Wilhelmshaven - Refat Mira geht es gut. „Ich bin glücklich“, sagt der 38-Jährige. Drei Jahre lang war der Wilhelmshavener arbeitslos gemeldet, nur von kleineren Jobs unterbrochen. Doch nun bekam er endlich die ersehnte feste Anstellung: Seit Dezember ist er bei Eurogate im Containerumschlag am Jade-Weser-Port tätig. Bei Wind und Wetter kümmert er sich als „Lascher“ um die Befestigung von Containern am Standort und beim Verladen. Die Anstellung im Containerhafen hat ihm, seiner Frau und den drei Kindern ganz neue Möglichkeiten eröffnet: „Ich habe uns jetzt ein eigenes Haus hier in Wilhelmshaven gekauft“, erzählt Refat Mira stolz. Er strahlt über das ganze Gesicht. „Wir haben einen Kredit bekommen.“ Und die Kinder haben nun ein Sparbuch.
Der gebürtige Libanese, der vor 13 Jahren zu seiner in Wilhelmshaven geborenen Frau zog, gibt einer Entwicklung ein Gesicht, für die sonst nur blutleere Zahlen herangezogen werden: Der Jade-Weser-Port wird zum Job-Motor. Zusammen mit anderen gut laufenden Branchen werden in Wilhelmshaven viele Stellen geschaffen.
Ergebnis: Die Erwerbstätigkeit in Wilhelmshaven steigt, die Arbeitslosenquote sinkt, allein im Mai wurden mehr als 270 neue freie Arbeitsplätze gemeldet, das sind 42 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Endlich! Die Quote, im Mai 2016 noch bei 11,4 Prozent, sank über 11,3 Prozent (2017) auf zuletzt 10,9 Prozent. Wilhelmshaven, das im Nordwesten trauriges Schlusslicht in der Arbeitslosenstatistik ist, könnte bald also die hässliche 10-Prozent-Marke durchbrechen – nach unten, in den viel besser aussehenden einstelligen Prozentbereich hinein.
Gute Perspektiven
Ob das so kommt – so genau will sich Dr. Thorsten Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven, aber noch nicht festlegen. Er berichtet jedoch von „deutlich angezogener“ lebhafter Arbeitskräfte-Nachfrage in diversen Branchen und „rund um den Hafen“. Die Entwicklung dort sei „gut“ – und ebenso die Perspektiven. „Rund 1000“ Arbeitsplätze seien für die drei nächsten Jahre in Hafen-Nähe bereits konkret oder in Planung, hat der Agentur-Chef zusammengerechnet. Das bedeute „gute Chancen für Wilhelmshaven und das Umland“.
Dafür steht zum Beispiel die Firma Eurogate. Die Zahl der neuen Stellen bei ihrem noch jungen Container Terminal Wilhelmshaven (CTW) sei von 2011 bis Ende 2017 auf 368 gewachsen, erläutert Jana Brettschneider in der Bremer Zentrale. Hinzu kämen 56 bei Eurogate Technical Services. Wichtige Partner bei diesem personellen Hochlauf seit Hafen-Start war die Arbeitsagentur – mit ihr seien Bewerber für die Funktion „Lascher“ (die übt auch Refat Mira aus) und Großgerätefahrer identifiziert worden. Die konkrete Vorbereitung auf den Hafen lief dann in mehreren Phasen mit Gruppenlehrgängen beim Weiterbildungsträger Ma-co.
Zurzeit arbeite man „weiter daran, unseren Containerterminal in Wilhelmshaven weiterzuentwickeln und die Belegschaft im Laufe der nächsten Jahre um weitere 200 Stellen aufzubauen“, sagt die Sprecherin. Dies geschehe schrittweise, „immer im Abgleich mit der Marktentwicklung“. Aktuell fänden z.B. Auswahltage für die Ausbildung zum Lascher statt. Und man führe Gespräche mit Kandidaten, die sich auf eine Ausschreibung zum Großgerätefahrer bewarben.
Auch Refat Mira könnte sich das mit dem „Großgerät“ vorstellen – ein kleiner interner Aufstieg nach seinem Einstieg, auch wohl mit mehr Geld. Aber er muss sich noch gedulden. Der zuvor Langzeitarbeitslose war vor Arbeitsbeginn betriebsintern geschult worden. Andere haben bereits mehr Erfahrung im Hafen.
Gut war für Refat Mira: Er hatte schon Erfahrung im Gerüstbau. Das signalisierte: Der heute 38-Jährige kann körperlich anstrengende Arbeit verrichten, auch bei Wind und Wetter – und ihm wird nicht schwindelig. Diese persönliche Vorgeschichte half ihm zu Eurogate. „Von nichts kommt nichts“, sagt er wie ein Alter.
