Vechta/Quakenbrück - Basketball-Deutschland staunt über Rasta Vechta. Als Aufsteiger belegt die Mannschaft von Trainer Pedro Calles nach 21 absolvierten Bundesligaspielen einen sensationellen dritten Platz, nur Bayern München und die EWE Baskets Oldenburg stehen vor dem kleinen Club aus der 32 000-Einwohner-Stadt. Im Oldenburger Münsterland träumen die Fans längst von Rastas erster Playoff-Teilnahme – angesichts der bisherigen Leistungen wäre es keine allzu große Überraschung mehr, wenn Vechta ab Mitte Mai tatsächlich dabei ist, wenn die besten acht Mannschaften der Hauptrunde um den Meistertitel spielen.
Große Zeiten in Quakenbrück
Das Basketball-Märchen von Vechta erinnert ein wenig an das, was sich vor noch nicht allzu langer Zeit im nur 27 Kilometer entfernten Quakenbrück abspielte. In der Kleinstadt des Landkreises Osnabrück (ca. 13 000 Einwohner) mischten die Artland Dragons über mehrere Jahre sogar ganz vorn im Oberhaus mit. Die Drachen erreichten regelmäßig die Playoffs, 2007 hätte es sogar fast zur Meisterschaft gereicht, als das Team des späteren Bundestrainers Chris Fleming erst in der Finalserie an Bamberg scheiterte. Dafür gewann man ein Jahr später mit Spielern wie John Goldsberry, Adam Chubb und Darius Hall den deutschen Pokal.
Wie heute nach Vechta reisten seinerzeit Journalisten von großen überregionalen Medien nach Quakenbrück, um über das Basketball-Wunder aus der nordwestdeutschen Provinz zu berichten. Ganz eng verknüpft war der Erfolg der Dragons mit Günter Kollmann. Bis heute ist nicht bekannt, ob der schwerreiche Textilunternehmer die Hälfte des Budgets oder sogar mehr aufbrachte. Fakt ist: Als der die Öffentlichkeit scheuende Mäzen und Hauptsponsor Kollmann im Mai 2015 bekanntgab, sein finanzielles Engagement auf ein Minimum zurückzufahren, bedeutete dies das Aus für den Bundesliga-Standort Quakenbrück. Der Club zog sich aus der BBL zurück, verbrachte einige Jahre in der dritten Liga und ist seit dieser Saison zumindest wieder zweitklassig – mit einem Etat, der sich nach Vereinsangaben im unteren Drittel der Liga bewegt.
Auch bei Rasta gibt es einen starken Mann, Stefan Niemeyer ist Geschäftsführer und Hauptsponsor zugleich. Aktuell beträgt der Anteil der finanziellen Unterstützung von Niemeyers Tierfuttermittel-Unternehmen Miavit am Gesamt-Etat zwischen 25 und 30 Prozent, wie der Club auf Anfrage mitteilte. Legt man nun jenen Gesamt-Etat, der laut Niemeyer bei rund 2,7 Millionen Euro liegt, zugrunde, beläuft sich das Engagement von Miavit derzeit auf ungefähr 800 000 Euro – eine durchaus beträchtliche Summe, die Rasta also fehlen würde, wenn Niemeyer von heute auf morgen die Lust verlieren sollte.
Erfolg hilft bei Sponsoren-Gesprächen
Doch der 58-Jährige setzt alles daran, damit sich ein Total-Absturz wie ihn der Nachbar-Club von der anderen Seite der A1 erlebt hat, in Vechta nicht wiederholen kann. „Schließlich könnte ja auch mein Unternehmen einmal Konkurs gehen – dann muss es hier trotzdem weitergehen“, sagte Niemeyer unlängst in einem ZDF-Interview und betonte: „Rasta steht auch ohne mein Unternehmen auf sicheren Füßen. Wir sind in naher Zukunft so weit, dass in Vechta auch ohne meine Firma Bundesliga-Basketball gespielt werden kann.“
Der Unternehmer, der seit 1982 im Verein ist, will den Club zu einem finanziell solide aufgestellten dauerhaften Mitglieder der Basketball-Bundesliga machen. Zur kommenden Saison schreibt die BBL ein Mindestbudget von drei Millionen Euro vor, um in der ersten Liga starten zu dürfen. „Das macht uns keine Angst“, sagt Niemeyer, der sogar das ehrgeizige Ziel anstrebt, den Spieleretat für die nächste Saison um „30 bis 40 Prozent“ zu erhöhen.
Die bisher so überragend verlaufene Saison kommt dem Rasta-Macher in den Gesprächen mit bestehenden und neuen Sponsoren gerade recht. „Das hilft uns gewaltig, um unser Budget auf eine höhere Dimension bringen zu können“, sagt Niemeyer. Um zusätzliche Einnahmen zu generieren, würde der Club sogar die Namensrechte am vereinseigenen Rasta-Dome verkaufen.
Niemeyer weiß aber auch, dass die Möglichkeiten begrenzt sind. „Wenn die großen Clubs kommen, können wir finanziell nicht mithalten“, sagte er mit Blick auf die Begehrlichkeiten, die Spieler wie Austin Hollins oder TJ Bray mit ihren starken Leistungen bei finanzstärkeren Konkurrenten geweckt haben dürften. „Ab der nächsten Saison geht es für uns wieder nur um den Klassenerhalt“, sagt Niemeyer. Doch bis dahin genießen sie in Vechta einfach ihren Höhenflug – der auch in Quakenbrück höchste Anerkennung findet.
Keine Konkurrenz zwischen den Clubs
„Wir freuen uns sehr für Rasta. Insbesondere für Stefan Niemeyer und Pedro Calles“, sagt Marius Kröger, Geschäftsführer der Artland Dragons. Calles war Co-Trainer in Quakenbrück, bevor er nach Vechta wechselte, wo der 35-jährige Spanier vor dieser Saison zum Chefcoach aufstieg. Kröger betont den „guten Draht“ zwischen den beiden Clubs, der sich auch in der Kooperation im Nachwuchsbereich ausdrückt. Trotz der geografischen Nähe gäbe es keine Konkurrenz im Kampf um Sponsoren und Zuschauer. „Wir kommen uns nicht in die Quere“, sagt Kröger: „Viele Fans besuchen beide Clubs und auch einige Sponsoren sind sowohl bei uns als auch bei Rasta aktiv.“
Sportlich haben sich die Dragons wieder berappelt, als Aufsteiger stehen sie in der zweiten Liga auf einem respektablen elften Platz. Dass die großen Zeiten vorbei sind, tut der Basketball-Begeisterung in Quakenbrück keinen Abbruch. 2300 Besucher kommen im Schnitt zu den Heimspielen in die Artland-Arena. Die Dragons-Fans müssen sich dabei mit Gegnern wie Trier oder Kirchheim begnügen. Die Münchner, Berliner und Oldenburger kommen eben nur noch 27 Kilometer weiter östlich vorbei.
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