Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Antisemitismusbeauftragter «Katastrophale Zahlen» zu antisemitischen Vorfällen

Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus: Felix Klein.

Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus: Felix Klein.

Kay Nietfeld/dpa

Berlin (dpa) - Ein Mann mit Kippa, der in Göttingen mit den Worten angefeindet wird: «Ich reiße dir deine kleine Mütze vom Kopf.» Einer, der die Nachbarin bittet, ihr Auto umzuparken und darauf hört: «Verpiss dich, du dreckiger Jude.»

Eine Israelin, die das WG-Zimmer in Köln nicht bekommt, weil sie sich nicht von Israel distanzieren will. Das sind drei von 4782 antisemitischen Vorfällen, die der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Rias für 2023 dokumentiert.

Es sind so viele wie nie zuvor, rund 83 Prozent mehr als im Jahr davor. Vor allem seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober ist der Anstieg sprunghaft: Allein 2787 Vorfälle geschahen von da an bis zum Jahresende. Es seien «absolut katastrophale Zahlen», sagte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, bei der Vorstellung.

Bundesregierung will Lage nicht hinnehmen

«Jüdisches Leben ist hier in Deutschland so stark bedroht wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland», ist Kleins Einschätzung der Lage. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dies einzudämmen und die Sicherheit jüdischer Menschen robust zu gewährleisten. Dazu forderte er zusätzliche strafrechtliche Maßnahmen. Das Verbrennen von Flaggen anderer Staaten sei bereits strafbar, das müsse auch für den Aufruf zur Vernichtung anderer Staaten gelten.

Die Bundesregierung werde die Lage nicht hinnehmen, sagte Klein und äußerte zugleich eine Vision, die heute wie eine Utopie klingt: «Wir werden im Kampf gegen Judenhass auch weiterhin nicht ruhen, bis ein Rias-Jahresbericht erscheinen kann, in dem kaum oder gar keine antisemitischen Vorfälle mehr zu verzeichnen sind.»

Meldestellen in elf Bundesländern

Rias unterhält ein Netzwerk von Stellen in elf Bundesländern, bei denen Betroffene oder Zeugen Vorfälle melden können. Darunter sind Angriffe und Bedrohung, aber auch Anfeindungen, die nicht immer strafrechtlich verfolgt werden. Die Zahlen unterscheiden sich also von der offiziellen Kriminalitätsstatistik.

2023 waren es sieben Vorfälle extremer Gewalt, fünf davon nach dem 7. Oktober. Dazu zählen der versuchte Brandanschlag auf eine Synagoge in Berlin sowie Brandanschläge auf das Haus einer Familie im Ruhrgebiet. Hinzu kamen 121 Angriffe, 329 gezielte Sachbeschädigungen, 183 Bedrohungen.

Ein Gefühl der Beklemmung

Der allergrößte Teil der Vorfälle, insgesamt 4060, betraf indes «verletzendes Verhalten». Dazu zählt Rias auch 833 Versammlungen, bei denen antisemitische Parolen, Transparente oder Redebeiträge dokumentiert wurden. Insgesamt sei erstmals die Mehrzahl der dokumentierten Fälle antiisraelischer Antisemitismus, sagte Bianca Loy, Ko-Autorin des Berichts.

Die Folge ist für Jüdinnen und Juden Angst, Beklemmung, das Gefühl der Isolation. Nach einer Umfrage des Zentralrats der Juden nehmen viele weniger oft am Gemeindeleben teil, sie fühlen sich unsicher auf Straßen oder in der Bahn, sie lassen ihre Kinder aus Sicherheitsgründen nicht auf bestimmte Veranstaltungen. All diese Erfahrungen blieben, sagte Rias-Geschäftsführer Benjamin Steinitz. Sollte der Gazakrieg enden, falle vielleicht die «Gelegenheitsstruktur» weg, doch nicht diese Einstellungen. «Es ist wirklich an der Zeit, dass alle, wir alle, die gesamte Gesellschaft sozusagen, dieses Problem annehmen und uns dagegen stellen.» 

Und was ist mit der Muslimfeindlichkeit?

Aber die israelische Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, sei deren Politik nicht auch für den Anstieg der Vorfälle in Deutschland mitverantwortlich, wurde Klein in der Pressekonferenz zur Vorstellung der Rias-Zahlen gefragt. Und überhaupt, was sei denn mit den Anfeindungen gegen Muslime in Deutschland? Erst am Montag hatte die Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit von einer Zunahme antimuslimischer Vorfälle berichtet und 1926 solcher Vorfälle für 2023 dokumentiert.

