Rastede - In der langgezogenen Produktionshalle von Broetje-Automation steht Lutz Neugebauer in luftiger Höhe, auf einem Gang an der Wand. Von der Reling dort oben hat er einen guten Überblick über das Geschehen: Schräg links geht es um einen Kundenauftrag für Nordenham, erläutert er. Daneben um einen in der Türkei, dann Südkorea und ganz hinten, rechts in der Halle, wird an einer Anlage für einen Kunden in der Schweiz gearbeitet. Sie alle haben bei Broetje-Automation Maschinen und ganze Anlagen bestellt, mit denen Flugzeuge gebaut werden – angefangen etwa beim automatischen Nieten von Rumpfkomponenten.
Kein Zweifel: Das Rasteder Unternehmen ist eine Technologieperle der Region – und ein Herzstück des hier boomenden Flugzeugbau-Clusters, der rund um Airbus, Premium Aerotec und innovative Mittelständler (auch Deharde, Aljo, M&D Aerospace usw.) gedeiht. Bei Broetje-Automation ist Lutz Neugebauer (54) seit Januar der Chef.
Damit ist sein Leben nicht unbedingt ruhiger geworden. Vorige Woche Seattle, dann Stuttgart und in der folgenden Woche Japan, schildert der Vorsitzende der Geschäftsführung einen typischen Ablauf. Die Kunden sind eben rund um den Globus angesiedelt.
In jedem Jet dabei
Lutz Neugebauer sagt stolz: „Wenn man heute irgendwo auf der Welt in ein Passagierflugzeug steigt, dann wurde der Rumpf hundertprozentig auch auf Anlagen von Broetje-Automation gebaut.“ Egal, ob bei Boeing, Airbus oder anderen, heutzutage selbst in China oder Russland.
Man ahnt: Hier hat man es mit einem gut versteckten Weltmarktführer („Hidden Champion“) zu tun. Er hat seinen Sitz in einem Gewerbegebiet am Übergang der Oldenburger Autobahn in die Bundesstraße 211 nach Brake.
Die Karriere des frisch gekürten Chefs Lutz Neugebauer begann mit einer Ausbildung bei Elektrotechnik Langer in Varel. In der Zeit hatte er auch erstmals mit Broetje-Automation (damals noch in Wiefelstede) zu tun, beim Aufbau interessanter Anlagen für den Flugzeugbau. Seither stand für ihn wohl fest: Hier willst du irgendwann einsteigen. „Du musst studieren“, sagte er sich. Neugebauer machte sein Fachabitur und studierte in Wilhelmshaven Elektrotechnik.
1991 erfüllt sich der Traum des Varelers tatsächlich: Er konnte bei Broetje-Automation einsteigen! Anfangs war er in der Software-Entwicklung tätig und auch mit der Inbetriebnahme von Maschinen befasst. Dabei kam er viel herum. Zum Kundenkreis zählten bald Flugzeugbauer weltweit – auch in den USA, Japan, Schweden, Frankreich und Großbritannien. Man kaufte im Ammerland etwa die Anlagen für automatisierte, äußerst präzise Niet-Arbeiten.
„Die Internationalisierung des Geschäftes hat um 1991 begonnen“, erinnert sich Vertriebs-Chef Holger Mayländer, der schon viele Jahre dabei ist. Damals sei der erste Auftrag von Boeing hereingekommen, und fast zeitgleich einer von Kawasaki aus Japan. Der Oldenburger Mayländer hatte seine Karriere einst bei der Luftwaffe mit Studium in München und dann Dienst auf dem Oldenburger Fliegerhorst begonnen – in der Wartung der damals geflogenen Fiat G 91. Mayländer war auch bei MBB in Bremen tätig, dann in der Flugzeugbausparte von Daimler (Dasa) in Ottobrunn, bevor er zu Broetje-Automation stieß. So oder ähnlich haben viele in der Firma eine interessante Geschichte. Ein roter Faden: Man fühlt sich zum Flugzeugbau hingezogen und/oder zu Maschinenbau und Software.
Vieles schon gemacht
Der heutige Chef Lutz Neugebauer durchlief in diesem Umfeld bei Broetje-Automation eine Vielzahl von Funktionen – im Projektmanagement etwa mit dem gesamten Weg von ersten Prozessüberlegungen und Funktions-Definitionen eines Teils bis hin zu Preisverhandlungen, Auftragsakquise, Konstruktion und Bau von Anlagen sowie schließlich der Inbetriebnahme und Abnahme durch die Flugzeugbauer. Für so einen Ablauf bis zum Produktionsstart könnten schon mal zwölf oder 14 Monate vergehen, erläutert der Elektrotechniker.
