Wangerooge - „Der Kreis-Amtsschimmel wiehert!“ stand auf dem Schild, das die Wangerooger Milchviehhalter zeigten. Und sie schütteten einige hundert Liter beste Kuhmilch in den Rinnstein – direkt vor dem Hotel „Fresena“.
Die Aufsehen erregende Aktion vor 60 Jahren ging als „Milchkrieg“ in die Inselgeschichte ein. Damals gab es noch zwei Hand voll Insulaner mit Kühen. Die Milch der Inselkühe wurde teils direkt vom Hof verkauft, fand aber auch den Weg in die Milchgeschäfte der Insel. 1959 verbot ein neues Gesetz den gleichzeitigen Verkauf von pasteurisierter und unbehandelter Milch.
Bereits im April 1959 war das ein großes Thema der Gemeinderatssitzung unter dem stv. Bürgermeister Diedrich Gramberg. Der Inselrat hoffte da noch auf einen Kompromiss mit dem Landkreis Friesland als Aufsichtsbehörde.
Amtsschimmel stur
Der „Amtsschimmel“ zeigte sich jedoch wider Erwarten störrisch. Man wollte die Milchviehhalter zwingen, die Rohmilch zur Verarbeitung ans Festland zu schicken, denn eine Molkerei gab es ja auf Wangerooge nicht. Die Verschickung der Milch erschien den Insulanern zu Recht unzumutbar, zumal es keine Kühlanlage auf dem Frachtschiff gab. Die Milch würde beim Transport sauer und sei dann verdorben.
„Inselmilch weist gegenüber der Festlandsmilch einen sechsmal höheren Jodgehalt auf und ist von Insulanern und Kurgästen gleichermaßen begehrt“, schrieb Willi Grünewälder als Inselkorrespondent damals in der NWZ.
Falls die Behörde auf der Einhaltung der Verordnung bestehe, werde es bald keine Inselmilch mehr geben. Dabei sah eine Öffnungsklausel Ausnahmen vor. Benachbarte ostfriesische Landkreise hatten diese Genehmigung für ähnliche Fälle auf Spiekeroog, Langeoog und Juist erteilt; Jever blieb jedoch stur.
Einige Tage nachdem die Milch im Rinnstein gelandet war, ließ die Behörde mitteilen: „... Da trotzdem nichtpasteurisierte Milch in einem Wangerooger Milchgeschäft verkauft wurde, hat der Landkreis Friesland den Verkauf von nichtpasteurisierter Milch untersagt...“
Die Gemeindeverwaltung Wangerooge sprach danach in Jever vor. Das Ergebnis: „Die von den elf Landwirten der Insel gelieferte Milch ist fortlaufend auf Güte und Fettgehalt zu untersuchen, tiefgekühlt und getrennt von dem Verkauf der pasteurisierten Festlandsmilch aufzubewahren, ist mit dem jeweiligen Lieferantennamen zu kennzeichnen und mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es sich um rohe Milch handelt, die vor dem Genuß gekocht werden muß, an Verbraucher abzugeben.
Niederlage für Insel
Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sein werden, kann das dafür zuständige Landesverwaltungsamt, Ernährungswirtschaft, Außenstelle Oldenburg, die Befreiung von der gesetzlichen Pasteurisierungspflicht genehmigen.“
So ging der „Milchkrieg“ mit einer Niederlage für die Wangerooger zu Ende.
Inzwischen gibt es längst keine Rindviehhalter mehr auf der Insel. Die Weideflächen im Ost- und Westgroden werden von Landwirt Menz Willms (Rickelhausen) genutzt, der seine Rinder dort alljährlich in den Sommerurlaub schickt. Der „Almabtrieb“ ist stets ganz großes Kino.
