Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind Teil einer geselligen Runde. Alle zechen, was der Zapfhahn hergibt. Dann verdünnisiert sich einer nach dem anderen – und Sie bleiben mit der Rechnung sitzen. So ähnlich fühlt sich offensichtlich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Er hat sich in ungewöhnlicher Schärfe Absetzbewegungen Sachsens und Bayerns verbeten.
Es geht um ein Thema, das in dieser Woche viel weniger Schlagzeilen gemacht hat als die Personalie von der Leyen oder Boris Johnsons Weg in Downing Street Number Ten. Es hat aber viel größere Tragweite: Die sichere Endlagerung hochradioaktiven Atommülls. Unsere Nachfahren werden sich damit noch herumschlagen, wenn die Namen von der Leyen und Johnson längst vergessen sind.
Deutschland hat fröhlich Atomkraftwerke betrieben, ohne den im Atomgesetz vorgeschriebenen Entsorgungsnachweis führen zu können. Man versuchte es mit Umwegskonstruktionen. Der Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf entsprang der wenig realistischen Idee, man könne wesentliche Teile des Atommülls recyceln. Die bayerische Landesregierung unter Franz Josef Strauß, die sich als gehärteter Kern der Atomlobby verstand, scheiterte am Widerstand der Bürger. Die Arroganz der Macht und die verzweifelte Gegenwehr der Oberpfälzer kann man in Oliver Haffners Film „Wackersdorf“ nacherleben. Die jahrzehntelange, milliardenverschlingende Erkundung des Salzstocks im niedersächsischen Gorleben führte ebenfalls nicht zum Ziel. Übrig blieb ein großes Zwischenlager.
Das einzige genehmigte Endlager ist Schacht Konrad. Die Wahl fiel auf einen Standort, der unter einer dicht besiedelten, für Niedersachsen ökonomisch lebenswichtigen Region liegt – der Großstadt Salzgitter und einem bedeutenden Stahlwerk. Niedersachsens Forschungshauptstadt Braunschweig und die Auto-Metropole Wolfsburg sind nicht weit. Und: Schacht Konrad ist nur für schwach- und mittelradioaktive Abfälle geeignet.
Jetzt endlich wird ernsthaft nach einem Ort gesucht, in dem das Erbe einer allzu technologiegläubigen Zeit auf Jahrtausende aus unserem Lebensraum ausgesperrt werden kann. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem sich Deutschland von der kommerziellen Atomkraftnutzung verabschiedet. Ergebnisoffen soll die Suche sein und keine mögliche Lagerstätte ausschließen: Salz, Ton und Granit gelten als grundsätzlich geeignete Umgebung. Jedes Medium hat Vor- und Nachteile. So ist die Asse, nicht weit von Schacht Konrad entfernt, ein Beispiel für die Schwächen des Salzes. Die dort in unverantwortlichem Leichtsinn versuchsweise abgekippten Atommüllfässer drohen im zufließenden Wasser abzusaufen – die Gefahr ist noch immer nicht gebannt.
Sachsen fühlt sich von Ministerpräsident Weil ungerecht behandelt. Man stehe hinter dem Prinzip der ergebnisoffenen Suche. Das ist gut zu hören, denn so muss es sein. Im Granit Sachsens und Bayerns ist ein Endlager durchaus denkbar, auch wenn das Gestein etwas zerklüfteter ist, als es sich die Fachleute in einer idealen Welt wünschen würden. Deutschland hat sich gemeinsam auf den Irrweg der Atomkraftnutzung begeben, Deutschland muss gemeinsam mit den Folgen umgehen. Das bestmögliche Lager wird zu bauen sein – egal wo.
Klar ist: Niedersachsen trägt in Gorleben, in der Asse und in Schacht Konrad bereits schwere Last. Wer es bloß aus Eigennutz und Bequemlichkeit zum Atomklo der Republik machen will, wird auf massiven Widerstand stoßen. Stephan Weil spricht da nicht nur für die Landesregierung, sondern für Millionen Bürger.
