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nordwest-zeitung

Umweltschutz In Edewecht Ärger um wilde Müllkippen im Dänikhorster Moor

Ingo Schmidt

Osterscheps - Es ist ein Anblick, der am menschlichen Verstand zweifeln lässt. An mehreren Stellen im Naturschutzgebiet Dänikhorster Moor hat ein Obdachloser aus Edewecht für längere Zeit campiert und beträchtliche Mengen an Müll hinterlassen. Die letzten der Lagerstätten hat Hans-Jürgen Dowedeit in den vergangenen Wochen entdeckt – fünf an der Zahl.

Jener menschliche Verstand scheint zugleich aber auch der tragische Grund dafür zu sein, dass der Mann das Naturjuwel in Osterscheps zu seinem Lebensraum erkoren hat. „Die Person ist uns bekannt“, sagt Polizeikommissar Heinz Baumann, Umweltsachbearbeiter beim Polizeikommissariat Westerstede, „und leider hat er sich von den Behörden bisher nicht helfen lassen“. Es handele sich um einen Menschen, der mit sich selbst und der Welt nicht klarkomme, so Baumann weiter, also nicht um einen klassischen Aussteiger, einen Naturmenschen, der einen neuen Lebensweg beschreiten wolle.

Abgeschiedenes Naturschutzgebiet

Hans-Jürgen Dowedeit ist ein Naturmensch. Er ist oft in dem abgeschiedenen Naturschutzgebiet unterwegs, mit seiner Frau und dem Hund. Die Vogelwelt hat es ihm besonders angetan. „Wenn ich seltene Vögel wie die Schafstelze oder die Sumpfohreule sehe, dann folge ich ihnen. Deshalb kenne ich mich dort überall aus“, sagt der 69-Jährige. Er ist erschüttert über das, was im Dänikhorster Moor passiert. „Ich kenne diese Lager seit Jahren“, sagt der Naturschützer, „und die waren schon immer extrem“. Wenn eines verwüstet ist, zieht der Mann weiter, sagt Dowedeit, der aus gesicherten Quellen weiß, dass der Mann auch schon in Altenoythe und Godensholt gesichtet wurde.

Im Dänikhorster Moor muss man schon die breiten Pfade verlassen, um auf die wilden Müllkippen zu stoßen. Lebensmittel-Verpackungen, Bierdosen, Reinigungsmittel, ein geknacktes Fahrradschloss, schmutzige Wäsche, eine Sporttasche, ein Reifenreparatur-Spray, Zuckerpackungen und vieles mehr liegt da weit verstreut – manches unangetastet, das meiste aber verbraucht. Hinzu kommen prall gefüllte blaue Säcke mit Unrat, die achtlos in einen Graben entsorgt wurden.

Mit der Motorsäge Birken gefällt

Zwei dieser Lager entlang des Hochtanger Wegs haben Hans-Jürgen Dowedeit und seine Kollegen vom Fischereiverein schon in Eigenregie gesäubert. „Nach Rücksprache mit dem Landkreis konnten wir den Müll in Mansie abgeben“, erzählt der Osterschepser. Doch der Großteil liegt noch in entlegenen Senken in der Natur. Hinzu kommen etwa 30 bis 40 junge Birken, die der Einsiedler mit einer Motorsäge gefällt hat. Warum, das weiß niemand.

Insgesamt drei Personen hat Hans-Jürgen Dowedeit schon campierend in dem Moorgebiet angetroffen. „Einer kam aus Leer, aber der hat seinen Müll wieder mitgenommen“, sagt er. Auch dem Edewechter ist er schon begegnet: „Er war in seinem Zelt, hatte die Kapuze über den Kopf gezogen und war total verdreckt“, beschreibt der Rentner, der schlussendlich die Polizei und das Ordnungsamt verständigte, die sich vor Ort ein Bild von der Situation machten.

Doch obwohl der Mann seinen gesamten Unrat im Wald verteilt hat, „ist die Tatsache, dass dies in einem Landschaftsschutzgebiet geschehen ist, nicht von übergeordneter Wichtigkeit“, erklärt Kommissar Heinz Baumann, „sondern vorrangig eine Sache für das Gesundheitsamt“. Zwar habe der Mann in der Vergangenheit häufiger mit der Polizei zu tun gehabt, doch derzeit „ist er nicht zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben.“ Sprich: Es wird nicht nach ihm gesucht. „Er ist ein Mitbürger, wenn auch einer, der derzeit für Lösungsansätze nicht empfänglich ist“, fasst Baumann zusammen. Zudem verfüge er über keine Postadresse, weshalb es schwierig sei, ihn zu kontaktieren.

Gesundheitsamt intensiv involviert

Es handele sich, so Baumann weiter, im Wesentlichen um ein menschliches Problem, nicht um eine strafrechtliche Sache. Wie groß dieses menschliche Problem ist, verdeutlicht ein Beispiel: Indem der Mann Zucker in zwei abgedeckte Kakaopulver-Dosen füllte, wollte er Bienen anlocken, die dann in der Installation Honig produzieren sollten. Doch statt der erhofften Bienen kamen lediglich Wespen. Dr. Elmar Vogelsang, Amtsleiter des Gesundheitsamt des Landkreises Ammerland, bestätigt, dass das Gesundheitsamt intensiv in den Fall involviert ist. Eine gesetzliche Betreuung des Mannes gebe es ebenfalls.

Aber warum darf er dann weiterhin im Moor leben und es verschmutzen? Trotz der offenkundigen psychischen Erkrankung des Mannes ist es nicht ohne Weiteres möglich, ihn gegen seinen Willen etwa in eine Psychiatrie einzuweisen. „Dazu muss eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen“, erklärt Vogelsang. „Um die festzustellen, ist ein ärztliches Zeugnis die Voraussetzung.“ Erst dann könne beim Ordnungsamt eine Unterbringungsverfügung beantragt werden, über die schlussendlich ein Richter zu entscheiden habe.

Moorgebiet wird kurzfristig entmüllt

Und was geschieht nun mit dem Müll? Michael Hauschke, Amtsleiter beim Eigenbetrieb Abfallwirtschaft des Landkreises Ammerland, erklärt: „Wir sind dabei, die Sache zu regeln und eine Lösung zu finden, um das Gebiet zu entmüllen.“ Es sei schließlich nicht damit getan, da mal eben kurz vorbeizufahren. Mit der Gemeinde Edewecht hat sich der Landkreis schon kurzgeschlossen, doch es gibt noch ein kleines Problem, denn weder die Gemeinde noch der Landkreis sind Eigentümer des Gebiets. „Manchmal dauert es eben ein bisschen“, sagt Hauschke und kündigt an: „Ich denke, dass das jetzt aber kurzfristig erledigt wird.“

Die Meinung von Hans-Jürgen Dowedeit zu alledem ist eindeutig: „Mir tun vor allem die Leute vom Bauhof leid, die sowas immer wegmachen müssen. Die könnten die Zeit, die dafür draufgeht, sicherlich besser nutzen als dafür, so einen Mist wegmachen zu müssen.“

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