Neugebauer war Projektmanager, Technologie-Leiter im Bereich Aerospace, verantwortlich für die Abwicklung von Großprojekten, Geschäftsführer der Service-Sparte und Geschäftsführer für die gesamte Abwicklung. Damit kannte er jeden Winkel der Firma. Dann die Berufung nach ganz oben: Neugebauer wurde Vorsitzender der Geschäftsführung („CEO“). Nun führt er die Technologieperle, die in diesem Jahr 40 Jahre besteht, zusammen mit Technik-Geschäftsführer Dr. Axel Peters und vier Prokuristen.
Er habe vor dem Schritt durchaus „etwas Überlegungszeit“ benötigt, räumt der freundliche Vareler ein. Das Unternehmen sei ja global tätig – und dies bedeute auch, dass die ganze Woche und 24 Stunden am Tag wichtige Informationen – nicht zuletzt von den Eigentümern bei Shanghai Electric in China – hereinkommen könnten, deren Bearbeitung keinen Aufschub duldet. Und die Verantwortung sei groß – für die Firma, vor allem aber auch für die fast 800 Beschäftigten. Aber dann reizte den erfahrenen Ingenieur ganz klar die Chance zum Gestalten.
60 Prozent Ingenieure
In der 2015 neu bezogenen Zentrale am Autobahnkreuz „Oldenburg-Nord“ sind rund 300 Frauen und Männer tätig – zu 60 Prozent Ingenieure, wie Neugebauer betont. Ein zweiter großer Standort ist in Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart: Dort, bei der Ende 2014 erworbenen Flugzeugbau-Sparte von Dürr, werden Montagesysteme und ganze Fertigungsstraßen konstruiert – sie prägen das Bild vieler Flugzeug-Produktionshallen weltweit. Etwa 70 Mitarbeiter sind im Ausland tätig – vor allem in den USA, Großbritannien, Japan und China.
„Der Name Broetje-Automation ist überall auf der Welt in der Flugzeugbaubranche extrem gut eingeführt, bis ins tiefste Brasilien hinein“, sagt Neugebauer (hier mit Blick auf den Hersteller Embraer) stolz. „Nur hier in der Heimat, im Raum Ammerland/Oldenburg, sind wir noch nicht so bekannt“, schmunzelt er. Tatsächlich suchte die Firma bisher auch nicht wirklich die Öffentlichkeit. Man hört heraus – der neue Chef von Broetje-Automation will dies ändern. Das Technologie-Unternehmen soll auch deshalb mehr ins regionale Bewusstsein rücken, damit junge Leute als potenzielle Fach- und Führungskräfte auf die Chancen aufmerksam werden.
Wie spannend die Arbeit hier sein kann – das kann man sich beim Rundgang durch Entwicklung und Produktion gut vorstellen. Mittendrin: Studenten der Jade Hochschule, hochkonzentriert über ihre Laptops gebeugt, auf Lösungssuche. Ganz in der Nähe entstand – selbst entwickelt – ein Roboter. Er drückt mehrschichtige Komponenten etwa für Flügel extrem kräftig zusammen. Durch die Halle weht ein Hauch von Start-up-Atmosphäre, mitten in global ausgerichteter Produktion rund um Metalle, Carbon-Fiber und Hochtechnologie.
17 Nationen im Haus
Es geht hier oft Englisch zu, wie in der Luftfahrt üblich, und generell sehr international. „Wir sind sehr weltoffen. Unsere Mitarbeiter kommen aus 17 Nationen“, betont Vertriebs-Chef Holger Mayländer. 70 Prozent des Umsatzes (etwa 160 Millionen Euro) würden im Ausland erzielt.
Und so weht an diesem Tag vor dem Firmen-Eingang die Flagge der Schweiz: Eine Delegation des Flugzeugbauers Pilatus wird erwartet. „Wir haben hier regelmäßig internationale Kundschaft zu Gast“, freut sich Firmensprecher Norbert Steinkemper.
Und wo steuert Neugebauer wohl als neuer Chef hin? Da fallen ihm immer umfassendere Aufträge – bis hin zu ganzen Produktionshallen – oder auch die Montagestandorte im Ausland ein. Nah bei den Kunden, mitten in den wichtigen Märkten USA und China. Zugleich betont Neugebauer: „Wir sind hier extrem regional verwurzelt – und bleiben es.“
