Sandkrug - Es ist nicht zu sehen, aber umgibt die Menschen fast überall im Alltag – Mikroplastik. Es verbirgt sich in Seifen, Cremes und Shampoos, aber auch in Medikamenten. Wie groß die Belastung der Flüsse, Meere und Tiere, die im Wasser leben, schon ist und was das letzten Endes für die Verursacher bedeutet, ist noch gar nicht völlig absehbar.
Hans-Wolfgang Woltemade, gemeinsam mit seiner Frau Inhaber der Flora-Apotheke in Sandkrug ärgert sich. „Von Herstellern und Politik wird der schwarze Peter den Verbrauchern zugeschoben. Sie entscheiden, welche Produkte am Markt erfolgreich sind, heißt es. Häufig kann der Verbraucher aber gar nicht erkennen, welche Inhaltsstoffe enthalten sind.“
Die Hersteller verschleiern in ihren Inhaltsangaben kritische Stoffe wie Mikroplastik, aber auch andere problematische Zutaten wie Palmöl und Mineralöle, so die Erfahrung Woltemades. Gemeinsam mit seiner Frau und den Mitarbeitern hat die Apotheke begonnen, das Problem anzupacken. Alle freiverkäuflichen Kosmetik- und Pflegeprodukte wurden auf Mikroplastik überprüft und im Falle eines Treffers aus dem Sortiment genommen. Auf die Aussagen und Versprechen der Firmen und ihrer Vertreter verlässt sich das Team lieber nicht. Es sei mehr als einmal versucht worden, die Wahrheit zu verschleiern. Stattdessen recherchieren die Apothekenmitarbeiter selbst nach der Bedeutung von Inhaltsstoffen. Wertvolle Hilfe leistet im Alltag auch die App „Codecheck“ des Schweizers Roman Bleichenbacher.
Acrylates Crosspolymer, Polyacrylat und Polymethylmethacrylat (PMMA): Diese drei Stoffe sind nicht mehr in den freiverkäuflichen Waren der Apotheke zu finden. Sechs weitere Stoffe, die die Umweltorganisation BUND auch als problematisch einstuft, konnten noch nicht eliminiert werden. „Es ist halt ein erster Schritt“, mag Apothekerin Anne Peus-Woltemade nicht mehr versprechen, als derzeit eingelöst werden kann. Medizinisch notwendige oder von Ärzten empfohlene Produkte blieben von der Aktion vorerst ausgenommen. Allerdings würden auch dort Alternativprodukte gesucht und, wenn möglich, empfohlen.
Die kostenlose App „Codecheck“ gibt’s sowohl für iPhone, als auch Android-Handys. Wer nach dem Begriff „Mikroplastik“ sucht, wird leider nicht fündig. Also direkt den Namen der App in der App-Store-Suche eintippen und das Programm herunterladen.
Nach der Erstinstallation folgt eine kurze Einweisung, wie Kosmetika und Nahrungsmittel anhand des Barcodes überprüft werden können. Damit das auch funktioniert, muss der App allerdings der Zugriff auf die Smartphonekamera gewährt werden. Wer möchte, kann auch noch der App erlauben, weitere Daten zum Standort des Handys zu sammeln – um die Qualität der alternativen Produktvorschläge zu verbessern, wie es heißt.
Sobald ein Strichcode ins Blickfeld des Scanners gerät, schlägt die App in ihrer Datenbank nach und blendet in Sekundenschnelle alle verfügbaren Daten ein. Grüne Farbe signalisiert unbedenkliche Inhaltsstoffe, orange bedenkliche, schwarz sehr bedenkliche. Die App weist hin auf Mikroplastik, Nanopartikel, Palmöl, Parabene, Paraffine etc.
„Manche Zusatzstoffe sorgen nur für ein schöneres Gefühl auf der Haut, werden abgewaschen und belasten sofort die Umwelt“, sagt Anne Peus-Woltemade. Sie und ihre Mann erinnern sich noch gut an die Hochzeit der „Hobbythek“-Sendungen, als der Journalist Jean Pütz Rezepte für Kosmetik zum Selbermachen unters Fernsehvolk brachte – ohne problematische Zutaten und vor allem transparent. Der Boom ist mit den Jahren abgeflacht, auch wenn viele der Einzelstoffe immer noch im Handel erhältlich sind.
Vielleicht ist die Zeit ja bald reif für ein Revival? „Wir haben in den letzten Wochen von unseren Kunden nur Lob für unseren Weg erhalten“, sagt Apothekenmitarbeiter und designierter Nachfolger, Ali Asad Sulehria. „Viele Menschen wollen etwas gegen die Mikroplastikbelastung tun, sind aber überfordert“, ist Hans-Wolfgang Woltemade überzeugt. Am Geld jedenfalls sollte die Initiative nicht scheitern. „Die Alternativen müssen nicht teurer sein“, sagt er.
