIch würde sagen, 20 Prozent des Umsatzes sind aus dem zentralen Versorgungsbereich ins Internet abgewandert. Das ist genau die Summe, die dem Einzelhandel am Ende fehlt, um den fürs Wirtschaften nötigen Gewinn zu erzielen. Anders als bei der Grünen Wiese, die für die Zentralität eines Oberzentrums wie Oldenburg wichtig ist, ist diese Enter-Taste, die an jedem Sofa liegt, für den städtischen Einzelhandel ein größeres Problem darstellt.

Die nötige Reaktion?

FisbeckEs ist klar, die Innenstadt muss etwas tun. Das fordert heraus, dort nicht mehr allein auf die Bedarfsdeckung zu schauen, sondern zu erkennen: Wir brauchen das Erlebnis, wir brauchen Ideen, den öffentlichen Raum zu bespielen. Dazu gehört übrigens auch die Weihnachtsbeleuchtung, die die Stadt zum Glück mitträgt und sich für die Attraktivität ihrer Innenstadt mitverantwortlich zeigt. Das Zweite ist, und das ist viel schwieriger zu erreichen, ein fairer Wettbewerb. Der Nachteil, den der Einzelhändler vor Ort hat, entsteht auch durch fragwürdige Rahmenbedingungen. Internetriesen sitzen oft in Steueroasen. Allein durch das Einsparen von Steuern und Abgaben bei uns können sie 25 bis 30 Prozent günstiger kalkulieren. Da werden keine Gewerbesteuern gezahlt, auf Gewinne werden nur Ministeuern fällig. Und – im Gegensatz zum stationären Einzelhandel – kümmert sich keiner um die Frage der monströsen Mengen an Verpackungsmüll, die durch die Paketverschickerei entstehen, und ordentlich bezahlte Arbeitsplätze bringt es auch kaum welche, um nur mal drei Beispiele zu nennen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

FisbeckWir haben hier in der Stadt junge Top-Leute, die das großartig machen, auch so einer wie Nölker & Nölker gehört dazu. Davon braucht Oldenburg allerdings noch mehr.

An welcher Stelle könnte die Stadt es den Einzelhändlern leichter machen, um die Attraktivität der Innenstadt zu schützen und auszubauen?

FisbeckDas Parken ist ein ganz entscheidendes Thema. Von Montag bis Donnerstag mögen die Parkplätze vielleicht ausreichen, aber nicht am Freitag und Samstag und schon gar nicht in der Vorweihnachtszeit. Wir brauchen mehr Parkplätze, aber die politischen Mehrheiten sind anders. Die Entwicklung geht genau in die andere Richtung. Da sind wir der Rufer in der Wüste.

Warum sind die Parkplätze so wichtig?

FisbeckWir müssen eins sehen: Wir sind eine kleine, ländlich orientierte Großstadt, wir müssen das Umland bedienen – und bedienen können. Wir sind angewiesen auf unser Einzugsgebiet, das bis nach Leer, Aurich und den Inseln reicht. Oldenburg ist mit jedem zweiten Euro Umsatz vom Umland abhängig. 80 bis 90 Prozent von denen, die aus dem Umland kommen, sind mit dem Pkw unterwegs. Parkplatzrückbau und Staus sind nicht das, was wir brauchen.

In dem Zusammenhang hat es einige überrascht, dass das CMO der Prüfung einer Einbahn-Regelung für den Wallring offen gegenüber steht.

FisbeckJa, man darf das aber nicht übertreiben. Wir können uns das dann vorstellen, wenn die Einbahn-Strecke vom Schloss bis zur Lappan-Kreuzung geht, weiter nicht. Wer also zum Beispiel von der Ofener Straße kommt, würde dann am Julius-Mosen-Platz nur links abbiegen dürfen. Allerdings müsste der Verkehr auf diesem Stück auch weiter zweispurig laufen. Wir wollen nicht, dass damit eine Spur zugemacht und komplett für den Bus- oder Radverkehr reserviert wird. Und auf gar keinen Fall wollen wir eine Einbahnstraße rund um die Stadt. Wichtig ist, dass der Verkehr fließt. Dafür wird aber nicht genug getan. Hier wird der Verkehr eher bewusst verlangsamt, zum Beispiel durch, wie in der Vergangenheit geschehen, Extra-Schaltungen für Radfahrer.

Der Grund?

FisbeckHier steht nicht das Überleben der Innenstadt im Fokus, hier wird Klientelpolitik für grüne Politik betrieben. Die Parteien werfen mit der Wurst nach dem Schinken, wenn es um die Bevorzugung grüner Interessen geht, weil sie meinen, nicht mehr ohne die Grünen regieren zu können. So verliert man sein eigenes Profil. Aus meiner Sicht wäre es viel sinnvoller, hier mal klare Gegenpositionen zu beziehen.

Welche Hoffnung verbinden sie mit dem Ausbau von P & R.

FisbeckSchwer zu sagen. Ich glaube eher nicht, dass das Umland das in der Breite annehmen würde. In jedem Fall sinnvoll wäre aber die Frequenz des ÖPNV um den Faktor 3 bis 4 zu erhöhen und ihn billiger zu machen. Kostenloser Nahverkehr bringt uns allerdings nicht weiter. Auch weil durch die dann überfüllten Busse die Attraktivität überhaupt nicht steigt.

Was sind die zentralen Positionen des CMO und damit des Einzelhandels für eine gesunde und attraktive Innenstadt?

FisbeckWie gesagt: Die aktive Bespielung des öffentlichen Raumes, da muss immer was los sein. Dann gemeinsame Aktivitäten zwischen Kultur, Handel, Gastronomie, Handwerk und Dienstleistung mindestens drei bis viermal im Jahr, geballte Marketingkraft, um das ’rüberzubringen, indem sich Stadt, OTM, CMO, Verkehrsverein und weitere Beteiligte dafür zusammentun sowie eine App für Stadtbesucher, die man hinterher wieder löscht, als Rundum-Sorglos-Paket, das alles enthält: Parken, Aktivitäten, Kultur, Händlerangebote, Essen – aktuell und konkret.

Karsten Röhr
Karsten Röhr Redaktion Oldenburg
Jasper Rittner
Jasper Rittner Chefreporter Oldenburg-Stadt/Ammerland