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NWZonline.de Region

Zwei Wochen, die Deutschland dauerhaft veränderten

06.11.2018

Kiel /Wilhelmshaven Sie haben die Schnauze voll, es geht nicht mehr. „Für die verdammten Preußen und Großkapitalisten halte ich meinen Schädel nicht länger hin“, schreibt im August 1917 ein deutscher Soldat. Der Erste Weltkrieg geht ins vierte Jahr, das Gemetzel will kein Ende nehmen.

Auch Anton Holzmann aus Däching im Schwäbischen hält es an der Somme in Nordfrankreich nicht mehr aus. „Hier gibt es nämlich keine Schützengräben mehr, sondern nur Granatloch an Granatloch“, berichtet er seinen Liebsten. Wie diese Männer wollen sich viele Deutsche nicht mehr für Gott und Kaiser abschlachten lassen.

Mehr als zwölf Monate wird sich das Blutvergießen da noch hinziehen, erneut werden Hunderttausende zwischen August 1917 und dem Waffenstillstand am 11. November 1918 sterben. Erst als der Kaiser abdankt, schweigen die Waffen. Mit der deutschen Niederlage und der Novemberrevolution wird die Landkarte Europas neu geordnet. Mit seinem doppelten Gesicht legt der Umbruch vor einem Jahrhundert aber auch die Saat für die unheilvolle Geschichte der nächsten Jahrzehnte.

Letzte Kräfte

Nur langsam dämmert es 1918 den Deutschen, dass dieser Konflikt nicht zu gewinnen ist. Noch beurteilen viele die Lage optimistisch, manchen erschien der Krieg lange Zeit fern. Mit der Sowjetunion bahnt sich der Diktatfrieden von Brest-Litowsk an, bei der dritten Flandern-Schlacht 1917 hatte die Heeresleitung die Stellung in Frankreich gehalten. Zu einem hohen Preis: 217 000 deutsche Soldaten starben dort, bei Briten und Franzosen sind es sogar mehr als 320 000.

Im Frühjahr 1918 mobilisiert das Heer dann noch einmal alle Kräfte. Mit der „letzten Großoffensive“ erreichen die Deutschen Ende Mai die Marne, bleiben aber vor Paris stecken.

Spätestens Ende September 1918 wird deutlich: Das „Unternehmen Michael“, mit dem das Reich im Westen den Sieg noch vor Ankunft der US-Truppen erzwingen wollte, ist gescheitert.

Dolchstoß-Legende

Erich Ludendorff, faktisch der bestimmende deutsche Kriegsherr, greift ein. Ludendorff drängt am 29. September die Regierung, schnell einen Waffenstillstand mit den Alliierten zu suchen. Er will die Niederlage den Zivilisten in die Schuhe schieben. Mit ihrem „Defätismus“ hätten Sozialdemokraten und Spartakisten die Kriegsanstrengungen hintertrieben. Die Zivilisten sollen „die Suppe essen“, die sie dem Militär eingebrockt haben.

Ohne es zu wollen, läutet Ludendorff damit die Revolution ein. An diesem Tag fallen die Würfel für Kapitulation und Staatsumbau. Mit seinem Vorwurf, die Zivilisten hätten den Sieg vereitelt, legt Ludendorff die Grundlage für die sogenannte Dolchstoß-Legende und die Mär der jüdischen und kommunistischen „Novemberverbrecher“.

Er wird damit das politische Leben der Weimarer Republik nachhaltig vergiften. Auf diese Legende stützt Adolf Hitler seine Agitation gegen die erste deutsche Demokratie.

Funke der Revolution

Zwar stimmt der Kaiser zunächst einigen Reformen zu, aber es hilft nichts: Seine Herrschaft fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Im Land gärt es. Immer mehr Menschen spüren Hungersnot und Entbehrung.

Der revolutionäre Funke zündet zuerst an der Küste. Ab Ende Oktober meutert die Hochseeflotte in Wilhelmshaven und Kiel. Auf den Kampfschiffen der Kaiserlichen Kriegsmarine erleben die Matrosen soziale Ungleichheit und Willkür besonders deutlich. Nun weigern sie sich, eine letzte Schlacht gegen die Briten zu starten.

Wie die Matrosen schließen sich in anderen Städten Arbeiter und Soldaten zu Räten nach sowjetischem Vorbild zusammen. Auch etwa in Bremen, Hamburg und Köln wehen rote Fahnen, Barrikaden und Bewaffnete beherrschen die Straßen. Die Welle erreicht Berlin.

Die Regierung unter Max von Baden, dem letzten Kanzler von Kaisers Gnaden, kann die Lage nicht kontrollieren. Auch die Alliierten reagieren anders als erhofft. US-Präsident Woodrow Wilson will dem Waffenstillstand nur zustimmen, wenn der Kaiser geht und Deutschland demokratisiert wird.

Sozialistische Republik

Die Ereignisse überstürzen sich. Noch am Morgen überträgt von Baden sein Amt dem Vorsitzenden des Mehrheitsflügels der SPD, Friedrich Ebert. Um 14 Uhr ruft Philipp Scheidemann die Republik aus. „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt“, soll der Sozialdemokrat von einem Balkon im Reichstag gerufen haben. „Das Alte, Morsche ist zusammengebrochen, der Militarismus ist erledigt, die Hohenzollern haben abgedankt.“

Kaum zwei Kilometer entfernt verkündet fast zur gleichen Stunde im Hof des Hohenzollern-Schlosses der Spartakist Karl Liebknecht die „freie sozialistische Republik Deutschland“. Liebknecht, der als Kriegsgegner gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, fordert eine Regierung der Arbeiter und Soldaten, eine „Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit“.

