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Geschichte In Rastede Wie das Schloss einer Katastrophe entging

Rastede - Als die Sirenen losgehen, liegt Helmut Diers friedlich schlafend im Bett. Es ist 2 Uhr früh in der Nacht zum Freitag, 11. Juli 1969. Der Alarm weckt in dieser Nacht vor 50 Jahren auch viele andere Menschen in Rastede, einige springen ebenso aus dem Bett wie Helmut Diers. Der damals 32-Jährige ist aktiver Feuerwehrmann bei der Einheit Rastede. Er steigt aus dem Bett, schlüpft in Hemd und Hose, eilt zu seinem Fahrrad und tritt in die Pedale.

„Ich wohnte damals in der Hirschtorsiedlung“, erinnert sich der heute 82-Jährige, der geschwind zum Feuerwehrhaus will, das sich zu dieser Zeit noch am Marktplatz und nicht an der Kleibroker Straße befindet. Doch so weit kommt Helmut Diers gar nicht. In Höhe der Schlossgärtnerei an der Oldenburger Straße (heute das Wohnquartier Palaisgarten) bemerkt er den Grund des Sirenenalarms. „Da habe ich den Feuerschein gesehen“, erzählt er.

In diesem Moment realisiert er, dass das Schloss in Flammen stehen muss, der Sitz der erbgroßherzoglichen Familie zu Oldenburg. Helmut Diers radelt weiter, fährt durch die Toreinfahrt direkt zum Einsatzort. „Die ersten Kameraden waren schon da“, schildert er, der Dachstuhl des Schlosses steht zu diesem Zeitpunkt in Flammen.

Eine Million DM Schaden

50 Jahre liegt die Brandkatastrophe an diesem Donnerstag zurück. Ein Sachschaden von rund einer Million DM entsteht bei dem Feuer. So berichtet es die NWZ am 12. Juli 1969. „Flammen loderten im Morgengrauen über dem Rasteder Schloss“ heißt es auf der Titelseite. „Rasteder Schloß ausgebrannt – Unersetzliche Werte zerstört“ ist ein ausführlicher Artikel im Regionalteil der NWZ überschrieben.

Seit acht Jahren ist Helmut Diers aktiver Feuerwehrmann in Rastede, als sich im Sommer 1969 der Schlossbrand ereignet. Er weiß, was zu tun ist. Der Mann greift sich ein Strahlrohr, unterstützt seine Kameraden beim Löschen der Flammen. „Es war anstrengend“, erinnert er sich heute, die Löscharbeiten dauern die ganze Nacht.

Immer weitere Feuerwehrfahrzeuge aus dem Ammerland und aus Oldenburg fahren in dieser Nacht vor, am Ende sind es knapp 20. Die Berufsfeuerwehr aus der Stadt bringt eine Drehleiter in Stellung, um dem Feuer zusätzlich von oben Einhalt zu gebieten. Probleme mit der Wasserversorgung gibt es keine. „Die ganzen Pumpen standen am Schlossteich“, erinnert sich Helmut Diers.

Viele Bürger helfen

Auch viele Rasteder Bürger, die von den Sirenen aus dem Schlaf gerissen wurden, sind inzwischen vor Ort. Sie helfen dabei, Wertgegenstände aus dem Schloss zu holen und vor den lodernden Flammen zu retten. Offenbar gibt es dabei jedoch auch einige schwarze Schafe. „Einen habe ich gesehen, der sich was unter den Arm geklemmt hat und damit Richtung Park verschwinden wollte“, erinnert sich Helmut Diers. Ein Kamerad habe den Mann aber stoppen können.

Den Feuerwehrleuten kommt in dieser Nacht zugute, dass vor dem Schloss noch ein Baukran steht. Erst wenige Tage zuvor sind umfangreiche Renovierungsarbeiten an dem klassizistischen Baudenkmal abgeschlossen worden. Helmut Diers steigt in einen am Kran angebrachten Arbeitskorb und lässt sich nach oben befördern.

„Das hat ganz schön geschaukelt“, schildert der 82-Jährige und fügt hinzu: „Mit einer Kreuzaxt habe ich dann Löcher ins Dach geschlagen und ein Seil durchgezogen damit wir das Dach aufreißen konnten.“ So wollen die Einsatzkräfte an die letzten Glutnester gelangen. Heute hilft eine Wärmebildkamera bei dieser Suche, doch so weit ist die Technik vor 50 Jahren noch nicht gewesen.

Als das Gebäude von außen abgelöscht ist, bekämpfen die Feuerwehrleute den Brand auch von innen. „Schutzkleidung gab es damals noch nicht“, berichtet Helmut Diers. Mit Atemschutz sind die Kameraden ebenfalls noch nicht ausgestattet.

Die Feuerwehr bringt den Brand in dieser Nacht relativ schnell unter Kontrolle, nicht verhindern lässt sich allerdings, dass durch das Löschwasser größere Verluste an der wertvollen Einrichtung entstehen, heißt es später im Bericht der NWZ über die Brandkatastrophe.

Menschenleben fordert das Feuer hingegen zum Glück nicht. Das erbgroßherzogliche Paar befindet sich zur Zeit des Brandes auf dem Weg von Finnland nach Stockholm, wo es am Freitagmorgen vom schwedischen König empfangen wird. Zwischen den Häusern bestehen verwandtschaftliche Verbindungen.

Brandwache und Aufräumarbeiten in Rastede ziehen sich derweil über den gesamten Freitag. Vor Ort ist dabei auch Wilhelm Wessels. Ebenso wie Helmut Diers ist er 1969 aktiver Feuerwehrmann in Rastede. Er wohnt damals in Nethen, kann erst nach der Arbeit in einem Schlachthof zum Einsatzort fahren. „Ich wollte gucken, ob ich noch helfen kann“, erinnert sich der heute 81-Jährige. Durch seinen Bruder Erich Wessels, den späteren Rasteder Ortsbrandmeister, ist er 1960 zur Feuerwehr gekommen. Bei den Aufräumarbeiten unterstützt Wilhelms Wessels seine Kameraden dann tatkräftig.

Suche nach Ursache

Das Ausmaß des Schadens ist erst in den folgenden Tagen wirklich auszumachen. Während die Fassade gerettet werden kann, sieht es im Inneren des Schlosses trostlos aus, heißt es in der NWZ. Zerstört wird durch das Feuer auch eine Glocke, die möglicherweise aus dem Rasteder Kloster (gegründet 1091), mindestens aber aus der Schlosskirche von Graf Anton Günther (1583-1667) stammt. So schreibt es auch der Oldenburger Stadtführer Helmuth Meinken in seinem jüngst erschienenen Buch „Die Nordsee brennt“. Darin hat er 19 Katastrohengeschichten aus dem Nordwesten zusammengetragen.

Eine Woche nach dem Feuer gibt es schließlich erste Vermutungen, wie es zu dem Brand gekommen ist. Die Kriminalpolizei stellt fest, dass am Spätnachmittag vor dem Ausbruch Dachdecker und Zimmerleute auf dem Dachboden des Schlosses Arbeiten ausführten und anschließend einen Umtrunk abhielten. Von fünf Personen soll dabei das bestehende Rauchverbot missachtet worden sein.

Frank Jacob
Frank Jacob Redaktion Rastede, Redaktion Wiefelstede
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