Wangerland - Sie hat ein Ziel fest vor Augen: „Ich möchte meine Kinder endlich wieder selbst versorgen können“, sagt Tanja (38). In den vergangenen drei Jahren konnte die Mutter von vier Kindern – die älteste Tochter 18, die jüngste drei Jahre – das nicht: Sie hatte mit einer schweren Krebserkrankung zu kämpfen.
Ute Weers kann nur fassungslos den Kopf schütteln, wenn sie Tanjas Krankengeschichte hört. Sie hat der Familie einen achttägigen Urlaub auf dem Familienhof an der Störtebekerstraße im Wangerland ermöglicht. „Auszeit für die Seele“ nennt sich die Initiative. Dahinter steht ein Verein, der Familien mit krebskranken Mitgliedern einen – weitgehend – kostenfreien Urlaub ermöglicht: Denn eine Krebserkrankung führt in der Regel auch zu massiven finanziellen Problemen.
Der Verein „Auszeit für die Seele von Annemarie Hunecke und Reinhard Gödemeyer sucht Vermieter, die ihre Ferienwohnungen oder -Häuser kostenlos oder günstig zur Verfügung stellen und so krebskranken Menschen mit ihren Familien einen Urlaub ermöglichen. Der Verein übernimmt die Nebenkosten.
Eine Krebserkrankung bedeutet für viele Menschen finanzielle Probleme, weil sie nach 18 Monaten Krankheit in Frührente geschickt werden. Oft folgen dann Hartz IV und Grundsicherung.
Die Idee für den Verein kam Reinhard Gödemeyer im Wartezimmer einer Arztpraxis. Dort las er in einem Magazin von einem Verein, der in Israel genau das macht, was Hunecke und Gödemeyer nun auch in Deutschland auf den Weg bringen. Hunecke und Gödemeyer haben den Verein 2017 gegründet, gut 30 Mitglieder zählt er. Inzwischen haben sie mehr als 50 Vermieter im Boot.
Die Krebspatienten melden sich in ihren „guten“ und chemotherapiefreien Phasen beim Verein, dann kann die Vermittlung einer Ferienwohnung oder eines Ferienhauses in Angriff genommen werden. Für die Anmeldung benötigen sie eine Bescheinigung ihres Arztes über die Krebserkrankung und den Nachweis über Grundsicherung.
Kontakt zum Verein: Interessierte Vermieter, Ferienwohnungs- oder Hausbesitzer melden sich bei Annemarie Hunecke, Vorsitzende des Vereins „Auszeit für die Seele“, unter Tel. 02383/ 91 82 775.
Das hat Ute Weers selbst erlebt. „Deshalb ist es mir ein Herzensanliegen, dass krebskranken Menschen und ihren Familien eine Auszeit ermöglicht wird“, sagt sie: Als im Sommer die Vorsitzende des Vereins „Auszeit für die Seele“ im Wangerland für Tanja und ihre Familie aus Holzwickede Vermieter suchte, stand Ute Weers Entschluss schnell fest: „Natürlich helfen wir.“
Sie wünscht sich, dass viele weitere Vermieter von Ferienwohnungen, -häusern und zimmern ihrem Beispiel folgen und freie Kapazitäten als „Auszeit“ zur Verfügung stellen. „Es muss ja nicht eine ganze Woche sein, ein paar Tage oder ein langes Wochenende helfen auch schon“, sagt Ute Weers. Vom Verein gibt es dafür eine kleine Aufwandsentschädigung – „den für die sechsköpfige Familie fälligen Gästebeitrag tragen aber wir“, sagt sie.
Noch bis Samstag genießen Tanja und ihr Mann Benjamin mit ihren Töchtern Cäcilia, Amelie (9), Isabelle (5) und Emma, die heute ihren zweiten Geburtstag feiert, Ruhe pur im Wangerland. Ein Bekannter hatte den Kontakt zum Verein „Auszeit für die Seele“ hergestellt.