Arbeitsagentur und Jobcenter helfen
Suchen Firmen Arbeitskräfte in Wilhelmshaven, ist oft die Arbeitsagentur Oldenburg-Wilhelmshaven oder das mit der Stadt betriebene Jobcenter im Spiel. Man kennt die „Kunden“ und hat einen mehrköpfigen Arbeitgeberservice, erläutern Agenturchef Thorsten Müller und Jobcenter-Experte Jan Westphal. Geeignete Bewerber könnten gezielt identifiziert und – oft mit Hilfe privater Weiterbilder – qualifiziert werden. Auch Lohnkostenhilfen seien möglich. Einige Kollegen befassen sich speziell mit Hafenjobs. Früh wurde eine Projektgruppe gebildet. Sie beobachten auch: Im Hafen deutet sich eine Eigendynamik an. Je mehr dort schon ist, desto mehr Interesse entsteht, aus verschiedenen Branchen. Schon ist von Möbeln, Autos oder kleiner Gastronomie die Rede.
Ob es letztlich gelingt, mit diesem Instrumentarium auch jene Langzeitarbeitslosigkeit abzuschmelzen, die sich in Wilhelmshaven so festgesetzt hat? Mehr Menschen als anderswo sind hier länger als ein Jahr arbeitslos: 41,5 Prozent waren es im Mai. Zum Vergleich: In Niedersachsen waren es 37,6 Prozent, bundesweit gar nur 35,9 Prozent.
Es geht voran, doch zugleich dämpft man bei Jobcenter und Arbeitsagentur zu hohe Erwartungen – es gebe viel zu tun, und die Fälle seien oft nicht einfach. Konkret: Viele lange Zeit arbeitslose Menschen im System Hartz IV sind mit Problemen belastet, auch von Sozialtourismus in Richtung Jade ist hinter vorgehaltener Hand schon mal die Rede.
Längst nicht jeder, der langzeitarbeitslos ist, hat schon so gute berufliche Erfahrungen gesammelt wie einst Refat Mira, als er sich bei Eurogate bewarb. Dies bringt automatisch Chancen mit sich.
„Nicht nur mit Langzeitarbeitlosen“ – aber auch – besetzt der Logistiker Nordfrost aus Schortens die vielen neuen Stellen im nahen Wilhelmshaven. Man suche im Prinzip bundesweit. „Wir haben bisher 180 Arbeitsplätze geschaffen“, berichtet Gründer Horst Bartels. Das seien etwa Kraftfahrer, Lagerarbeiter, Disponenten und auch Führungskräfte. Bis Ende nächsten Jahres soll die Zahl der Arbeitsplätze in Wilhelmshaven auf 500 steigen, kündigt Bartels an, der früh die Vorzüge des Jade-Weser-Ports erkannte. Er baut ständig neue Gebäude für weitere Güter. Auch neue hafenbezogene Dienstleistungen hat er auf dem Plan – bis hin zu Lagerung und Reparatur von Containern, oder ein Gefahrgutlager. All das wird zu den 320 weiteren Stellen beitragen.
Auch Nordfrost kooperiert nicht nur mit dem Jobcenter, sondern bei der Qualifizierung auch konkret mit dem örtlichen Weiterbilder Arvaport. Bei einer ersten „Maßnahme“ seien 24 Bewerber einbezogen worden. Am Ende bekamen elf einen Arbeitsvertrag – „und keiner ist bisher abgesprungen“, freut sich Bartels über die neuen Mitarbeiter. Sie seien vorher lange arbeitslos gewesen. „Ich bin mit ihrer Arbeit ganz zufrieden.“ Das sei doch „ein schöner Erfolg“, findet der Unternehmer. Schon ist ein weiterer Qualifizierungskurs mit Arvaport angelaufen. Und Nordfrost bietet Praktika an.
Und das Lohnniveau?
Auch weitere Firmen sind auf der Suche nach Fachkräften oder Angelernten – etwa als Staplerfahrer. Und so ist an der Jade – für viele eine ungewohnte Erfahrung – schon Konkurrenz um Bewerber zu spüren. Auch über Eurogate wird in diesem Zusammenhang geredet: Die zahlen den in der überregional tätigen Gruppe üblichen hohen Tarif – das sei natürlich mehr als an der Jade sonst üblich. Muss man nachziehen?
Kaum vorstellbar, dass jener Logistik-Dienstleister, der am Jade-Weser-Port bald ein Versandzentrum für Autoteile betreiben soll, die gleichen Löhne zahlen wird wie beim Auftraggeber Volkswagen. Die Fertigstellung des Gebäudekomplexes ist nach letzten Angaben für 2019 vorgesehen. Zuletzt war von etwa 350 Arbeitsplätzen die Rede.
Nordfrost, Eurogate, der VW-Dienstleister – so kommt man den rund 1000 neuen Arbeitsplätzen nahe, die Agenturchef Müller errechnet hat. Aber in Wilhelmshaven läuft es zurzeit nicht nur im Jade-Weser-Port. Müller zählt etwa auch Industrie, Bau, Gesundheit und Pflege und Dienstleistungen auf.
Dass viele Arbeitsplätze entstehen – darüber würde sich auch Refat Mira freuen – obwohl er selbst es jetzt geschafft hat, bei Eurogate im Hafen. „Dann könnte viele junge Menschen hier in ihrer Heimatstadt bleiben, die sonst weggehen.“ Und Wilhelmshaven – das sei doch eine schöne, saubere Stadt. Und das meint er ganz ernst.
