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Jubiläen Auf Wangerooge „Habe schon drei Pfund zugenommen...“

Wangerooge - „Gesundheit, Freude und reiches Erleben will das Schullandheim Wangerooge recht vielen Kindern aus dem Oldenburger Lande vermitteln und sie für einige Zeit aus der alltäglichen Welt herausführen“: Das schrieb die NWZ in ihrer Ausgabe am 26. April 1949. Vor 70 Jahren wurde das Schullandheim – später Oldenburgisches Jugenderholungswerk (OJE) – in der Jadekaserne eröffnet.

Die Idee entstand ein Jahr zuvor. Kindern sollte das Heim einen „Seeaufenthalt von 14 Tagen bei bester Betreuung“ ermöglichen – ihre Gesundheit sollte durch den damaligen Bade- und Kinderarzt Dr. Siemens überwacht werden. In der Chronik des OJE zum 50-jährigen Bestehen heißt es: „Als Kinderarzt im OJE wirkte oft schon sein väterlicher Zuspruch für schnelle Gesundheit und Wohlbefinden.“

Die Entstehung

„Die Entstehung liegt in der schwierigen Nachkriegszeit“, sagt Dieter Boll, OJE-Vorsitzender. „Es gab Hunger und Not. Der Oldenburgische Verwaltungspräsident August Wegmann und sein Schulabteilungsleiter Fritz Kaestner, haben sich für erholungsbedürftige Kinder eingesetzt.“ Schon von 1920 bis 1933 habe es in der Kaserne ein Schullandheim gegeben. 1949 schlossen sich als Träger die Landkreise Cloppenburg, Oldenburg und Friesland, die Städte Oldenburg, Wilhelmshaven und Delmenhorst und die Gemeinde Wildeshausen zusammen als „Verein Schullandheim Wangerooge“. Auch das Land finanzierte das Landschulheim mit – als erstes floss ein Zuschuss von 12 000 Mark: Für Decken und anderes Inventar, für die Miete der ersten fünf Monate.

Die neue OJE-Heimleiterin

Seit März ist Sonja Wilbers neue Heimleiterin des OJE auf Wangerooge – übrigens die erste Frau in der Geschichte der OJE-Heimleitungen.  Name: Sonja Wilbers Alter: 52 Wohnort: Seit 2015 Wangerooge  Am meisten freue ich mich auf „. . . die Zusammenarbeit mit dem tollen und wunderbaren Team.“ Eine Herausforderung wird sein. . . „Jede neue Arbeitstelle ist sicher eine Herausforderung, aber ich freue mich darauf.“

„Dann galt es einen Heimleiter zu finden“, so Boll. „Ihm wurden ein Maßanzug, ein fettes Schwein sowie kostenlose Unterkunft und Verpflegung gestellt.“ Auch die erste Köchin hatte Kost und Logis frei – sie war im Krieg Witwe geworden, weiß Boll.

Die ersten Schüler

Die ersten Schüler kamen aus Cloppenburg. Sie genossen ihren Aufenthalt: „Hier ist es herrlich, waren schon am Strand, habe schon drei Pfund zugenommen“, zitierte die NWZ damals von Ansichtskarten an daheim. „Die 300 Betten waren während des Sommerhalbjahres von Ende April bis Ende Oktober belegt. Alle vierzehn Tage erfolgte ein Wechsel. ... Die Verbandsmitglieder und Schulklassen brauchten für Unterkunft, Verpflegung und Kurtaxe nur 2,90 DM zu bezahlen“, hieß es in der NWZ

Im ersten Jahr sollen rund 2000 Schüler das Schullandheim besucht haben. „Das musste erst einmal gestemmt werden“, sagt Boll. „Es musste ein zusätzlicher Kohlezug kommen, damit die Kaserne geheizt werden konnte, ebenso zusätzliches Mehl für Brot.“

Von 1950 bis 1958 hat das OJE zur Aufbesserung der Finanzen Vieh gehalten. Ein Viehstall diente im Sommerhalbjahr als Schweinestall, im Winterhalbjahr als Kuhstall.

Bis 1958 besuchten rund 40 000 Schüler das Schullandheim – dann wurde umgebaut: In die Jadekaserne sollte das Inselgymnasium einziehen. Dem Schullandheim wurde vom Eigentümer, der Bundesvermögensverwaltung, kurzerhand gekündigt, schrieb die NWZ damals. Im Oktober 1959 fand schließlich die Einweihungsfeier des neuen Inselgymnasiums statt – vor 60 Jahren.

Mehrere Entwürfe

Für das Schullandheim sollte neu gebaut werden. „Es war mutig damals, zu sagen: dann bauen wir eben“, sagt Boll. „Der Architekt hatte es nicht leicht“, heißt es in der Chronik des OJE, die 1999 zum 50. Geburtstag erstellt wurde. Denn Architekt Borowski musste vier Pläne ausarbeiten. Erst war zweigeschossig geplant; aber das Heim lag in der Einflugschneise des Flughafens und der Bau war zu teuer.

Erst der vierte Entwurf wurde beschlossen. „Die Finanzierung bereitete dem Verein zwar Schwierigkeiten, da er den größten Teil der 630 000 Mark selbst aufbringen musste.“ „Aber mit eigenen Mitteln und Darlehen der Landessparkasse wurde auch diese Hürde genommen.“

Von 1960 bis 1965 liefen die Bauarbeiten an der Siedlerstraße, dem heutigen Standort. Am 12. August 1960 schrieb die NWZ: „Mit dem Vorhaben, nördlich der Siedlerstraße zu bauen, stieß man auf Widerwillen der Bevölkerung und mußte schließlich ausweichen, da das vorgesehene Baugelände für die Wassergewinnung bedeutend ist. So wurde der alte Plan, östlich des Dorfes zu bauen, wieder aufgegriffen und in die Tat umgesetzt.“

Der Umzug

Als 1960 der Umzug von der Jadekaserne in das neue Gebäude an der Siedlerstraße anstand, hatte das Schullandheim auch den neuen Namen „Oldenburgisches Jugenderholungswerk“ kurz OJE.

„Während in den 40er Jahren gerade der Krieg zu Ende war, waren die 60er Jahre von Wohlstand geprägt“, sagt Boll. Trotzdem habe sich bis heute am Ziel nichts geändert: „Nach wie vor steht im Fokus, dass wir Kindern, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, einen Inselaufenthalt ermöglichen.“

Inzwischen wurden die Häuser saniert und modernisiert. Von 2013 bis 2017 wurden zwei der drei OJE-Häuser für 2,5 Millionen Euro erneuert. Im Oktober 2019 beginnt die Erneuerung des dritten Hauses. Der Bau soll 2022 abgeschlossen sein – das kostet nochmals rund 1,5 Millionen Euro. Zuschüsse gibt’s von den Trägern – „das entspricht aber keiner Vollabdeckung“, sagt Boll.

Was beim Umbau an Haus 3 im Vordergrund steht: die gesamte untere Etage soll behindertengerecht werden für bis zu 20 Personen. „Wegen des Umbaus werden wir unseren 70. Geburtstag nicht feiern, sondern erst in fünf Jahren den 75., wenn alles komplett fertig ist“, sagt Boll. Bis dahin müsse noch einiges getan werden. „Zusammen mit den bisherigen Modernisierungen ist das schon eine Herausforderung. Am Ende werden wir aber stolz sein.“

Antje Brüggerhoff
Antje Brüggerhoff Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt
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