Heute kam dann noch eine andere Statistik: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes meldet mit 10 772 Beratungsanfragen ebenfalls einen Höchststand. Darunter können auch Erfahrungen von Antisemitismus sein, aber auch von Rassismus oder anderen Fällen von Diskriminierung. Rassismus äußere sich offener, direkter und härter, sagte die Bundesbeauftragte Ferda Ataman. «Eine «Ausländer-Raus»-Stimmung und zunehmende Menschenverachtung beobachten wir nicht nur beim Feiern auf Sylt oder auf Volksfesten.» Migranten, Menschen mit Behinderung und queere Menschen erlebten sie ganz konkret in ihrem Alltag.

«Wir müssen Allianzen bilden»

Ausgrenzungen gegen Juden und gegen andere Minderheiten, gehört das alles zusammen in dieser aufgewühlten Gesellschaft? Oder wird hier etwas unzulässig vermengt oder gar relativiert in einem Land, das historisch vor allem den millionenfachen Mord an Juden zu verantworten hat?

Klein beantwortete die an ihn gerichtete Frage so: «Es ist natürlich auch nicht hinnehmbar, wenn antimuslimischer Rassismus auftritt, die Zahlen sind auch nach oben gegangen. Das Schlechteste, was passieren könnte, ist, dass der Kampf gegen die eine Diskriminierungsform nun ausgespielt würde gegen die anderen. Wir müssen Allianzen bilden, und ich bin sehr froh, dass das innerhalb der Bundesregierung gut gelingt.»

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Mitarbeiter der Meyer Werft protestieren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze (Bild von Anfang Juni).

KRISE BEIM SCHIFFBAUER Meyer Werft baut Stellen ab und will Sitz nach Deutschland verlegen

Jens Tammen Redaktion Emden
Papenburg
Machten ihrem Unmut über die Anlagen am Badesee Luft: Die Frühschwimmer Gert, Kerstin und Karin.

VIEL KRITIK UND UNKLARE ZUSTÄNDIGKEITEN Besucher verärgert über „ungepflegten Zustand“ am Badesee Schortens

Oliver Braun
Schortens
So soll das neue Boarding-Hotel aussehen, das vor dem Bürgerhaus in Schortens gebaut wird. Die Grafik ist von März 2022.

NEUES HOTELPROJEKT IN FRIESLAND Erster Spatenstich für Boarding-Hotel in Schortens noch diesen Monat

Jörg Grabhorn
Schortens
Vor dem Bürgerhaus soll ein Boarding-Hotel entstehen. Das Projekt wurde erstmals vor vier Jahren angekündigt, der Baubeginn seither mehrfach verschoben.

SPATENSTICH NOCH IM JULI Nun soll der Hotel-Neubau in Schortens endlich starten

Oliver Braun
Schortens
Kommentar
Die Geschäftsführung der Meyer Werft hat sich mit Betriebsrat und IG Metall auf Eckpunkte für die Sanierung geeinigt.

ZUKUNFT DER MEYER WERFT Schmerzlich, aber alternativlos

Jörg Schürmeyer
Der Oldenburger Standort des „Ahoi Steffen Henssler“ hat die Erwartungen der Franchise-Nehmer am Ende nicht erfüllt – wie auch Bremen und Osnabrück. Vor knapp zweieinhalb Jahren war im ehemaligen „Florian“ eröffnet worden (Bild).

RESTAURANT IN OLDENBURG SCHLIESST Darum gehen im „Ahoi Steffen Henssler“ bald die Lichter aus

Karsten Röhr
Oldenburg
Mit Bildstrecke
Begegnung bei den Hamburger Harley Days (von links): Anneliese Janßen, Marco Apfler, Manuel Kienbaum und Keno Veith. Keno Veith ist seit Jahren ein guter Bekannter von Marco Apfler und seiner Lebensgefährtin Anneliese Janßen.

NEUES LEBEN AUF ST. PAULI Vom Tätowierer aus Jever zum Liebling der Kiez-Gemeinde

Christoph Hinz
Jever
Überraschend gestorben: Reality-Darsteller Falko Ochsenknecht wurde als „Ole ohne Kohle“ bei „Berlin – Tag & Nacht“ bekannt.

„OLE OHNE KOHLE“ Star aus „Berlin – Tag & Nacht“ mit 39 Jahren gestorben

Christof Bock Dpa
Berlin
Ein Bild in die Vergangenheit: Freuen kann man sich jetzt aber schon auf den 417. Kramermarkt, der am  27. September beginnt.

OLDENBURGER KRAMERMARKT 2024 Neue Attraktionen und Highlights – Höher, schneller, aufregender

Oldenburg
Meyer Werft in der Krise: Konzernchef Bernd Eikens (rechts) informiert bei der Pressekonferenz am Mittwoch die Öffentlichkeit.

SCHIFFBAUER IN PAPENBURG Meyer Werft will 340 Stellen abbauen und Sitz des Unternehmens verlegen

Elmar Stephan Lennart Stock Dpa
Papenburg
Symbolbild.

RETTUNGSEINSATZ IN BAD ZWISCHENAHN Todesfall an der Woldlinie

Patrick Buck
Bad Zwischenahn