Navigation überspringen
nordwest-zeitung

Auch Wilhelmshaven Als Standort Im Gespräch Wer macht das Rennen beim Flüssiggas-Terminal?

Wilhelmshaven/Stade/Brunsbüttel - Deutschland gilt als die Drehscheibe für Erdgas in Europa. Nur für die Einfuhr von Flüssigerdgas fehlt bislang das passende Terminal. Das soll sich bald ändern. An drei Standorten an der Nordsee laufen die Planungen auf Hochtouren.

Was versteht man unter Flüssiggas?

Flüssigerdgas (LNG/Liquefied Natural Gas) kann ohne Pipelines über große Entfernungen transportiert werden. Das Gas wird dabei auf etwa minus 160 Grad heruntergekühlt, wodurch es nur noch ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens hat. Dadurch kann es mit speziellen Tankschiffen, aber auch per Lkw oder Bahn transportiert werden. Am Anlandepunkt muss das Gas wieder umgewandelt („regasifiziert) werden, um es als Treibstoff zu verwenden oder in Gasnetze einzuspeisen.

Warum ist das Interesse an LNG derzeit zu groß?

Dafür gibt es sowohl wirtschaftliche als auch politische und Umweltgründe. Der Gasbedarf in Deutschland wird – auch durch den zumindest mittelfristig absehbaren Ausstieg aus der Kohle – hoch bleiben. Zugleich entsteht durch die stark rückläufige heimische und niederländische Gasproduktion eine Versorgungslücke, die zum einen natürlich mit Pipelinegas „gefüllt“ werden könnte. Vor allem Russland hat großes Interesse, seine Gaslieferungen auszubauen (Stichwort: Ostsee-Pipeline und Nord Stream 2). Zugleich will Deutschland seine Gasversorgung aber auch diversifizieren, um sich weniger abhängig von einzelnen Anbietern zu machen. Und da kommt Flüssiggas ins Spiel. Hier steht etwa der weltgrößte Flüssiggas-Exporteur Katar bereit. Aber auch die USA wollen ihr vor allem durch die umstrittene Fracking-Methode gefördertes Schiefergas loswerden und haben Europa als Abgasmarkt im Visier. Und schließlich gilt LNG von allen verfügbaren fossilen Brennstoffen als der emissionsärmste und am wenigsten klimaschädliche Treibstoff, wie unlängst etwa die Reederei Aida Cruises konstatierte, die auf der Papenburger Meyer Werft kürzlich die „Aidanova“ hat bauen lassen – das erste Kreuzfahrtschiff das komplett mit LNG betrieben werden kann.

Gibt es überhaupt Bedarf für ein LNG-Terminal?

In vielen Ländern Europas gibt es bereits Flüssiggas-Terminals – insgesamt mehr als zwei Dutzend. Frankreich etwa hat vier, Großbritannien sechs, Spanien sieben, Italien drei, die Niederlande, Belgien und Polen je eines. Nur Deutschland steht, obwohl es als die Drehscheibe für Erdgas in Europa gilt und über ein gut ausgebautes Pipeline-System verfügt, noch ohne ein Terminal da. Folge: Damit ein Schiff in Deutschland LNG aufnehmen kann, muss sich ein Tank-Lkw von Rotterdam auf den Weg etwa nach Hamburg machen. Auch deshalb sagt Norbert Brackmann, Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft: „Die Bundesregierung hat großes Interesse daran, dass in Deutschland ein LNG-Terminal entsteht.“ Dass zurzeit die bestehenden Terminals bei weitem nicht voll ausgelastet sind, stört viele Vertreter aus Politik und Wirtschaft nicht. „Dies dürfte sich ändern und die Planungen für die Zukunft müssen jetzt stattfinden“, sagte etwa Keith Martin, Vorstand des Energiekonzerns Uniper, der ein Terminal-Projekt in Wilhelmshaven vorantreibt.

So könnte die „Floating Storage und Regasifizierungs-Einheit“ (FSRU) aussehen

Gibt es auch Kritik am Flüssiggas?

