Schon an diesem Wochenende dürfte die Entscheidung fallen, auch wenn der Wahlkampf noch bis zum 22. Juli dauern wird. Die Unterlagen zur Briefwahl sind auf dem Weg. Die Mitglieder der britischen Konservativen Partei müssen einen neuen Parteivorsitzenden wählen, und es wird erwartet, dass die meisten sich entscheiden werden, sobald sie den Wahlzettel erhalten haben. Was bedeutet: Der Favorit Boris Johnson muss nur noch ein paar Tage überstehen und vermeiden, größere Fehler zu machen, um zum nächsten Parteichef und damit Premierminister von Großbritannien zu werden.

Abtauchen, wenn es notwendig ist, kann er gut. Man nennt Johnson mittlerweile das U-Boot. Und bisher hat seine Strategie, Interviews zu vermeiden und TV-Debatten mit seinem Konkurrenten Jeremy Hunt abzulehnen, hervorragend funktioniert.

Laut internen Umfragen darf Boris Johnson mit gut zwei Drittel der Stimmen beim Parteivolk der Konservativen rechnen. Nicht wenige halten es für undemokratisch, dass lediglich die rund 160 000 Parteimitglieder und damit weniger als ein Viertelprozent der Bevölkerung darüber entscheiden, wer der nächste Regierungschef wird. Aber so sind die Regeln. Jeremy Hunt machte keine gute Figur in diesem Wahlkampf.

Der Außenminister versuchte, sich als erfahrene Politiker zu positionieren, der am besten geeignet wäre, einen guten Deal im Brexit zu erhandeln. Er biederte sich dem Parteivolk an, indem er betont rechte Ideen propagierte, zuletzt sogar noch, das Verbot der Fuchsjagd mit Hundemeuten aufheben zu wollen. Eine breite Mehrheit in der Bevölkerung findet das Verbot richtig. Aber in der Konservativen Partei, die zuletzt Zulauf von ehemaligen Mitgliedern der rechtspopulistischen Ukip-Partei erhalten hat, kann man punkten, wenn man die Fuchsjagd wieder einführen will.

Auch beim Thema Brexit versuchte Hunt, sich hart zu zeigen. Großbritannien, erklärte er kürzlich, werde auf jeden Fall am 31. Oktober den Ausstieg vollziehen. Bis Ende September wolle er entscheiden, ob es noch Aussichten für einen neu verhandelten Deal geben wird. Wenn nicht, werde er das Land auf Kurs für einen No-Deal-Brexit, also einen ungeregelten Austritt anstreben. Nur Wochen vorher hatte Hunt noch einen No-Deal als „politischen Selbstmord“ abgelehnt.

Doch fraglich ist, ob es ihm hilft. Denn Hunt ist ein sogenannter „Remainer“, jemand, der im Referendum für den Verbleib in der EU gestimmt hat. Zwar ist Hunt jetzt Konvertit, aber Brexit-Enthusiasten vergessen nicht. Und für die Mitglieder der Konservativen Partei ist der Brexit so wichtig, dass, wie eine Umfrage demonstrierte, eine Mehrheit von ihnen den Austritt will, selbst wenn er zu einem Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs, zu schwerem Schaden für die Wirtschaft und zur Zerstörung der Konservativen Partei selbst führen würde.

Da werden sie eher einen Brexit-Hardliner wie Boris Johnson wählen wollen, der im Referendum das Lager der Brexit-Freunde angeführt hatte. Lieber das Original als „Theresa in Hosen“, wie Jeremy Hunt in Anlehnung an die Noch-Premierministerin Theresa May genannt wird.

Man darf also davon ausgehen, dass der Spitzenreiter das Rennen machen wird. Boris hat einen „Do-or-Die“-Brexit zum 31. Oktober angekündigt. Alles oder nichts, ausgestiegen wird auf jeden Fall, eine weitere Verlängerung soll es nicht geben.

Er will vollendete Tatsachen schaffen, um die Konsequenzen kann man sich dann später kümmern. Die einzige Hoffnung für all jene Briten, die einen No-Deal-Brexit mit Grauen sehen, besteht darin, dass es doch noch zu Konzessionen seitens der EU beim Thema Backstop kommen könnte, der Auffangregelung für eine Vermeidung einer harten Grenze zwischen Nordirland und Irland. Doch die Hoffnung ist nicht groß.