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NWZonline.de Nachrichten Politik

„Wehrlos ist aber nicht ehrlos“

24.06.2019

Der große Krieg endete für Deutschland mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918. Da hatte Kaiser Wilhelm II. seit zwei Tagen abgedankt, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die erste deutsche Republik ausgerufen und der revolutionäre Rat der Volksbeauftragten die Regierungsgeschäfte übernommen.

Doch Frieden zwischen Deutschland und den westlichen Alliierten herrschte damit noch nicht. Erst am 28. Juni 1919 unterzeichneten die ehemaligen Kriegsgegner im Schloss von Versailles einen Friedensvertrag: den Vertrag von Versailles.

Über kaum einen anderen Friedensschluss wurde so viel gestritten. Heute sind sich die Historiker weitgehend einig, dass der Versailler Vertrag eine erhebliche Belastung für das Gelingen der ersten deutschen Demokratie darstellte. Im Rückblick erscheinen indes weniger die konkreten territorialen, militärischen und wirtschaftlichen Forderungen als nicht zu bewältigende Herausforderungen.

Fatal erwiesen sich vielmehr die mentalen Folgen, die mit dem symbolischen Gehalt des Vertrages einhergingen: „Die Stunde der Abrechnung ist gekommen“, ließ Georges Clemenceau, der französische Ministerpräsident, die Deutschen wissen. Diese kollektive Demütigung ließ sich von den Gegnern der demokratischen Republik immer wieder reaktivieren, auch und gerade in Momenten, in denen der Weimarer Republik außenpolitische Erfolge gelangen.

Autorin dieses Beitrages ist Sabine Mangold-Will. Sie ist APL-Professorin an der Universität Wuppertal und lehrt Neuere und Neueste Geschichte in Köln. Sie lebt in Metjendorf.

Als beispielsweise das Rheinland zum 30. Juni 1930 vier Jahre vor der im Versailler Vertrag genannten Frist von den alliierten Truppen geräumt wurde, half das den demokratischen Kräften wenig. Vielmehr wurde der Tag der elften Wiederkehr der Unterzeichnung zum erneuten Anlass, gegen die „Erfüllungspolitiker“ zu agitieren.

Doch warum entschieden sich die Vertreter der jungen Weimarer Republik, die Mehrheit der Abgeordneten der am 19. Januar 1919 gewählten verfassungsgebenden Nationalversammlung und die Mitglieder der demokratischen Reichsregierung dafür, den Versailler Vertrag zu unterzeichnen?

Als die Bedingungen des alliierten Friedensvertrages im Mai 1919 in Deutschland bekannt wurden, schlugen sie ein wie eine Bombe. Schon seit dem Frühjahr war klar, dass die Deutschen einen „Diktatfrieden“ zu erwarten hatten: Eine Mitsprache bei der Formulierung der Friedensregelungen war der deutschen Delegation in Versailles von Anfang an verwehrt; lediglich eine schriftliche Stellungnahme zum fertigen Vertragstext sollte gewährt werden.

Doch nun lag ein Entwurf vor, den selbst die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung in einer ersten Reaktion am 8. Mai 1919 als „die völlige wirtschaftliche Vernichtung Deutschlands“ bezeichnete. Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann sprach wenig später, in der Debatte der Nationalversammlung vom 12. Mai 1919, seine berühmten Worte: „Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns diese Fesseln legt.“ Die „Vossische Zeitung“, ein Presseerzeugnis des liberalen Bürgertums, titulierte einen Monat später, am 23. Juni 1919: „Annahme des Gewaltfriedens“. Angesichts dieser einhelligen Ablehnung des Versailler Vertrages sogar in den Kreisen der Weimarer Demokraten stellt sich die Frage umso mehr, welche Gründe für die Unterzeichnung des Vertrages sprachen.

