Bonn - Da ist sie wieder, die Erinnerung an „seine glücklichste Stunde als Politiker“, an das Gänsehautgefühl von Prag und seinen berühmten Halbsatz, mit dem er den wartenden DDR-Bürgern die Ausreise in den Westen angekündigt hatte. Der Moment, mit dem Hans-Dietrich Genscher im Herbst 1989 Geschichte schrieb. „Mit der Autorität des absolut vertrauenswürdigen, ehrlichen Vermittlers“ habe er die Wartenden im Garten der bundesdeutschen Botschaft überhaupt erst bewegen können, in die Züge zu steigen, die ja noch durch die DDR fahren mussten, erinnert Bundespräsident Joachim Gauck am Sonntag an „die Glaubwürdigkeit des gebürtigen Hallensers, der selber einst in die Freiheit geflohen war“.
Andächtige Stille im früheren Plenarsaal des Deutschen Bundestages am Bonner Rheinufer, wo einst das politische Herz der alten Bundesrepublik schlug. Letzte Ehre für Genscher, der am 31. März im Alter von 89 Jahren gestorben war. Mit einem Staatsakt nimmt das Land Abschied von dem Mann, der die deutsche Politik über Jahrzehnte entscheidend geprägt hat: erst als Innenminister, dann 18 Jahre lang als Außenminister. Sein Schreibtisch stand nur ein paar Straßen weiter im Auswärtigen Amt an der Adenauerallee.
Bei der Feier wird Musik von Mozart, Gluck und Händel gespielt. Am Ende ertönt Beethovens „Ode an die Freude“, in Erinnerung an den „ewigen Außenminister“, der in seiner Amtszeit mehrfach den Globus umrundete, mit Helmut Kohl zum „Architekten der Einheit“ wurde und bei den Deutschen als „Mann mit dem gelben Pullunder“ so beliebt war. In der Mitte steht der Sarg, bedeckt mit der Bundesflagge. Daneben ein Kranz mit Anemonen in lila, blau und weiß von Genschers Frau. „Deine Barbara“, steht auf der Schleife.
Ein Hauch von „Bonner Republik“ prägt diesen Tag. Die Spitzen von Staat, Politik und Gesellschaft erweisen Genscher die Ehre, Kanzlerin Angela Merkel, die Alt-Bundespräsidenten Roman Herzog, Horst Köhler und Christian Wulff sowie der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder. Vor allem aber sind Freunde und Weggefährten gekommen. Norbert Blüm plauscht am Rande mit Friedrich Bohl und Rudolf Seiters, Genschers frühere Ministerkollegen aus dem Kabinett von Altkanzler Helmut Kohl. Ganz vorn sitzt James Baker, der frühere US-Chefdiplomat, mit dem Genscher einst in den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen die Weichen für die Wiedervereinigung gestellt hatte. „Er konnte so zäh sein wie das Leder eines Cowboystiefels“, erinnert Baker mit breitem texanischen Akzent an seinen Kollegen, den „Titan unter den Diplomaten Europas“.
Vom früheren Flakhelfer und Soldaten „im letzten Aufgebot der Wehrmacht“ zum weltweit geachteten Diplomaten – noch einmal zeichnet Bundespräsident Gauck Genschers Weg nach. Er habe sich um das Land „in herausragender Weise“ verdient gemacht. „Wir alle können uns ein Deutschland ohne Hans-Dietrich Genscher eigentlich kaum vorstellen“, würdigt das Staatsoberhaupt diesen „deutschen Patrioten und überzeugten Europäer“, dem die Geschichte Recht gegeben habe. Genschers gefühlter Vorname sei „Außenminister“ gewesen.
„Ein Menschenfreund“ sei der Verstorbene gewesen, blickt Klaus Kinkel, sein früherer Büroleiter und späterer Nachfolger im Außenamt, zurück. Bis zuletzt habe Genscher „flammende Vorträge“ über Europa gehalten – immer verbunden mit dem Wunsch nach einem Neuanfang in den Beziehungen zu Russland. „Der Ratgeber, der Erfahrene im Hintergrund wird der FDP sehr fehlen. Es ist eben nicht jeder ersetzbar“, sagt Kinkel.
Am Nachmittag wird Hans-Dietrich Genscher schließlich auf dem Rheinhöhenfriedhof von Wachtberg vor den Toren Bonns beigesetzt – neben seiner Mutter. Den Frieden, die Freiheit und Einheit Deutschlands und Europas „leidenschaftlich und geduldig, mit klarem Kompass und rücksichtsvoll zu sichern“ – das sei in Genschers Sinne, sagt Bundespräsident Gauck.
