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NWZonline.de Nachrichten Politik

Griechenland vor neuer Wende

03.07.2019

Dimitris Markopoulos (44) hat es eilig. Er will den Wochenmarkt auf der Insel Salamis besuchen. Das Eiland, berühmt durch die Seeschlacht von Salamis im Jahr 480 v. Christus, in der die griechische Flotte des Themistokles die des persischen Königs Xerxes I. besiegte, liegt nur zwei Kilometer vor der Küste von Piräus.

Salamis hat heute mehr als 40 000 ständige Einwohner, in den Schulferien ab Mitte Juni sind es deutlich mehr, wenn die Bewohner aus dem nahegelegenen Piräus hier mit Kind und Kegel hier ihren Urlaub verbringen. Salamis ist für Markopoulos wichtig. Die Insel gehört zum 2. Wahlkreis von Piräus. Markopoulos ist hier Kandidat für die am Sonntag in Griechenland stattfindenden Parlamentswahlen. Er tritt für die konservativ-liberale Nea Dimokratia (ND) an.

Er wurde in Piräus geboren. Sein Vater war Ticketverkäufer bei den Staatsbahnen, seine Mutter Hausfrau. Papa Markopoulos verkaufte auch Kaninchen, um seine Familie irgendwie über die Runden zu kriegen. Die Markopoulos sind einfache Leute, Sohn Dimitris ein „Paidi tou laou“, wie man hier in Hellas sagt: „Ein Kind des Volkes“.

Das ist er immer noch. Noch heute lebt Dimitris Markopoulos mit seiner Frau und ihren beiden Töchtern, zehn und sechs Jahre alt, im eher armen bis kleinbürgerlichen Piräus, obgleich er sich eine bessere Wohnung im wohlhabenderen Norden der Vier-Millionen-Metropole Athen wohl leisten könnte. Er betont, dass er nicht den Namen einer bekannten Politikerfamilie trage. Er sei ein Bürger von Piräus. So wie alle anderen Bürger auch.

Markopoulos ist ein Polit-Neuling. Dennoch ist er ein bunter Hund, in ganz Griechenland. Markopoulos ist Journalist. Schon mit 20 fing er an zu arbeiten, heute ist er Chefredakteur der auflagenstärksten Athener Sonntagszeitung und gefragter Kommentator in TV-Talkshows.

Ob Jung oder alt: Viele kennt Markopoulos persönlich. Er verteilt Flyer, häufig entwickeln sich kurze Gespräche, freudiges Lachen überall. „Vor vier, fünf Jahren wäre ein Besuch auf dem Wochenmarkt für einen ND-Politiker ein Spießrutenlauf gewesen. Das ist nun ganz anders. Jetzt traut sich keiner von der Regierungspartei Syriza hierher“, sagt Markopoulos.

Was hat ihn in die Politik gebracht? „Dieses Außer-sich-Geraten von Syriza. Als Syriza noch in der Opposition war, haben sie die damals Regierenden mit ihrem Sparkurs als ,Verräter und Handlager der deutschen Besatzer’ beschimpft. Als Syriza an die Macht kam und schnell einsehen musste, dass auch eine linke Regierung in Athen sparen muss, haben sie sich nicht für ihr voriges Gebaren entschuldigt. Im Gegenteil.“

Er sei immer schon für einen klare pro-europäischen Kurs in Griechenland gewesen. Ohne Wenn und Aber, ohne Zick-Zack-Kurs. Im Euro, in der EU. „Das habe ich auch in der Zeitung und im Fernsehen immer unverhohlen zum Ausdruck gebracht, ohne damals formal ein ND-Mann gewesen zu sein.“

Syriza habe damals das politische Klima total vergiftet, so Markopoulos. Sein Schlüsselmoment: Linksradikale attackierten die Büros seiner Zeitung. Mit Farbbeuteln, mit Eisenstangen. „Wir Mitarbeiter waren akut gefährdet. Syriza distanzierte sich nicht klar davon. Das hat mich radikalisiert. Ich sagte mir: ,So kann das nicht weitergehen.“ Schon Ende 2017 habe er ein Angebot von ND-Chef Kyriakos Mitsotakis bekommen, bei den nächsten Parlamentswahlen für die ND anzutreten.

Markopoulos hat gute Chancen, ein Mandat in seinem Wahlkreis zu ergattern. Denn die ND gewann am 26. Mai die Europawahlen klar. Die ND lag 9,5 Prozentpunkte vor Syriza. Premier Alexis Tsipras rief prompt vorgezogene Neuwahlen für den 7. Juli aus. Alle Umfragen sehen die ND weiter klar vorn, mit bis zu elf Prozentpunkten.

Besonders stark legte die ND in den Europawahlen ausgerechnet in jenen Wahlkreisen in den Metropolen zu, die zuvor zu den Hochburgen von Syriza, dem „Bündnis der Radikalen Linken“, avancierten. Dort, wo die ärmeren bis armen Griechen leben. Eben jene Krisenverlierer, die schon bald nach dem Ausbruch der desaströsen Griechenlandkrise vor zehn Jahren den Boden unter den Füßen verloren und in Scharen aus Protest gegen die alten Eliten und etablierten Parteien zur einstigen Kleinstpartei Syriza übergelaufen waren. So wie im 2. Wahlkreis von Piräus.

Das voraussichtliche Comeback der ND wäre ein Triumph von Parteichef Kyriakos Mitsotakis, den die Parteibasis Anfang 2016 ins Amt hievte: Mitsotakis (51) ist ein bekennender Wirtschaftsliberaler, Spross einer Politiker-Dynastie, die ultimative Verkörperung der alten griechischen Polit-Elite, die nicht nur laut Tsipras den griechischen Karren in den Dreck gefahren hatte. Und eine schallende Ohrfeige für Tsipras, der die alte Elite in Athen politisch entsorgen wollte.

Tsipras hat sich schon mit der Niederlage abgefunden. Was ihm bleibt, ist politisch wenigstens nicht zu kollabieren, sondern mit seiner Syriza als zweitstärkste politische Kraft im Spiel zu bleiben. Zwar hat der linke Premier Griechenland im August 2018 anders als seine konservativen und sozialdemokratischen Vorgänger aus den ungeliebten Kreditprogrammen samt ihrer rigiden Spar- und Reformauflagen geführt. Ferner drückte er die Arbeitslosenrate binnen vier Jahren um sechs Punkte auf knapp unter 20 Prozent. Obendrein wächst die griechische Wirtschaft, wenn auch nur leicht.

Tsipras hatte beim Amtsbeginn vor viereinhalb Jahren aber auch versprochen, endlich die griechischen Oligarchen zur Kasse zu bitten sowie den grassierenden Klientelismus, die Vetternwirtschaft und Korruption des alten Polit-Establishments als die echten Übel zu bekämpfen, die Griechenland im Frühjahr 2010 beinahe in den Ruin getrieben hatten.

Er hielt nichts davon. Tsipras installierte selbst ein eigenes System der Vetternwirtschaft, es gibt zumindest Indizien für Korruption in Tsipras’ Umfeld, den Superreichen gewährte der Linksozialist sogar Steuererleichterungen. Im August 2018 gönnte sich der vermeintliche „Oligarchen-Schreck“ mit seiner Familie sogar einen mehrtägigen geheim gehaltenen Gratis-Urlaub im Ionischen Meer auf der Yacht einer steinreichen Reeder-Familie. Ausgerechnet Tsipras!

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