Ja, und zwar sowohl aus der Wirtschaft als auch von Umweltverbänden. Denn das Verfahren zur Verflüssigung und Regasifizierung ist aufwendig und deshalb teuer. Auch in der Energiebranche gibt es deshalb Zweifel, ob ein LNG-Terminal in Deutschland tatsächlich wirtschaftlich betrieben werden kann. „Die Terminals, die wir derzeit in Europa haben, sind in der Regel nicht einmal zu einem Viertel ausgelastet“, sagte etwa Mario Mehren, Chef des deutschen Energieunternehmens Wintershall, unlängst dem „Handelsblatt“. „Wenn wir LNG importieren wollten, könnten wir das also schon. Bislang ist LNG aus den USA aber schlichtweg zu teuer.“

Was sagen Umweltverbände?

Auch von ihnen kommt Kritik. Etwa 50 Initiativen und Organisation – darunter Gliederungen des BUND, Anti-Fracking-Initiativen und der Landesverband Niedersachsen Bündnis 90/Die Grünen – haben sich in Niedersachsen zusammengeschlossen und bei der Landesregierung gegen eine Unterstützung von Flüssiggas-Projekten protestiert. Sie warnen vor Klima- und Umweltfolgen der LNG-Produktion. Wer verstärkt auf Flüssigerdgas setze, torpediere die Energiewende. Der Bau und die öffentliche Förderung einer Anlande- und Regasifizierungsanlage werde absehbar zu einer Investitionsruine, heißt es in dem Schreiben.

Wer ist im Rennen um den Bau eines Terminals?

Zurzeit werden in drei Städten an der Nordsee die Planungen vorangetrieben: Wilhelmshaven und Stade in Niedersachsen sowie Brunsbüttel in Schleswig-Holstein.

Was spricht für Brunsbüttel?

Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) ist mit der German LNG Terminal GmbH als einziger der drei Standorte im Netzentwicklungsplan Gas 2018-2028 der Bundesnetzagentur. Das private Konsortium, hinter dem der niederländische Gasnetzbetreiber Gasunie, das Tanklagerunternehmen Oiltanking aus Hamburg und Vopak aus Rotterdam stehen, will, wenn alle Genehmigungen vorliegen, 2020 mit dem Bau beginnen und zwei Jahre später den Betrieb aufnehmen. Über die Finanzierung soll 2019 entschieden werden. Die erste Stufe sieht eine LNG-Kapazität von fünf Milliarden Kubikmeter vor. Kürzlich konnten die Brunsbütteler mir RWE als erstem Kunden punkten. Der Energiekonzern sicherte sich vertraglich den Zugang zu einem „erheblichen Anteil“ an der Jahreskapazität. Auch die Kieler Landesregierung wirbt heftig für das Projekt.

Womit will Stade punkten?

Die Planer in Stade um die LNG Stade GmbH setzen auf die Nähe zu Hamburg und die Kooperation mit dem örtlichen Chemiewerk des US-Konzerns Dow Chemical, das etwa Abwärme für die Regasifizierung liefern könnte. Mitte Oktober gaben die Planer bekannt, dass sie beim Bund Fördermittel für das Großprojekt beantragt haben. Demnach soll das Terminal stufenweise ausgebaut werden und könnte von Ende 2020 an Tankstellen und Häfen mit LNG versorgen. Für die erste Ausbaustufe – mit einer Kapazität von vier Milliarden Kubikmeter LNG – sind Investitionen von 400 bis 500 Millionen Euro veranschlagt. In zwei weiteren Stufen könnte das Volumen auf bis zu zwölf Milliarden Kubikmeter hochgefahren werden, was immerhin zehn bis 15 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs ausmachen würde.

Worauf setzt Wilhelmshaven?

