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nordwest-zeitung

Analyse Noch immer eine eigene Identität

Christoph Driessen

Wie nehmen junge Menschen aus Westdeutschland 30 Jahre nach der Wiedervereinigung den Osten wahr? „Jammer-Ossis“ und „Besser-Wessis“ sagen ihnen nichts mehr. 30 Jahre nach der Vereinigung klingen Begriffe wie „Besser-Wessi“ und „Jammer-Ossi“ zwar so altmodisch wie „neue Länder“. Was aber nicht heißt, dass das Verhältnis unkompliziert ist.

Hort des Extremismus?

Karl-Siegbert Rehberg ist gebürtiger Aachener, aber seit 1992 Gründungsprofessor für Soziologie an der Technischen Universität Dresden. Der 77-Jährige hat den Eindruck, dass Teile des Ostens von vielen Jüngeren im Westen als rechtsextrem wahrgenommen werden. Rehberg erinnert sich an den Fall eines etwa 25 Jahre alten Nachwuchs-Wissenschaftlers, den er liebend gern in Dresden eingestellt hätte. „Ein sehr begabter Mann, vom Aussehen her ein wenig schräg. Und der wollte die Stelle in Dresden auf keinen Fall haben, weil er befürchtete, schon im Hauptbahnhof zusammengeschlagen zu werden. Ich fand das etwas übertrieben.“

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie betont das Zusammenwachsen der jüngeren West- und Ostdeutschen – ungeachtet fortbestehender Mentalitätsunterschiede, die auch er sieht. „Rechtsradikalismus ist in den neuen Ländern stärker verbreitet, aber keine ostdeutsche Spezialität“, unterstreicht er.

Forschungslücke Osten

Empirische Daten zur Einstellung junger Westdeutscher zum Osten seien rar, konstatiert das Deutsche Jugendinstitut. Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung hat immerhin einen auffälligen Mentalitätsunterschied zwischen jüngeren West- und Ostdeutschen zutage gefördert: Demnach fühlt sich jeder fünfte Bürger der Nachwendegeneration im Osten eher als „Ostdeutscher“ denn als „Deutscher“. Ein westdeutsches Pendant zu dieser regionalen Identität gebe es nicht, schreiben die Autoren.

Eine gerade veröffentlichte Bertelsmann-Studie ergab, dass die Menschen in Ost und West die Wiedervereinigung noch immer sehr unterschiedlich beurteilen – wobei das in wesentlich geringerem Maße für die Jüngeren gelte. „Wir haben Menschen um die 60 befragt, also Leute, die mitten im Leben gestanden haben, als die deutsche Einheit stattgefunden hat, und wir haben etwa 30-Jährige ausgewählt, die die deutsche Einheit nur als Erzählung, nur als Vergangenheit kennen“, erläutert Studienautor Kai Unzicker.

Die älteren Ostdeutschen zeigten deutlich die „Verletzungen und Vernarbungen der damaligen Zeit“, sagt Unzicker. „Bei den älteren Westdeutschen haben wir auch noch das Bewusstsein dafür, dass die Wende ein bedeutendes Ereignis gewesen ist, sie haben das aber im Wesentlichen in den Nachrichten verfolgt.“ Für die Jüngeren dagegen sei die Wiedervereinigung weit weg – und zwar egal ob sie im Westen oder im Osten lebten.

Fehlendes Wissen

Dazu passt eine Beobachtung von Christine Strotmann, die bei der Körber-Stiftung das Projekt „Nachwendekinder: 30 Jahre Deutsche Einheit“ leitet. „Besonders wenn sie aus Westdeutschland kommen, wissen junge Menschen sehr wenig über die Wiedervereinigung und ihre Folgen vor Ort, den Einfluss auf das Leben der Menschen.“ Insgesamt würden Fremdheitsgefühle aber nachlassen, sagt Strotmann: „Bedenken, in den Osten zu ziehen, gibt es nicht.“

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