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nordwest-zeitung

Hosenkrieg In Varel Die Mädchen mit den verbotenen Hosen

Varel - Marita Wins hat 1957 mit ihrer lindgrünen Caprihose den „Hosenkrieg“ ausgelöst – und auch ihre Schilderung der Ereignisse an der Mädchenschule in der NWZ hat ein großes Echo zur Folge.

Viele Frauen, die in den 50er und 60er Jahren unter dem Rockzwang in Schulen und Betrieben gelitten haben, schildern ihre Erlebnisse, berichten von Strafen und Drill sowie der Androhung ins Erziehungsheim gesteckt zu werden.

Christine Hepp

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Das Thema „Mädchen und Hose“ hat mich 20 Jahre begleitet und vor immer neue Hürden gestellt. Bei der Einschulung 1953 trug ich eine Trainingshose unter meinem Kleid. Dabei konnte ich noch von Glück sprechen, dass meine Mutter mich nicht in die alte Feuerwehrhose meines Großvaters gesteckt hatte, bei der sie in Ermangelung kindgerechter Kleidung die Hosenbeine abgeschnitten hatte.

Die Trainingshose (Bild) hatte zudem einen zu der damaligen Zeit unschätzbaren Vorteil: Man konnte darunter die handgestrickten schafswollenen Unterhosen verbergen, die ich aufgrund häufiger Nierenentzündungen tragen musste. Auch die braunen langen Strümpfe mit den praktischen Strumpfhaltern wurden abschätzigen Blicken entzogen.

In der „Außenstelle“ der Mädchenschule (1./2. Klasse in der Windallee) habe ich nichts von einem aufkommenden Hosenverbot mitbekommen. Die 3./4. Klasse im Hauptgebäude war für mich jedoch ein traumatisches Erlebnis: Schlagen, das Werfen mit Gegenständen vonseiten der Lehrer war durchaus noch „in“. Als dann auch noch die Schulleiterin uns täglich beim Betreten des Schulgebäudes eindringlich musterte, war ich völlig verängstigt. Ich trug immer noch oder auch weiterhin Hosen.

Meine Mutter hatte mich aufgefordert, nach Hause zu kommen, wenn ich wegen der Kleidung auch nur getadelt werden würde. Ich hatte also die Sicherheit der Rückendeckung, aber ein Kind ist doch sehr leicht einzuschüchtern, wenn die Autorität der Lehrer übermächtig ist.

Während der 9./10. Klasse in der Mittelschule in der Oldenburger Straße wurde das Thema „Hose im Unterricht“ wieder interessant. Uns Mädchen wurde von der Hauswirtschaftslehrerin verboten, beim Kochunterricht Hosen zu tragen. „Gestählt“ durch meine Grundschulerfahrung, konnte ich es einfach nicht einsehen, was dieses Verbot bewirken sollte. Meine damalige Freundin und ich schwitzten also tapfer während des Hauswirtschaftsunterrichtes vor uns hin, nur um zu demonstrieren, dass wir alt genug waren, über unsere Kleidung selbst zu entscheiden.

Doch damit war mein persönlicher Hosenkampf immer noch nicht beendet. Vor dem 2. Lehrerexamen (1973/ Volksschule Langendamm) erhielten wir im Seminar den eindringlichen Rat, zur Prüfung nicht in langen Hosen anzutreten, es könnte sich sehr negativ auf das Prüfungsergebnis auswirken. Nein, jetzt war ich wirklich erwachsen, es konnte einfach nicht angehen, dass sich „ordentliche“ Hosenbekleidung auf das Examensresultat auswirken sollte. Ich wagte es also als erste angehende Lehrerin, am Tag der Prüfung einen Hosenanzug zu tragen, zumal dieser Hosenanzug absolut nicht mit legerer Freizeitkleidung zu vergleichen war.

Wie mein weiterer beruflicher Werdegang zeigt, hat mir diese „Verwegenheit und Respektlosigkeit“ gegenüber der Schulbehörde nicht geschadet. Im Gegenteil: Ich wurde zur Trendsetterin! Nur wenige Wochen später erschien unsere Schulrätin zu den Visitationen in einer langen Hose – allerdings in einem ausgebeulten, schlabbrigen Exemplar.

Ursula Golder

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Auch ich war im Oktober 1957 unter den Mädeln, die mit 10 Jahren aus dem Montags-Gottesdienst und aus der Schule ausgeschlossen wurden, weil ich eine graue Flanell-Hose und eine selbst genähte, blaue dreiviertellange Latzhose trug, die mein ganzer Stolz war. Ich wurde zum Umziehen nach Hause geschickt. Meine Mutter jedoch empfand es als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und bestand darauf, dass ich nur einen Rock darüber ziehen sollte, um dann eilig rennend zur Kirche zurück zu kommen. Hosen waren für Mädchen verpönt und nicht erlaubt.

Drill gab es schon auf dem Schulhof. Es war wie auf dem Kasernenhof. Rennen und Raufen durfte niemand. Man musste sich klassenweise in Zweierreihen aufstellen. Am Eingang und an den Treppenaufgängen standen jeweils zwei gewählte Ordnerinnen. Sie mussten monoton die Sätze „Bitte Füße abtreten“ oder „Bitte das Geländer loslassen“ rufen. Die Schulleiterin Frau Eyting (Bild links) stand jeden Morgen in der Aula. Vor ihr musste jede einen Knicks machen und „Guten Morgen, Frau Eyting“ rufen.