Kurz zusammengefasst auf die beste Infrastruktur, viel Erfahrung und namhafte Unterstützung. Bereits seit 1972 gibt es Planungen zum Bau eines Flüssiggas-Terminals in Wilhelmshaven. Eine im Herbst 2017 veröffentlichte LNG-Potenzialstudie der Beratungsgesellschaft Merkel Energy, die u.a. Nautik, Standortqualität und Anbindung an das Erdgasnetz analysierte, bescheinigte der Jadestadt unter fünf untersuchten Standorten die besten Voraussetzungen. „Es ist ein Tiefwasserhafen, der auch die Anlandung großer Schiffe erlaubt. Er bietet einen direkten Anschluss an das Pipelinenetz, zudem sind Gasspeicher in der Nähe und etliche Genehmigungsprozesse sind bereits abgeschlossen”, sagt Uniper-Vorstand Martin über die Vorzüge des Standorts. Ähnlich sieht das auch das Emirat Katar. Der Flüssiggas-Weltmarktführer unterstützt grundsätzlich die Pläne für den Bau eines LNG-Terminals in Deutschland und favorisiert dabei Wilhelmshaven, wie der Botschafter des Emirats, Scheich Saoud Bin Abdulrahman Al Thani, bei einem Besuch in der Jadestadt Ende November bekräftigte.

Video von Uniper zum LNG-Terminal in Wilhelmshaven:

Lade ...

Wie sehen die Pläne für Wilhelmshaven aus?

Der Düsseldorfer Energiekonzern Uniper hat am Montag mitgeteilt, dass er mit der japanischen Reederei Mitsui O.S.K. Lines (MOL) eine Vereinbarung über ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven geschlossen hat. Geplant sei eine „Floating Storage und Regasifizierungs-Einheit“ (FSRU), also ein schwimmendes Terminal in Form eines LNG-Tankers mit einer Regasifizierungsanlage an Bord. Im Vergleich zu einer Anlage an Land könne eine FSRU „kostengünstiger und schneller gebaut werden“, so die Projektpartner. „Zudem werden die Risiken aus der Bauphase reduziert“, sagte Uniper-Sprecher Leif Erichsen. Während Uniper als Projektentwickler agieren soll, will MOL die Anlage erwerben, betreiben und finanzieren. Die FSRU soll über eine geplante Leistung von zehn Milliarden Kubikmetern pro Jahr verfügen, was etwa zehn Prozent des gesamten deutschen Gasverbrauchs entspricht. Die Anlage könnte in der zweiten Jahreshälfte 2022 in Betrieb gehen. Laut Uniper kann die FSRU 20 Jahre betrieben werden, ohne den Hafen verlassen zu müssen.

Wo soll die Anlage errichtet werden?

Konkret soll die Anlage auf dem Voslapper Groden, nahe der Gemeinde Wangerland, entstehen. Dort ist Uniper bzw. die Deutsche Flüssigerdgas Terminal Gesellschaft (DFTG) bereits im Besitz eines Geländes. Die direkt daneben liegende Löschbrücke soll zur Anbindung des schwimmenden LNG-Terminals ins offene Wasser verlängert werden. Zur Anbindung an das Ferngasnetz ist eine 32 Kilometer lange Pipeline zum Gasspeicher in Etzel geplant, die laut Uniper vor allem durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet führen würde. Zudem soll die Anlage so konzipiert sein, dass auch die Beladung von kleineren Tankschiffen für den Einsatz von LNG als Schiffskraftstoff möglich ist. Auch werde es möglich sein, das Flüssiggas für den Weitertransport auf LKW zu laden.

Wie laufen die Planungen an der Jade nun weiter?

Zwar ist mit Uniper ein Projektentwickler und mit MOL nun ein Investor gefunden, eine endgültige Investitionsentscheidung bedeutet das aber noch nicht. Nun braucht es vor allem noch LNG-Lieferanten sowie Kapazitätsbuchungen, also Kunden, die das Gas abkaufen werden. „Das Kundeninteresse ist da“, sagt Uniper-Sprecher Erichsen, ohne konkrete Namen nennen zu wollen. Und in Sachen Gaslieferung habe man schon „gute Gespräche“ geführt. Ein naheliegender Partner wäre hier Katar. Nicht nur dass der Botschafter des Emirats sich sehr positiv zu Wilhelmshaven geäußert hat. Der LNG-Weltmarktführer hat auch bereits angekündigt, seine Ausfuhren um weitere 30 Prozent steigern zu wollen. „Und natürlich sind wir deshalb auch auf der Suche nach neuen Kunden“, sagte Botschafter Al Thani bei seinem Besuch an der Jade. Offen ist auch, wie es mit möglichen weiteren LNG-Projekten in Wilhelmshaven weitergeht. Denn neben dem FSRU-Projekt gibt es an der Jade noch zwei weitere mögliche Standorte für Terminals – diese allerdings als „landgebundene“ Projekte“. Hier fehlt es bisher aber sowohl an einem Investor als auch an konkreten Planungen.

