Westerstede - „Wo ist denn hier der nächste Briefkasten?“, fragt ein Besucher. Im Kreishaus ist keiner, aber trotzdem hat Ines Meyer darauf eine Antwort. Hier am Empfangstresen mitten im Foyer der Behörde ist ihr Arbeitsplatz. Sie verbindet Anrufer mit den zuständigen Ansprechpartnern im Haus und beschreibt den Besuchern den Weg ins richtige Büro. Geduldig beantwortet sie Fragen oder leitet sie weiter. Immer bewahrt sie die Ruhe.
Anliegen gibt es viele, um die sich die 50-jährige Westerstederin im Laufe ihres Arbeitstages kümmern muss. Die Aufgaben teilt sich die Vollzeitkraft mit den beiden Halbtagskräften Jasmin Kempen und Helga Bäthge.
600 Telefonate
Während sie noch einem Kunden vor ihr am Tresen etwas erklärt, klingelt schon wieder das Telefon. Bis zu 600 Mal greift sie an manchen Tagen zum Hörer. Zu viel wird ihr das nicht. „Ich habe mit Menschen zu tun, und jeder Tag ist anders“, sagt sie.
Manchmal muss sie auch schmunzeln. So habe es Autofahrer gegeben, die wissen wollten, ob man nach der Abmeldung des Pkws oder nach Abgabe des Führerscheins mit dem Auto nach Hause fahren dürfe. Immer wieder komme es auch vor, dass Autofahrer, die gerade in eine Radarfalle gefahren waren, noch vom Steuer aus anriefen, um die Höhe des Bußgeldes zu erfahren. „Es ist aber wichtig, dass man jeden Menschen mit seinem Anliegen ernst nimmt“, betont sie.
Unfreiwillig komisch
Vieles haben die drei Frauen am Empfang schon erlebt. Unfreiwillig komisch wird es, wenn die Bürger in der Eile oder Aufregung den Grund ihres Anrufs stark verkürzen: „Ich hätte gern ein Problem“, „Sind Sie das Ammerland-Dings?“, „Ich würde gerne mit den Schildern sprechen“, „Ich hätte gerne denjenigen gesprochen, der für meine zwei Kinder zuständig ist...“ oder „Ich hätte gern denjenigen gesprochen, der für das M zuständig ist.“ Ein Besucher war davon überzeugt, dass das Finanzamt neulich noch an der Stelle stand, wo sich jetzt das Kreishaus befindet. Momentan wollen Anrufer wissen, wie man Christbaumkugeln korrekt entsorgt.
Vor allem aber ist Ines Meyer ein besonderer Anruf in Erinnerung. „Eine Frau wollte, dass ihre Straße für Pferde gesperrt wird, weil sie allergisch dagegen ist. Da habe ich mich nach einer versteckten Kamera umgesehen und habe gedacht, die Kollegen nehmen mich auf den Arm. Ich war ja erst wenige Monate im Job.“
Den zu bekommen, war gar nicht so einfach, denn es gab viele Bewerberinnen, erinnert sich die Bürokauffrau. Weil sie das Vorstellungsgespräch nicht absagen wollte, hat sie sogar den Urlaub in Dänemark unterbrochen und war mit dem Zug zurückgefahren. „Aber es hat sich gelohnt, ich habe die Zusage noch im Urlaub bekommen“, freut sie sich.
Digitales Lexikon
Das war vor dreieinhalb Jahren. Inzwischen kennt die Verwaltungsangestellte die Abläufe in der Behörde genau und auch viele Namen. 360 Kollegen arbeiten im Kreishaus, hinzu kommen knapp 240 Mitarbeiter in den Außenstellen wie Kreisvolkshochschule, Musikschule, BBS Rostrup, Beratungsstelle und Kreismedienzentrum. „Das sind insgesamt knapp 600 Kollegen. Manche habe ich noch nie gesehen.“ Für die Suche nach dem richtigen Ansprechpartner gibt es ein Computer-Lexikon, das beim Eingeben von Namen oder Stichworten weiterhilft.
Aber mit der Telefonvermittlung und dem Besucherempfang ist ihr Aufgabenbereich noch nicht abgedeckt. So pflegt sie die Daten und Informationen ins Intranet und Internet ein, damit alles auf dem neuesten Stand ist – von Stellenausschreibungen bis zu Mitteilungen.
Bei Evakuierungen im Einsatz
In der Behörde gibt es eine Kantine, die auch für Mitarbeiter der auswärtigen Ämter offen steht. Für sie erledigt sie die Bestellungen und berechnet das Essen.
Und dann gibt es auch noch Aufgaben, die ihr persönlich wichtig sind und die sie deshalb übernommen hat. So ist sie Ersthelferin für kleine Verletzungen und hilft beim Einweisen des Rettungswagens, wenn medizinische Unterstützung erforderlich ist. Und als Brandschutzhelferin ist sie für den Eingangsbereich verantwortlich und trägt dazu bei, dass bei Evakuierungen alles glatt läuft.
Das sind eine Menge Aufgaben, die tagtäglich von ihr und ihren zwei Kolleginnen gemeistert werden müssen. „Es gibt auch traurige und ernste Angelegenheiten oder auch verärgerte Bürger. Aber da hilft Gelassenheit“, unterstreicht Ines Meyer. Tauschen möchte sie ihren Arbeitsplatz auf keinen Fall.
