Paris - Es war der Mut der Verzweiflung. „Ich werde sowieso sterben“, habe er gedacht, erzählt der Brite Chris Norman. Also sprang er auf und stürzte sich auf den Mann mit dem Sturmgewehr – wie auch andere Fahrgäste, die dabei sind, als die roten Sitze des Thalys Amsterdam-Paris zur Kulisse eines Albtraums werden.

„Wir waren in einer Mausefalle gefangen“, beschreibt der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade den Moment, als er die Bedrohung bemerkte. Der Hochgeschwindigkeitszug rollte gerade durch das belgisch-französische Grenzgebiet, da ertönten Schreie auf Englisch: „Er schießt! Er hat eine Kalaschnikow.“ Der Schütze habe sich in seine Richtung bewegt, erzählt Anglade dem Magazin „Paris Match“. „Ich dachte, das ist das Ende.“

Doch dann war der Spuk ganz schnell vorbei – und Frankreich feiert eine Heldengeschichte. Die beherzten Passagiere, darunter zwei US-Soldaten, können den schwer bewaffneten Mann überwältigen, der verdächtigt wird, ein radikaler Islamist zu sein.

Der muskulöse junge Mann im FC-Bayern-Trikot reagiert mit einem leicht amüsierten Grinsen auf die Fragen der Journalisten. Lange überlegt hat der US-Soldat Alek Skarlatos nicht, als er einen Schuss hörte. Er habe sich kurz geduckt, erzählt er. Dann schaute er seinen Freund Spencer Stone an und sagte: „Let’s go.“ Die beiden Militärs in Zivil sprangen auf und stürzten sich auf den Schwerbewaffneten. Zuvor hatte schon ein Franzose sich dem Mann in den Weg gestellt, wobei nach Angaben des französischen Innenministeriums Schüsse fielen.

Gemeinsam zwangen die Soldaten den sich heftig wehrenden Täter zu Boden. Der amerikanische Student Anthony Sadler und der 62-jährige Chris Norman schlossen sich ihnen nach eigenen Angaben an. „Wir haben ihn letztlich gefesselt, aber dann hat er währenddessen tatsächlich ein Messer gezogen und Spencer geschnitten“, sagt Norman dem Sender ITV. Schließlich hätten sie den Mann bewusstlos geschlagen, erzählt Skarlatos.

Ein Mann wurde von einer Kugel getroffen, für die übrigen Passagiere ging die Attacke glimpflich aus. Skarlatos erzählt später dem Sender Sky News, er habe eine Fehlfunktion an der Kalaschnikow bemerkt. „Wir haben alle extrem Glück gehabt“, betont Norman.

Am nächsten Morgen sind die mutigen Passagiere die Stars des Tages. US-Präsident Barack Obama und Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove loben sie, am Montagmorgen sind sie Ehrengäste bei Frankreichs Staatschef François Hollande im Élysée-Palast. Innenminister Bernard Cazeneuve meint, die Männer hätten möglicherweise ein „furchtbares Drama“ verhindert.

Doch über das, was sie verhindert haben, gibt es noch viele Fragen. Handelt es sich um einen Terrorangriff? Der Angreifer weist das zurück und betont, er habe die Fahrgäste ausrauben, anschließend ein Fenster einschießen und dadurch flüchten wollen. Das Waffenarsenal? In einem Park in Brüssel gefunden, behauptet er nach Angaben der Anwältin, die beim Verhör nach der Festnahme dabei war. Nicht einmal einen Schuss will der Mann abgegeben oder gehört haben.

Bei den Behörden aber war er aktenkundig und galt als „potenziell gefährlich“. Sollte sich diese Spur bestätigen, wäre Frankreich schon wieder Ziel des islamistischen Terrorismus geworden. Dabei ist das Land seit dem blutigen Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar ohnehin im höchsten Alarmzustand, das Thema ist ständig präsent, die Warnungen der Behörden sind Routine: „Jeder weiß, dass das Bedrohungsniveau, dem wir gegenüberstehen, sehr hoch ist“, sagt Cazeneuve am Sonnabend.

Schauspieler Jean-Hugues Anglade geht es am Morgen nach dem Schreck gut, sagt er selbst. Der 60-Jährige verletzte sich leicht an der Hand, als er eine Scheibe einschlug, um einen Alarm auszulösen. „Ich bin mit fünf Stichen genäht worden, aber die Sehne ist nicht betroffen“, sagt er. „Wir waren am falschen Ort, aber mit den richtigen Leuten“, resümiert Anglade. „Das ist ein Wunder.“