Wenn man nicht tat, was sie wollte, drohte sie schon mal mit dem Erziehungsheim. Sie hatte hohe Ansprüche, die auch den Unterrichtsstoff betrafen. Man hat bei ihr viel gelernt. Sie war Lehrerin durch und durch, hat uns damals schon Englisch beigebracht. Das wiederum gefiel mir. Diese Erfahrungen in der Schule prägten mich sehr. Es war nicht alles schlecht, doch ohne Angst lernt man freiwillig und besser.

Barbara Böcker

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1960, 15 Jahre, ich war im zweiten Ausbildungsjahr zur Industriekauffrau bei der Druckerei Allmers. Eine Nierenbeckenentzündung hatte mich sechs Wochen ans Bett gefesselt. Nach Genesung sollte es wieder ins Büro gehen. Es war sehr kalt und meine Mutter befahl mir, zum Schutz eine lange Hose anzuziehen. Im Büro angekommen, gefiel das der Prokuristin nicht und sie schickte mich wieder nach Hause, ca. zehn Minuten Heimweg. Meine Mutter war entsetzt, jedoch froh, dass ich eine Lehrstelle hatte, wollte nichts riskieren, und so ging ich, umgezogen mit einem Rock, wieder zum Dienst.

Gott sei Dank haben sich die Zeiten geändert.

Tina von Pentz

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Ich bin 1958 in Cloppenburg zur Schule gekommen. Meine Mutter erklärte mir, dass ich ab jetzt Röcke und Kleider würde tragen müssen. Ich weinte. Im Sommer trug ich Shorts und Latzhosen im Winter. Wie konnte mich jemand zu so etwas zwingen, nur weil ich ein Mädchen war? Fünf Jahre später, 1963, besuchte ich die Liebfrauenschule. Enge Latex-Hosen mit eingearbeiteter Bügelfalte und Steg waren modern, aber in der Schule mussten wir darüber einen Rock tragen. Eines Tages hatten sich alle Mädchen vor der Klassentür um Gisela versammelt: Sie hatte den Rock vergessen. „Gisela, das schaffst du, lauf’ nach Hause, zieh dich an!“ Wie müsste man wohl heute kommen, um ein ähnliches Entsetzen hervorzurufen?

Heike Well

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Der Hosenkrieg in der Mädchenschule war schon in den Jahren vor 1956 ausgebrochen. In Varel ist es im Winter immer sehr nasskalt und meine Mutter hat mir in dieser Zeit eine lange Hose verordnet.

Nun hat mich die Direktorin Eyting in der Schule mit Hose bekleidet gesehen. Sie hat mich in ihr Büro beordert, dazu musste ich erstmal eine Zeit lang unter der berüchtigten Uhr vor der Tür stehen. Das war üblich für Delinquenten.

Dann wurde ich tüchtig runtergeputzt und angewiesen, nur noch in Kleidern und Röcken in die Schule zu kommen.

Meine Mutter war ziemlich sauer. Ich musste weiterhin in Hose zur Schule. Dann hat man mich beinahe wieder erwischt. Es war beim „Kochen”. Frau Eyting kam in die Küche, hat ihre Blicke schweifen lassen, aber ich hatte geistesgegenwärtig ein Geschirrtuch um die Taille gebunden. So ist es ihr wohl nicht aufgefallen, dass ich wieder Hose trug.

Nachdem sich der Vater einer Schülerin an die Presse gewandt hatte, hörte die Drangsaliererei dieser Rektorin auf.

Regine Palkowski

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Ich bin Jahrgang 1944, Nachkriegskind aus Stettin, gelandet durch meinen Vater in Varel. In die Mädchenschule Varel ging ich seit 1950. Wir hatten zu der Zeit sehr strenge Winter. Meine Mutter hatte mir aus alten Uniformen lange Hosen geschneidert, die zwar fürchterlich kratzten, aber warm waren. Nun also damit zur Schule. Weiter als zum Eingang kamen ich und viele andere Mädchen nicht, in der Tür stand wie ein Wachposten mit in die Hüften gestemmten Armen Frau Eyting, die Direktorin.

Sie würde uns schon Anstand und Gehorsam beibringen und schickte uns umgehend (mit Ranzen auf dem Rücken) wieder nach Hause. Mädchen in langen Hosen gebe es an ihrer Schule nicht! Zu Hause mussten wir einen Rock über die Hosen ziehen und los ging es wieder zur Schule. Nun kamen wir ja zu spät zum Unterricht, also Strafe.

Damit uns das nicht wieder passierte, haben wir oft einen Rock im Ranzen mitgebracht und kurz vor der Schule übergezogen. Wir waren Mädchen, es sah furchtbar aus mit dem Rock drüber.

Es liegt so lange zurück, aber manches im Leben vergisst man nie. Im Nachhinein kann ich mich nicht entsinnen, dass meine Eltern Widerspruch erhoben – Rock drüber, fertig.

Traute Börjes-Meinardus
Traute Börjes-Meinardus Redaktion Varel
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