Wesermarsch - Die Angst geht um beim Deichschäfer Fred Wachsmuth in Moorhausen. Er schlafe kaum noch, erzählt er. Der Auslöser für seine unruhigen Nächte hat bereits einmal auf einer etwas entfernt liegenden Weide in Fuchsberg zugeschlagen. Dass ein Wolf für den Tod mehrerer seiner Schafe verantwortlich hat, ist nun amtlich.

Wie ihm der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mitteilte, hat das offiziell beauftragte Senckenberg-Institut eine entsprechende Feststellung getroffen. Die Forensische Genetik und Rechtsmedizin (ForGen) am Institut für Hämatopathologie GbmH mit Sitz in Hamburg, die Fred Wachsmuth selbst beauftragt hatte, war schon früher nach der Auswertung der Proben zu diesem Ergebnis gekommen.

Grenzen setzen

Fred Wachsmuth hat nun Gewissheit. Aber beruhigen kann ihn diese Nachricht nicht. „Ich will meine Schafe in Sicherheit wissen“, sagt Fred Wachsmuth, der weitere Wolfsattacken befürchtet.

Grund dazu hat der Deichschäfer. Denn nur 200 Meter von der Stelle in Fuchsberg entfernt, bei der am 12. Februar drei Schafe verendet sind und eines so schwer verletzt wurde, dass es eingeschläfert werden musste, wurde jetzt ein skelettiertes Reh entdeckt. „Das Reh wurde fast komplett aufgefressen“, erzählt Fred Wachsmuth. Er glaubt, auch hier den Isegrim als Übeltäter ausgemacht zu haben. Ein Elsflether Tierarzt habe Proben genommen, die jetzt bei ForGen untersucht würden. Fred Wachsmuth jedenfalls ist alarmiert: „Nächste Woche treibe ich Schafe mit Lämmern auf den Deich. Der Tisch für den Wolf ist dann reich gedeckt“, merkt er zornig an. Gegen den Wolf müsse etwas unternommen werden, betont er. „Wir wollen ihn hier nicht haben.“

Seine Schafe muss Fred Wachsmuth auf den Deich treiben. Denn der Platz in den Ställen wird für die Nachzucht benötigt. Täglich lammen die trächtigen Muttertiere. Zudem erfüllen seine rund 600 Tiere eine wichtige Aufgabe: „Sie machen aktiven Deichschutz“, so der 58-jährige, der die Schäferei in Moorhausen seit 2003 betreibt.

Björn Thümler (CDU) ist am Montag bei Fred Wachsmuth. Er ist niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur. Der Landtagsabgeordnete weiß um die Problematik. Für den Küstenschutz seien die Schafe unverzichtbar. Doch die Deiche und Weideflächen einzuzäunen, mache keinen Sinn, sagt er. Zum einen zweifelt er die Wirksamkeit eines etwa zwei Meter hohen Hindernisses für den Wolf an. Zum anderen verweist er auf den Tourismus. Für die zehn Kilometer Deich, die Fred Wachsmuth mit seinen Schafen bewirtschaft, wäre ein 20 Kilometer langer Zaun zum Schutz der Herden erforderlich. Der Schäfer steht im Dienst des II. Oldenburgischen Deichbandes. Das Verbandsgebiet umfasst 140 Kilometer Deichlinie. Die Kosten, das komplette Gebiet wolfsfrei einzuzäunen, wären enorm, würde man 100 000 Euro pro Kilometer Zaun zugrunde legen.

Eine Alternative zum Einzäunen sind Hütehunde, die die Herden bewachen. Doch diese Herdenhunde würden auch jeden anderen angreifen, der sich den Schafen nähern würde, so Fred Wachsmuth. „Sie schützen die Schafe.“ Spaziergänger, die in die Nähe kämen, wären also gefährdet. Dieses Risiko könnte man als Schafzüchter nicht auf sich nehmen. Auch von der Idee, Esel zur Herde zu stellen, die dann Alarm schlagen und sich dem Wolf stellen würden, hält Fred Wachsmuth, Schäfer in 14. Generation, nichts. Er sei viel herumgekommen in der Welt. Wenn ein Wolf hungrig sei, schrecke ihn nichts ab.

Was bleibt, ist eine wolfsfreie Zone, die auch Björn Thümler befürwortet. Denn die Küstenregion mit ihrer Weidetierhaltung vertrage sich nicht mit dem Wolf. Für den Wolf müsse es definierte Zonen geben. Wenn nicht anders möglich, sei das Raubtier auch zu bejagen. „Der Wolf muss entnommen werden. Das geht nur durch pragmatisches Handeln", ist Björn Thümler, der Handlungsbedarf sieht, überzeugt.

Der Wolf hat es laut Björn Thümler in den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD geschafft. Wölfe, die Weidezäune überwänden und Menschen gefährdeten, sollten entnommen werden, heißt es darin. Dass Jäger legal handeln können, dauert nach Björn Thümlers Worten aber noch. Das Regelwerk der Europäischen Union müsse zunächst geändert werden, der Wolf seinen Status als geschützte Art verlieren. Das deutsche Jagdgesetz sei zudem zu ändern. „Was gemacht wird, muss legal sein“, betont der CDU-Landtagsabgeordnete aus Berne. Was Fred Wachsmuth also bleibt, ist die Ungewissheit. Und die Ohnmacht, seine Schafe nicht schützen zu können. Zwar mache sich der FDP-Landtagsabgeordnete Horst Kortlang (Elsfleth) außerordentlich für die Belange der Züchter und der Menschen in der Region stark, so Fred Wachsmuth weiter. „Er ist sehr engagiert, kümmert sich, fragt auch bei mir nach.“ Das ist in seinen Augen lobenswert. Und doch: „Wir kommen im Moment nicht weiter“, sagt er, und etwas Resignation schwingt dabei mit.

Ulrich Schlüter
Ulrich Schlüter Redaktion Brake