Sedelsberg - Zeilen über die Landwirtschaft, über Kunstdünger und Wagenladungen mit Erde. Während Heinrich Riehemann seinem Schwiegersohn Joseph Tepe am 21. Februar 1918 einen Brief über die Erlebnisse der vergangenen Tage in der Heimat schreibt, befindet Joseph Tepe sich in Frankreich im Ersten Weltkrieg (1914-1918) an der Front. Am Ende des Briefes schreibt er noch „Baldiges Wiedersehen im Urlaub. Wenn noch kein Friede ist.“ Dass er seinen Schwiegersohn jedoch nie mehr wiedersehen wird, weiß er zu dem Zeitpunkt noch nicht. Denn nur kurze Zeit später, am Karfreitag 1918, stirbt Joseph Tepe durch einen Granatensplitter an der Front.
Es ist einer von zwei Feldpostbriefen, die Eduard Lindemann aus Sedelsberg aus dem Ersten Weltkrieg besitzt. Sie stammen aus dem Nachlass seiner Mutter. Beide wurden in Sütterlinschrift verfasst. In einem ersten NWZ-Teil ging es bereits um den ersten Brief, geschrieben von seinem Großvater Franz Hawighorst an dessen Schwägerin Agnes Tepe. Darin schilderte er, wie ihr Mann Joseph, der gleichzeitig sein Schwager ist, an seiner Seite an der Front starb. Übersetzt hatte den Brief seinerzeit Eduard Lindemanns mittlerweile verstorbener Onkel Johannes Hawighorst.
Plaggen fahren
Mit Hilfe seines Schützenbruders Bernd Benten konnte nun auch der zweite Feldpostbrief übersetzt werden. Und dieser ist zeitlich vor dem anderen Brief geschrieben worden. Während sich Joseph Tepe also zu der Zeit in Frankreich an der Front befand, schickte Eduard Lindemanns Urgroßvater Heinrich Riehemann, der Großvater seiner Mutter, einen Feldbrief dorthin. Er wohnte in Barlage in Hollage – genauso wie Joseph Tepe mit seiner Familie und Franz Hawighorst. Dabei ist erstaunlich, wie das tägliche Leben in der Heimat einfach weitergeht bzw. weitergehen musste, während der Krieg woanders tobte.
Der Brief von Heinrich Riehemann an seinen Schwiegersohn Joseph Tepe (heutiger Schreibweise angepasst):
Werter Schwiegersohn, Deinen Brief in bester Gesundheit erhalten und daraus gesehen, dass es mit Dir noch gut steht. Du weißt ja wohl, wie es auf dem Lande mit dem Schreiben steht. Abends hat man kaum so viel Licht und am Tage glaubt man, keine Zeit zu haben. Heute gibt’s Regen, da habe ich Zeit.
Deine Familie ist auch noch guter Dinge, bin kürzlich da gewesen zum Plaggen fahren. Wir haben den Grund hinter dem Poller einen Besuch gemacht. Colon Niehaus hat 7 Fuder da weggeholt, nun denke ich, kommen sie bis nach dem Ackern hin. Holz bekommen sie auch von Niehaus. Ich hatte bei Feldmüller für sie gekauft, habe es anderweitig vergeben, denn zum Verstaken war es noch zu teuer, obwohl es billig war. Hawighorst habe ich 3 Nummern gebracht, das waren zwei gute Fuder und kosten mit Fuhrlohn 17 M.
Sohn August ist Montag 14 Tage fort, hat bis jetzt noch nichts von sich hören lassen, wird doch wohl wieder in Frankreich angekommen sein.
Jetzt ist Zeit zum Kunstdünger sähen, nun fehlt es an Thomasschlacke. Schicke nur 1 Ladung herüber, solltest mal sehen, wie die Leute danach liefen.
Sonstige Neuigkeiten kann ich Dir nicht mitteilen, das Neue ist auch in der Regel das Beste nicht. In der Hoffnung, dass diese Zeilen Dich in bester Gesundheit antreffen,
grüßt die Familie H. Riehemann.
Barlage, den 21.2.18.
Baldiges Wiedersehen im Urlaub. Wenn noch kein Friede ist.
Dem Brief vorausgegangen war ein Brief von Joseph Tepe an Eduard Lindemanns Urgroßvater. Denn Letzterer beginnt seine Feldpost mit den Worten: „Werter Schwiegersohn, Deinen Brief in bester Gesundheit erhalten und daraus gesehen, dass es mit dir auch noch gut steht.“ Aus den nächsten Zeilen lässt sich herauslesen, wie zeitaufwendig die Arbeit damals auf dem Land gewesen ist: „Du weißt ja wohl, wie es auf dem Lande mit dem Schreiben steht. Abends hat man kaum so viel Licht und am Tage glaubt man, keine Zeit zu haben. Heute gibt’s Regen, da habe ich Zeit“, schreibt Heinrich Riehemann.
Er berichtet Joseph Tepe über dessen Familie. Auch ihr gehe es gut, kürzlich sei er bei ihr gewesen zum „Plaggen fahren“. „Plaggen sind Erdklumpen“, erzählt Eduard Lindemann im Gespräch mit der NWZ. „Plaggen“ ist aber nicht der einzige Begriff in dem Brief, der heute nicht mehr unbedingt verwendet wird. Die Bedeutungen hat der 67-jährige Sedelsberger Eduard Lindemann alle recherchiert. So heißt es weiter: „Wir haben dem Grund hinter dem Poller einen Besuch gemacht“. Mit „Poller“ sei ein Grundstück gemeint, sagt Eduard Lindemann.
Auch das Wort „Fuder“ wird erwähnt, was so viel wie „Wagenladung“ bedeutet. Heinrich Riehemann schreibt Joseph Tepe, dass er für dessen Familie Holz gekauft, es dann jedoch wieder weitergegeben habe, da es zum „Verstaken“ noch zu früh gewesen sei. Damit sei das Einzäunen einer Weide gemeint, erklärt der Sedelsberger.
Holz gebracht
Ebenfalls die Rede ist von Thomasschlacken: „Jetzt ist Zeit, zum Kunstdünger sähen. Nun fehlt es an Thomasschlacken“, schreibt Heinrich Riehemann. Thomasschlacke bezeichnet ein Abfallprodukt, das bei dem von Thomas und Gildchrist erfundenen Eisenveredelungsprozess entsteht (Thomas-Verfahren).
Und auch die Familie Hawighorst wird in dem Brief erwähnt. So schildert Heinrich Riehemann, dass er der Familie von Franz Hawighorst, der sich zu der Zeit ebenfalls an der Front befand, Holz gebracht hat.
Am Ende schließt er mit den Worten: „In der Hoffnung, dass diese Zeilen Dich in bester Gesundheit antreffen“. Circa einen Monat, später, am Karfreitag, 29. März 1918, fällt Joseph Tepe an der Seite von Franz Hawighorst.
