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Religion Als 18-Jährige zum Islam übergetreten

Jens Milde

Nordenham - Sie betet fünfmal am Tag in Richtung Mekka. Sie liest regelmäßig im Koran. Alkohol und Schweinefleisch sind für sie tabu. In der islamischen Gemeinde an der Walther-Rathenau-Straße kümmert sie sich um die Kinder von vier bis sieben Jahren. Sie liest ihnen Geschichten des Propheten vor. Wenn sie in der Moschee ist, trägt sie ein Kopftuch. Außerhalb der Moschee verzichtet sie darauf. „Im Koran heißt es, dass die Frau ihre Reize bedecken sollte.“ Aber deshalb müsse man nicht unbedingt ein Kopftuch tragen, und eine Burka schon gar nicht.

Evangelisch getauft

Jasmin Rastetter ist 28 Jahre alt. Sie ist in Phiesewarden aufgewachsen, zusammen mit sechs Geschwistern. Sie ist evangelisch getauft und konfirmiert worden, gehört der Kirche nach wie vor an. Jedenfalls auf dem Papier. Im Herzen aber ist sie Muslima. Seit zehn Jahren. 2005 ist sie in die Moschee gegangen, hat vor dem Imam das Glaubensbekenntnis abgelegt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich schon einige Jahre mit dem Islam beschäftigt. Nach islamischen Recht ist sie auch verheiratet. Mit ihrem türkischen Freund, den sie seit sieben Jahren kennt.

Jasmin Rastetter muss nicht lange überlegen, wenn sie gefragt wird, warum sie zum Islam übergetreten ist. Alles fing an, als ihr kleiner Bruder gestorben ist. Er war gerade einmal drei Jahre alt. „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt sie. Sie habe Halt gebraucht und diesen Halt in ihrer Umgebung nicht gefunden. Dass viele Menschen einmal im Jahr Christen sind, und zwar zu Weihnachten, das war ihr zu wenig. Auf der anderen Seite hatte Jasmin Rastetter viele türkische Freunde. „Das hat mich immer fasziniert“, sagt sie. Vor allem die Gastfreundschaft, die enge Familienbande, der hohe Stellenwert der Mutter in der Familie. Sie fing an, den Koran zu lesen. Sie war anfangs erschrocken wegen der Grausamkeiten, die hier beschrieben werden. „Aber man muss wissen, in welcher Zeit der Koran geschrieben wurde.“

Ludger Abeln pflichtet ihr bei. Er ist Vorsitzender des katholischen Caritas-Kreisverbandes. „Auch im Alten Testament geht es ziemlich grausam zu“, sagt er. Ludger Abeln freut sich, dass die Caritas eine Frau wie Jasmin Rastetter in ihren Reihen hat. Die 28-Jährige macht gerade ihr letztes Praktikum in der vierjährigen Ausbildung zur Erzieherin. Sie arbeitet in der sozialpädagogischen Tagesgruppe für Jugendliche an der Viktoriastraße. Hier hat sie es mit Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren zu tun. Und hier hat sie schon manch einen von ihnen zum Staunen gebracht. Dann nämlich, wenn scheinbar festbetonierte Vorurteile auf einmal wie feiner Sand zerbröseln. Zum Beispiel, wenn die Jugendlichen erfahren, dass die Türken, die Jasmin Rastetter kennt, gar keinen Kümmel essen.

„Mir ist es lieber, wenn sich jemand bewusst für eine Religion entscheidet, als wenn er ihr gleichgültig gegenübersteht“, sagt Ludger Abeln. Es gehe darum, voneinander zu lernen. Das sieht Jasmin Rastetter genauso. Sie stellt gerne das Gemeinsame der Religionen in den Vordergrund. „Beim Glauben gibt es kein richtig oder falsch. Jeder soll glauben, woran er möchte.“

Großen Wert legt die 28-Jährige darauf, dass sie niemanden bekehren möchte. Schon gar nicht die Jugendlichen, mit denen sie es in ihrem Praktikum zu tun hat. Aber hin und wieder wird sie gelöchert von ihnen. Dann erzählt sie, warum Muslime kein Schweinefleisch essen und was es mit dem Fastenmonat Ramadan auf sich hat. Dass sie irgendwann, vielleicht schon im nächsten Jahr, nach Mekka pilgern will. Und dann bereitet sie in der Gruppe türkischen Tee zu. Hin wieder gibt’s zum Mittagessen Bulgur Kötesi. Das sind Frikadellen aus Weizen.

Herzlich aufgenommen

Jasmin Rastetter freut sich, dass sie in der islamischen Gemeinde so herzlich aufgenommen wurde. Und dass ihre eigene Familie ihren Schritt akzeptiert hat. „Meine Mutter musste sich damals nur etwas umstellen, weil ich kein Schweinefleisch esse. Und zum Glück,“ sagt Jasmin Rastetter, „gibt es Pinkelwurst auch aus Geflügel.“ Die Nordenhamerin liebt Grünkohl mit Pinkel. „Darauf möchte ich nicht verzichten.“

Dass der Islam durch Terroristen wie dem Islamischen Staat immer wieder in ein schlechtes Licht gerückt wird, darüber ärgert sich die junge Frau. Für sie ist der Islam eine Religion des Friedens und der Barmherzigkeit. Das Gemeinsame der Religionen, das ist ihr wichtig.

Ludger Abeln stimmt ihr zu. Aber es gebe auch Unterschiede. Und das sei nicht schlimm. Der Caritas-Vorsitzende verweist auf das Motto des nächsten „Tag der Generationen“, der am 19. Juni im Mehrgenerationenhaus gefeiert wird. „Schön, dass wir verschieden sind,“ lautet es.

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