Reichsregierung und deutsche Delegation in Versailles hatten seit dem Mai 1919 Eingabe über Eingabe gemacht, um den Vertragstext zu revidieren. Doch die Alliierten setzten einer weiteren Verhandlungspolitik ein Ende, indem sie am 16. Juni ultimativ auf die Annahme des Vertrages drängten. Als Drohung standen der Einmarsch britischer und französischer Truppen und eine intensivierte Handelsblockade im Raum. Es drohten also gewaltsame Okkupation und Hunger.

Angesichts dieser antizipierten Katastrophe verstärkte sich in Politik und Öffentlichkeit der Eindruck der Alternativlosigkeit – zumal das Militär einen aktiven Widerstand ausgeschlossen hatte. Für ein Neuaufflammen des Krieges, nun auf deutschem Boden, wollte niemand verantwortlich sein.

Immer mehr Mitgliedern der Nationalversammlung, vor allem unter den Abgeordneten der SPD und des Zentrums, erschien die Annahme daher als einziger Weg. Zwei Männern kam dabei eine Schlüsselrolle zu: dem seit dem 11. Februar amtierenden sozialdemokratischen Reichskanzler Friedrich Ebert und dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger.

Erzberger, den heute außer einigen Weimar-Spezialisten kaum jemand mehr kennt, war der Chef der Waffenstillstandskommission. Keiner wusste also genauer als er, welche Herkulesaufgabe vor Deutschland lag, seine aus dem Krieg zurückkehrenden Soldaten ins Zivilleben zu integrieren und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Hinzu kam, dass Erzberger durch seine Verantwortung für die Waffenstillstandsbedingungen bereits in engem Kontakt zu den Alliierten stand, die die Besetzung des Rheinlandes und die Eintreibung der Reparationen vorbereiteten.

Allerdings spaltete die Frage um die Annahme des Friedenswerkes auch das demokratische Lager. Die Mehrheit der Abgeordneten der linksliberalen DDP blieben bei ihrem „Nein“. Am 19. Juni 1919 trat deswegen die Regierung Scheidemann zurück. In der neuen Reichsregierung waren die bürgerlichen Liberalen zwar noch vertreten, doch die Mehrheit der DDP-Fraktion einschließlich der beiden Minister stimmte in der entscheidenden Sitzung am 22. Juni 1919 namentlich gegen die Annahme des Versailler Vertrages und verweigerte der parlamentarischen Regierung damit die Gefolgschaft.

In der erneuten Debatte der Nationalversammlung einen Tag später fasste Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) noch einmal das Argument für die Erfüllung der alliierten Forderungen zusammen. In einem Ton resignativer Provokation unterstrich er den Opfer-Charakter Deutschlands. Ausdrücklich plädierte er nur für Annahme des Vertrages, um der Welt zu zeigen: „Hier wird ein besiegtes Volk an Leib und Seele vergewaltigt, wie kein Volk je zuvor.“

Auch Bauer erinnerte die Deutschen also daran, dass es neben den konkreten Forderungen um die symbolische Demütigung des Verlierers ging: „Zur Verknechtung wollen uns die Feinde auch noch die Verachtung aufbürden!“. Die Politik der Erfüllung hielt indes ein neues Instrument bereit, das sich nach 1945 reaktivieren ließ. Unter Bravo-Rufen verkündete Bauer: „Wir sind wehrlos. Wehrlos ist aber nicht ehrlos.“ Moralische Macht war mithin alles, was Deutschland geblieben war, und damit ließ sich durchaus Politik machen.

Die Frage, ob die Weimarer Republik das Wunder hätte vollbringen können, den Vertrag zu erfüllen und danach als gleichberechtigter Spieler ins Konzert der Mächte zurückzukehren, bleibt spekulativ.

Fest steht allerdings, dass der Versailler Vertrag – wie die vier weiteren Friedensverträge von Paris mit Österreich, Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich – nicht nur innenpolitisch nachhaltige Veränderungen in den betroffenen Staaten verursachte, sondern auch international die Struktur der Welt veränderte.

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