Schicksalstag

Der 9. November: Seit 100 Jahren ist der Tag deutsches Schicksalsdatum. 20 Jahre nach der Novemberrevolution, am 9. November 1938, brennen in Deutschland Synagogen und Geschäfte, Tausende Juden werden deportiert – zum Auftakt des Holocaust. Als am 9. November 1989 die Mauer fällt, herrscht in Berlin ähnliche Begeisterung wie damals, als die deutsche Republik ausgerufen wurde.

Räterepublik

Schon am 7. November versammeln sich 60 000 Menschen auf der Theresienwiese in München zu einer Demonstration gegen den Krieg. Der Berliner Kurt Eisner ruft in derselben Nacht den Freistaat Bayern aus und setzt die Wittelsbacher ab – ohne Blut zu vergießen. Aus der Demonstration entsteht die kurzlebige Münchner Räterepublik, an deren Ende Eisner von einem Adligen ermordet wird.

Eberts Mehrheits-SPD, kurz MSPD, ist derweil nicht nach Revolution zumute. Sich abseits zu halten, wenn Arbeiter und Soldaten auf die Barrikaden gehen, scheint aber keine Alternative. Ebert schlägt den Radikalen von der Unabhängigen-SPD vor, eine Regierung zu bilden.

Am 10. November konstituiert sich der Rat der Volksbeauftragten, dem jeweils drei Vertreter beider Parteien angehören. Noch am selben Tag reist der Kaiser aus dem belgischen Spa ins benachbarte Holland und bittet um Asyl. Wilhelm wird Deutschland nie wieder betreten und 1941 im Exil sterben. Am 11. November unterschreibt Deutschland im französischen Compiègne die Kapitulation.

Wie es weitergehen soll – darüber hat die MSPD eine ungefähre Vorstellung: Die Kriegs- soll auf die Friedenswirtschaft umgestellt und Millionen Soldaten unter Waffen sollen demobilisiert werden. Die Heimkehrer müssen auf ihre alten Arbeitsplätze zurück. Die Räte werden durch eine frei gewählte Nationalversammlung ersetzt. Sorgen bereiten der SPD vor allem die Spartakisten.

KPD entsteht

Deren Einfluss ist relativ gering. Von einer Rätediktatur nach sowjetischem Muster ist Deutschland weit entfernt. Aber im Bürgertum wirkt die angeblich rote Gefahr „wie eine Vogelscheuche“, schreibt Haffner. Liebknecht und seine Mitstreiterin Rosa Luxemburg werden zu Hassfiguren. Sie schließen eine Zusammenarbeit mit den „Regierungssozialisten“ aus. Als am 21. Dezember der Räte-Kongress das Rätesystem als Grundlage der Verfassung ablehnt, kommt es zur Spaltung. Die Spartakisten gründen die Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Ebert sucht von Beginn an die Zusammenarbeit mit der Heeresleitung. Mitte Dezember 1918 werden die Gardetruppen in Berlin festlich empfangen. „Auffallend, dass keine rote Fahne mehr zu sehen ist, alles nur Schwarz-Rot-Gold“, merkt Kessler an. Das Militär wird zur wichtigsten Ordnungsmacht. Doch so schnell erlischt der revolutionäre Elan nicht. Am 23. Dezember besetzen Matrosen in Berlin Reichskanzlei und Stadtkommandantur. Sie nehmen den Sozialdemokraten Otto Wels fest. Ebert fordert militärische Hilfe an. Bei den Kämpfen kommen Matrosen und Gardesoldaten ums Leben. Nach den „Berliner Weihnachtskämpfen“ bricht die Regierungskoalition. Damit wird der SPD-Militärexperte Gustav Noske für Heer und Marine verantwortlich. Er führt die blutige Niederschlagung der Januar-Unruhen 1919 an, als Demonstranten das Redaktionsgebäude des sozialdemokratischen „Vorwärts“ und andere Verlagshäuser im Berliner Zeitungsviertel besetzen. Die SPD wird das lange belasten.

Politische Morde

Noch am selben Tag lässt Noske die neu formierten Freikorps in Berlin einmarschieren. Die Freiweilligen-Verbände drängen darauf, mit den Spartakisten abzurechnen. Ihnen fallen am 15. Januar die kommunistischen Parteiführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Opfer. Die Morde verschärfen die Spaltung unter den Linken und liefern den bitteren Vorgeschmack auf die Kämpfe der kommenden Jahre. In den Folgemonaten konstituiert sich die Nationalversammlung in Weimar, um eine Verfassung zu entwerfen. Sie wählt Ebert zum Reichspräsidenten. Zwar schafft es die junge Republik, den Umriss einer liberalen Ordnung zu schaffen. Aber die alten Strukturen bleiben unangetastet. „Da regiert der Bürger in seiner übelsten Gestalt. Da regiert der Offizier alten Stils. Da regiert der Beamte des alten Regimes“, schreibt Autor Kurt Tucholsky 1920 in einer Betrachtung über die deutsche Provinz.

Weimarer Republik

Die Fundamentalopposition gegen das „System von Weimar“ wird allmählich die erste deutsche Demokratie aushöhlen. Dabei erlebt Deutschland in der Weimarer Zeit die kulturelle Blüte einer sich öffnenden Gesellschaft.


Mehr Infos unter   www.nwzonline.de/matrosenaufstand 

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