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NWZonline.de Nachrichten Politik

Alltag eines Massenmörders

04.08.2016

Moskau /Berlin Im akkuraten Dienstkalender von Heinrich Himmler mischen sich Politik und Banales, Privatleben und der Tod von Millionen Menschen. „Essen im Kasino der Sicherheitspolizei, Besprechung mit Oberst, Fahrt durch das Ghetto“, heißt es über einen Besuch des mächtigen SS-Führers am 9. Januar 1943 im Warschauer Ghetto. Dort hatten die Nationalsozialisten Hunderttausende polnische Juden eingepfercht.

Der Reichsführer SS, so Himmlers offizieller Titel, gilt Historikern im Machtgefüge der Nationalsozialisten als zweiter Mann hinter Adolf Hitler. Himmler (1900-1945) war Organisator der Konzentrationslager, ein Architekt des deutschen Vernichtungsfeldzuges in Osteuropa, des Massenmordes an den europäischen Juden.

Seine Dienstkalender für die Jahre 1943/44 galten über Jahrzehnte als verschollen. Doch die historisch wichtigen Dokumente haben als sowjetisches Beutegut im Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums (Camo) in Podolsk bei Moskau überlebt. Das Deutsche Historische Institut (DHI) Moskau entdeckte sie dort.

Es sind etwa 1000 Seiten, mit der Schreibmaschine geschrieben, die gut 1600 Namen enthalten. „Wir können jetzt genau sagen, an welchem Tag sich Himmler zwischen 1943 und 1944 mit wem getroffen hat, an welchen Orten er weilte, und wer zu seinem engsten Machtzirkel gehörte“, erklärt DHI-Historiker Matthias Uhl.

Für den Leiter des Moskauer Instituts, Prof. Nikolaus Katzer, hilft der Kalender, „bestimmte Entscheidungsvorgänge, bestimmte Personenkonstellationen im NS-Regime genau zu rekonstruieren“. Das sei ein großer Zugewinn für die Forschung. Gerade aus der zweiten Kriegshälfte, als Hitler-Deutschland in die Niederlage steuerte, sind nur wenige Akten erhalten.

Die deutschen Historiker in Moskau arbeiten mit dem Militärarchiv Camo zusammen, weil dort etwa 2,5 Millionen Blatt Akten der deutschen Wehrmacht liegen. Sie werden digitalisiert. Die ersten Hinweise auf die Himmler-Kalender 1943/44 hat es 2010 gegeben. Seit 2013 sind sich die Forscher sicher, dass die Kalender echt sind. Uhl und Professor Dieter Pohl aus Klagenfurt (Österreich) wollen den Fund bis Ende 2017 in zwei Bänden mit Kommentaren veröffentlichen.

Denn die dürren täglichen Einträge müssen erst zum Sprechen gebracht werden. Jeder Name, jedes Treffen muss mit anderen Quellen abgeglichen werden, daraus ergeben sich mögliche Gesprächsthemen und Entscheidungen Himmlers. So dürfte es bei dem Besuch in Warschau 1943 um die Auflösung des Ghettos gegangen sein.

Neben diesem Alltag eines Massenmörders gewinnt in den nüchternen Daten auch der Privatmann Himmler Kontur. Regelmäßig standen Anrufe bei „Mami und Püppi“ im Kalender, das sind Frau Margarete und Tochter Gudrun. Daneben hatte Himmler ein Verhältnis mit seiner Ex-Sekretärin Hedwig Potthast und hatte mit ihr zwei Kinder.

Für Prof. Katzer ist das ungerührte Nebeneinander von Privatem und mörderischen Befehlen das Erschreckende an dem Dokument. „Das ist eine Monstrosität, die sich da zeigt“, sagt er. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sei Himmlers Feigheit offen zutage getreten. Der Hauptakteur des NS-Terrors streckte einige vergebliche Friedensfühler aus, floh dann unter falschem Namen und brachte sich am 23. Mai 1945 in britischer Gefangenschaft um.

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