Rastede - Wenn Talke Ruthenberg (69) aus Rastede auf die Jagd geht, schnappt sie sich ihren dunkelbraunen, flinken Terrier Fritz und klettert mit ihm auf den Hochsitz. Fritz muss dann erst mal genau inspizieren, was es von oben zu sehen gibt. Nach kurzer Zeit kehrt Ruhe ein – und dann heißt es für die Rastederin erstmal: warten.
Immer mehr Menschen machen in Niedersachsen den Jagdschein, und auch immer mehr Frauen legen die Prüfung zum „Grünen Abitur“ ab. Laut der Landesjägerschaft Niedersachsen gibt es aktuell im Land ungefähr 60 000 Jagdscheininhaber, gut zehn Prozent davon sind Frauen.
In der Altersgruppe der 16- bis 30-jährigen allerdings ist der prozentuale Anteil mit gut 19 Prozent schon deutlich höher.
Ton ist höflicher
Früher sei die Jagd eine Männerdomäne gewesen, sagt Talke Ruthenberg. Damals bekam sie auch mal zu hören, man wolle sie hier nicht haben – Frauen waren auf der Jagd unerwünscht. Heute ist das ganz anders. Die einstige Männerwelt haben Jägerinnen aufgemischt.
Selbst der Ton auf Jagd ist ein anderer geworden, wenn Frauen dabei sind. „Viel höflicher“, sagt Anika Börries aus Westerstede, ebenfalls Jägerin im Ammerland. Das höre sie auch oft von ihren männlichen Kollegen. Besonders Ruthenberg, die ihren Jagdschein 1971 gemacht hat, kennt die Situation noch ganz anders. „Heute fühle ich mich gut aufgenommen.“
Abbaumen: vom Hochsitz absteigen, den Hochsitz verlassen
Geläut: Bellen der Hunde auf der Jagd
Jagdstrecke: Liste, die alle, innerhalb einer Zeitperiode getöteten, jagdbaren Tiere auflistet
Hauer: die Eckzähne im Unterkiefer eines Keilers
Nachsuche: angeschossenes oder erlegtes Wild auffinden
schussfest: ist ein Jagdhund, wenn er bei Abgabe eines Schusses nicht erschrickt
Anika Börries war schon als Kind viel draußen, erinnert sie sich. Anders als Talke Ruthenberg ist sie aber nicht mit der Jagd aufgewachsen. Die studierte Ökologin kam über den Aspekt Naturschutz zur Jagd. Mit dem Thema hat sie sich wissenschaftlich auseinander gesetzt. Ihren Jagdschein hat sie vor genau zehn Jahren gemacht. Die anfängliche Skepsis war schnell verschwunden.
Bei Talke Ruthenberg spielte Tradition eine große Rolle. Mit einem Jäger als Vater durfte sie schon von kleinauf mit auf Pirsch gehen und wurde viel unterstützt. Die heute 69-Jährige ist auf einem Bauernhof groß geworden. „Man hat zu Tieren und zum Tod von Tieren ein ganz anderes Verhältnis bekommen.“ Heute, das finden beide Jägerinnen, sei das so „entkoppelt“. Ob tiefgefrorene Hühnchen-Nuggets oder paniertes Schnitzel: „Das ist heute schon so fertig gemacht, dass der Verbraucher gar keinen Bezug mehr zum Tier herstellen kann“, sagt Börries. Durch die Jagd werde man Teil des Kreislaufs und Teil der Produktion, fügt die Westerstederin hinzu. Vom Tod des Tieres bis zur Wurst habe sie alles in der Hand.
„Man weiß einfach, dass das Tier gut gelebt hat“, fügt Ruthenberg hinzu. Nämlich in freier Wildbahn, an der frischen Luft. Für die beiden ist oberste Priorität: dass das Tier nicht leiden muss. „Das Schießen muss man können – und üben“, betont die Rastederin. Und zwar bereits im Training, nicht erst auf der Jagd.
Im Gegensatz zu Anika Börries hat Talke Ruthenberg ein eigenes Revier, das ihres Vaters. Ihre Tiefkühltruhe ist voll mit Wildbret, aber genauso wie Anika Börries schränkt sie sich nicht ein. Manchmal wird auch Fleisch gekauft, dann aber möglichst beim regionalen Schlachter.
Ob Hase, Reh, Gans oder Wildschwein: Wildbret kann man wie jedes andere Fleisch zubereiten. Oder Fasan etwa, auf Zitronensoße – Anika Börries gerät ins Schwärmen, Talke Ruthenberg nickt zustimmend. Nur zu trocken darf das Geflügel nicht werden.
Dass aber nur Jägerinnen anschließend in der Küche stehen, sei Klischee, sagen beide. Denn auch die Männer unterhalten sich viel über Rezepte. Allerdings spielt bei den Jägern noch der technische Aspekt mit rein, zum Beispiel mit einem Räucherofen. Warum immer mehr den Jagdschein machen, könne auch mit dem Willen zu tun haben, mehr auf Regionalität zu setzen, vermuten die beiden.
Das Thema spielt auch auf den sozialen Netzwerken eine große Rolle, beispielsweise auf Instagram. Dort zeigen Tausende junger Jägerinnen ihr Hobby in Bildern. Über 60 000 Beitrage gibt es auf der Plattform allein zum Stichwort ☺#jägerin.
Nicht immer Wild erlegt
Jagd muss aber nicht immer heißen, dass am Ende des Tages ein Tier erlegt wurde. Manchmal kommt den beiden Jägerinnen gar kein Wild vor die Flinte. „Es ist auch mal schön, einfach auf dem Hochsitz zu sitzen und zu entspannen. Das erdet“, erklärt Börries. „Manchmal habe ich auch gar keine Lust, zu schießen“, fügt Ruthenberg hinzu. „Dann sitze ich einfach nur da und beobachte.“ Allerdings gibt es auch bei manchem Wild Fangquoten, die Jäger und Jägerinnen zu erfüllen haben.
Zum Aufgabengebiet der Jägerinnen gehört auch die Rehkitzrettung vor der Ernte oder das Anlegen von Blühstreifen und Wildwiesen. Praktischer Naturschutz eben. Und manchmal geht Anika Börries nicht mit dem Gewehr, sondern einfach mit der Kamera „auf die Jagd“.
Ob Frauen anders jagen als Männer? Das können beide weder bestätigen, noch verneinen. „Ich glaube, es ist wie in anderen Bereichen auch – Frauen haben höhere Ansprüche an sich selbst“, sagt Anika Börries.
