Oldenburg - Die Geschichte eines Bauwerkes so darzustellen, dass 200 Menschen auch nach gut zwei Stunden aufmerksam und mit Interesse zuhören, gelingt nur, wenn Profis am Werk sind – wie bei einer Feier der Oldenburgischen Landschaft am Donnerstag zum 100-jährigen Bestehen des Landtagsgebäudes: Anhand einer szenischen Lesung ausgewählter Reden von namhaften Politikern stellte Schauspieler Ulf Goerges die wechselvolle Geschichte dessen dar, was in der Politik so ablief.

Friedrich Mölling war am 1. September 1849 demokratischer Abgeordneter und Landvogt in Jever. Er lehnte den Regierungsantrag ab, dem Berliner Bündnis zwischen Preußen, Sachsen und Hannover beizutreten, weil „zuerst Preußen deutsch sein soll“. Es folgt szenischer Applaus. „Lehnen Sie ab, meine Herren, vielleicht retten Sie dadurch unser Vaterland, aber gewiss wahren Sie unsere Ehre“, so Mölling. Während der ehemalige Leitende Archivdirektor Prof. Dr. Albrecht Eckhardt eine erklärende Nachbetrachtung gibt, schlüpft Goerges nicht nur in die Rolle des Abgeordneten Adolf Schulz von der SPD, sondern auch sein „Anzug“ entspricht der Mode von 1908. (Rede vom 21. Februar 1908). Der SPD-Mann setzte sich für das Wahlrecht der Frauen im Landtag ein, was damals besonders von den Nationalliberalen mit dem Bund der Landwirte und dem katholischen Zentrum strikt abgelehnt wurde. Seine Rede wird durch „szenische Heiterkeit“ wiederholt unterbrochen.

Abgeordneter und späterer Reichsminister Erich Koch-Weser von der Freisinnigen-Volkspartei gab zu bedenken, dass „die Idee des Frauenstimmrechts noch ein Fremdling im Oldenburger Land sei“, so Koch-Weser. Beziehungsreich singt Susanne Werner vom Salonorchester Ungestüm das Lied „Wegen Emil seine unanständ’ge Lust“ von Claire Waldoff, in dem es um die Schönheitschirurgie geht, die sie natürlich ablehnt.

Georges und Eckhardt verstehen es, das Publikum zu begeistern. Der eine gestenreich und mit Pathos, dort wo es angebracht ist, der andere informativ und mit Humor. Sehr getragen spricht der Landtagspräsident Wilhelm Schröder anlässlich der Eröffnung des neuen Landtagsgebäudes am 9. November 1916. Er begrüßte „in unserem neuen Heim“ besonders „die Herren von der Front“ und ein herzlicher Dank ging an den Baumeister Professor Bonatz und den Geheimen Oberbaurat Freese. Und während er „Heil Dir o Oldenburg…“ anstimmt, erklingt aus dem Hintergrund die Tuba von Hubert Betzl vom Salonorchester Ungestüm. In einer typischen „braunen Verkleidung mit exaktem Rechtsscheitel“ spricht am 21. Dezember 1932 der Fraktionsvorsitzende der NSDAP Otto Herzog vor dem Landtag.

Und natürlich darf die Rede des von der britischen Besatzungsmacht eingesetzten Ministerpräsidenten Theodor Tantzen vom 6. November 1946 nicht fehlen. Er bedauerte, dass Oldenburg kein selbstständiger Staat mehr sei. Gut zwei Stunden geschichtsträchtige Unterhaltung.