„Wir sind zum ersten Mal an der Nordsee. Die frische Luft tut uns allen gut, die Kinder haben Spaß bei allem, was sie tun. Und wir alle fühlen uns sehr gut aufgenommen“, schwärmt Tanja. Am Strand in Schillig waren sie schon, haben Muscheln gesammelt für zu Hause, haben sich Horumersiel angesehen und Hooksiel samt Muschelmuseum. „Wir kommen hier endlich mal zur Ruhe, bekommen den Kopf frei und haben keine Termine“, sagt Vater Benjamin: „Es tut so gut, einfach mal eine Woche wegzusein von zu Hause und die Tage ganz entspannt anzugehen.“
Denn so lange seine Frau nicht ganz genesen ist, übernimmt er die Versorgung der Kinder. „Unsere Tage sind straff durchorganisiert“, sagt er: „Morgens die Kinder fertig machen für Kindergarten und Schule, arbeiten gehen, später die Kinder wieder abholen, Haushalt, Einkauf – und meine kranke Frau pflegen“, so sieht seit drei Jahren sein Tag aus.
Vor drei Jahren wurde bei Tanja Gaumenkrebs diagnostiziert. „Ironie des Schicksals: Ich bin Zahnarzthelferin und hatte immer ein perfektes Gebiss.“ Was folgte, waren lange Krankenhausaufenthalte, mehrere Operationen, Chemotherapie. Tanja überstand alles, auch wenn es mehrmals Komplikationen gab. Ihren halben Oberkiefer hat sie durch den Krebs verloren und trägt seitdem eine provisorische Prothese.
„Wir dachten eigentlich, wir sind nun durch mit dem Thema“, sagt Benjamin: Im Januar sollte die Kiefer-Rekonstruktion beginnen. Doch plötzlich war der Krebs wieder da: „Ich bekam Schmerzen in Hüften und Oberschenkeln. Mir war gleich klar, dass das wieder etwas Schlimmes ist.“ Wie sich herausstellte, hatte der Krebs im Gaumen gestreut: Tanja hatte einen 20 Zentimeter großen Tumor am linken Beckenflügel sitzen.
Erneut diktierte der Krebs das Familienleben – Krankenhausaufenthalte, OPs, Chemo folgten. Benjamin nahm unbezahlten Urlaub von seiner Stelle als Speditionskaufmann, um sich ganz um seine Kinder kümmern zu können. „Unsere Fünfjährige hat extreme Verlustängste: Bin ich nicht da, glaubt sie, ich komme nie wieder“, erzählt Tanja. Auch die anderen Kinder haben sich durch die Krankheit ihrer Mutter stark an ihren Papa gehängt. „So war es besser, er übernimmt, statt dass jemand Fremdes gekommen wäre“, sagt sie.
Ihr Mann muss seit 1. Oktober wieder arbeiten, seitdem kümmert sich Tanja um ihre Kinder, so gut es geht. Doch sie hat an den Krebs ihre linke Beckenhälfte verloren. Bisher saß sie im Rollstuhl – erst seit wenigen Tagen kann sie auf Krücken laufen. „Im Rollstuhl mit Kindern – das ist echt schwierig“, sagt sie. Und: „Wenn man überlegt: Wir sind relativ jung und fit und tun uns so schwer mit dem Krebs – wie muss es da erst älteren Leuten in dieser Situation gehen. . .“
Sie ist sehr dankbar für die Auszeit, die Familie Weers und der Verein ihrer Familie ermöglichen. „Es war ganz unkompliziert und ging alles sehr schnell“, sagt Benjamin: Wenn man mit einer Krebserkrankung zu tun hat, kann man nicht noch zusätzliche Bürokratie brauchen.
„Überhaupt war es für uns schon ein großer Schritt, irgendwo hinzugehen und um Hilfe zu bitten. Hilfe dann anzunehmen, kostet weitere Überwindung“, erzählt er. Und: „Wir sind sehr dankbar für die Hilfe.“
