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NWZonline.de Nachrichten Politik

Jüdische Blüte im Land der Täter

06.09.2019

Es ist kaum zu glauben: In Potsdam, mitten im Land der Täter des Holocausts blüht heute ein europaweit wichtiger Ort jüdischen Lebens. Seit 20 Jahren bildet das Abraham Geiger Kolleg ( AGK) Rabbiner und Rabbinerinnen aus. Er könne es kaum glauben, dass aus der Idee, in Deutschland erstmals ein Ausbildungsstätte für liberale Geistliche zu Gründen, mittlerweile ein Zentrum des europäischen Judentums entstanden sei. Das sagt der Gründer und Direktor Walter Homolka. Das Kolleg sei Teil der Renaissance des Judentums in Mitteleuropa – trotz zunehmender Israelfeindschaft und Antisemitismus.

Bis zur Gründung des AGK wurden Rabbiner vor allem in den USA oder Großbritannien ausgebildet. Und blieben dann dort. „Wer in New York jüdisches Leben kennenlernt, will nicht unbedingt zurück nach Deutschland“, sagt Homolka. Wie etwa Anita Kantor, die in ihrer ungarischen Heimat zunächst Religionslehrerin war, interessieren sich heute für das Institut mit Sitz in Potsdam Bewerber aus der ganzen Welt. Sie kommen aus Russland, Israel, Brasilien oder den USA. Das Kolleg kooperiert auch mit Lehrinstitutionen in Budapest und Moskau.

Inzwischen haben 35 Absolventen – acht Frauen und 27 Männer – ihre Ausbildung am Kolleg abgeschlossen und sind unter anderem in Südafrika, Großbritannien und in Israel sowie in jüdischen Gemeinden in Deutschland tätig. Auch Kantoren werden hier ausgebildet. Mit Alina Treiger wurde 2010 nach mehr als 75 Jahren erstmals eine Frau zur Rabbinerin in Deutschland ordiniert. Sie betreut die Jüdischen Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst.

Das Kolleg verdankt seine Existenz auch der Zuwanderung Zehntausender Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Rund 25 000 Juden lebten bis 1989 in Deutschland. Mit dem Zuzug nahm der Bedarf an Fachkräften in Gemeinden und Synagogen zu. Vor allem Seelsorger sind seitdem gefragt. Mittlerweile leben mehr als 100 000 Juden wieder in Deutschland.

Das AGK, das heute zur Universität Potsdam gehört, steht in der Tradition der 1872 vom Theologen und Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874) gegründeten Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, wo unter anderem Leo Baeck, der bedeutendste Vertreter des liberalen Judentums lehrte. 1942 wurde das Institut von den Nazis geschlossen. Erst 1979 wurde die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg gegründet, deren Träger der Zentralrat der Juden ist. Schon 1836 habe Geiger, Begründer des Reformjudentums, formuliert: Die Emanzipation der Juden sei dann vollendet, wenn die Geistlichen des Judentums so ausgebildet werden wie die christlichen Geistlichen, sagt Homolka.

So gab 2012 der Wissenschaftsrat die Empfehlung ab, jüdische Theologie als universitäres Fach zu etablieren. Mehr als zehn Jahre nach seiner Gründung bekam das Kolleg akademische Weihen. „Das löste nicht überall Begeisterung aus“, sagt Homolka. „Doch wenn man muslimische Theologie an der Universität einführt, kommt man an der jüdischen Theologie nicht vorbei.“

Das liberale Judentum wurzelt in der Verbindung jüdischer Traditionen mit modernen wissenschaftlichen Fragestellungen. Eine Kernfrage sei dabei, ob Traditionen hinterfragt werden können. Ja, meinen die Liberalen, skeptischer sind dabei die Orthodoxen. „Für einen orthodoxen Rabbiner ist es eine Sünde, dass der Mensch den Wert der Tradition selbst einschätzen will“, sagt Homolka. Das liberale Judentum versuche dagegen, Tradition und Moderne unter einen Hut zu bekommen. So beäugten Orthodoxe das AGK zunächst mit Skepsis. Doch mittlerweile, so Homolka, habe man sich angenähert. Unterschiede gebe es etwa in der Ausbildung von Frauen zu Rabbinerinnen.

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