Was sagen Stadt und Land?

Aus Wilhelmshaven und Niedersachsen kommt Unterstützung für das Projekt. Landes-Umweltminister Olaf Lies (SPD), schon lange Befürworter eines Projekts an der Jade, bezeichnete Wilhelmshaven als „idealen Standort“ für ein LNG-Terminal. Wilhelmshaven Oberbürgermeister Andreas Wagner (CDU) meinte, dass man durch die Vereinbarung von Uniper und MOL dem Terminal „einen erheblichen Schritt näher gekommen“ sei. Und Frieslands Landrat Sven Ambrosy (SPD) sagte die Unterstützung des Landkreises beim Bau einer Pipeline von der Jade in Richtung Etzel zu.

Wie hoch werden die Investitionen sein?

Der Investitionsbedarf hängt von Anlagengröße und technischer Ausführung ab. Eine Anlage an Land kostet mehr Geld als ein FSRU. Bei den Betriebskosten ist es indes umgekehrt. Die Wilhelmshavener Hafenwirtschaftsvereinigung geht je nach Ausführung von Investitionen zwischen 250 Millionen und einer Milliarde Euro aus.

Welche Rolle spielt der Bund?

Eine nicht zu unterschätzende. Im November hatte Kanzlerin Angela Merkel erklärt, dass Deutschland seine Pläne beschleunigen werde, ein LNG-Terminal zu errichten. Zugleich betont das Bundeswirtschaftsministerium, dass es keine Präferenz für einen Standort gebe. Es handele sich um private Investoren, die über die Projekte entscheiden würden. Deshalb werde es in der Frage auch keinen aktiven Entscheidungsprozess der Regierung geben. Explizit wies das Ministerium aber auch darauf hin, dass zur Finanzierung verschiedene Unterstützungsangebote der öffentlichen Hand „grundsätzlich für alle Unternehmen offen“ seien. Sprich, wer Investoren findet und ein tragfähiges Konzept liefert, wird auf Unterstützung durch den Bund zählen können. Möglich ist auch, dass mehr als ein Terminal gebaut wird. Das Ministerium zeigte sich dafür grundsätzlich offen. Und auch in Wilhelmshaven heißt es, dass mehrere Terminals hierzulande durchaus Sinn machen könnten.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft
Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Die Mitglieder vom BSV Kickers Emden stimmen am Donnerstagabend für die Ausgliederung der ersten Herren in eine GmbH.

POSITIVES VOTUM Mitglieder geben Grünes Licht für die Kickers-Emden-GmbH – Rießelmann spricht von „Happy End“

Lars Möller
Emden
Stellten die Ausweitung des Konzeptes „Wilhelmshaven sicher“ auf den Busverkehr der Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft vor: (v.li.) Frank Rademacher (Geschäftsführer Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven), Polizeidirektor Heiko von Deetzen, Projektleiter und Polizeihauptkomissar Tim Bachem und Oberbürgermeister Carsten Feist.

POLIZEIPRÄSENZ IM BUSVERKEHR Hausrecht der Polizei stärkt ab sofort Sicherheit in Bussen

Lutz Rector
Wilhelmshaven
Kommentar
Klimaaktivisten der Gruppe „Fridays for Future“ in Saarbrücken werfen Bundeskanzler Scholz vor, bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Region und in seiner Ansprache „die Klimakrise fahrlässig ausgeblendet“ zu haben.

UMWELTPOLITIK Durch mehr Klimaschutz gibt’s nichts zu verlieren

Jana Wolf Büro Berlin
Eine junge Lehrerin schreibt Mathematikaufgaben an eine Schultafel. Niedersachsen will 390 Schulen im Land nach Sozialindex stärker fördern.

NEUES PROGRAMM FÜR 390 SCHULEN Wie Niedersachsen mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen will

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden