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NWZonline.de Nachrichten Politik

Ratlos, planlos und sinnlos

19.02.2019

Diese Stadt, erkläre ich gern Freunden, die mich zum ersten Mal in Oldenburg besuchen, ist nicht im Zweiten Weltkrieg, sondern nach 1945 zerstört worden. Und zwar durch Architekten und Bauplaner, Baudezernenten und Kommunalpolitiker.

Wie Kraut und Rüben geht es in manchen Straßen durcheinander. Inzwischen werden neben kleine Einfamilienhäuser locker mehrstöckige Bauten geklotzt. Baustile wechseln munter durcheinander.

Eher nebenbei

Schöne Privathäuser werden für hässliche Zweckbauten platt gemacht. Am Rande der Oldenburger Fußgängerzone verrottet seit 2007 eine wunderbare Art-Deco-Fassade des Oldenburger Wallkinos, das leer steht. Der hilflosen Stadt ist es bis heute nicht gelungen – wir benutzen jetzt einmal ein gängiges Plastikwort aus der Politik – ein „Konzept“ für das Wallkino zu entwickeln geschweige denn sich mit dem sperrigen Besitzer zu einigen.

Kurzum: Sinnvolle Planung, größerer Überblick, weise Voraussicht, um nicht von Vision zu reden, fehlen komplett – wie in so vielen Bereichen des kulturellen Lebens der Stadt. Man muss sich stets vor Augen halten, dass Oldenburg mit immerhin 166 000 Einwohnern eine moderne Großstadt ist, die mit ihrer Kultur auch gern punkten will – aber sich momentan nicht mal einen kompetenten Kulturdezernenten leistet. Ex-Oberbürgermeister Gerd Schwandner hatte dieses Amt bereits 2010 mit dem Amt des Oberbürgermeisters verschmolzen, nachdem der damalige Dezernent Martin Schumacher nach Bonn verschwunden war. Aus der Übergangslösung wurde ein beklagenswerter Dauerzustand. Auch heute noch macht das der amtierende Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) nebenbei – und, unter uns gesagt, erfolglos und in stabiler Selbstverkennung so konfus wie beratungsresistent. Politiker, die sich in die Kulturszene wagen, sind nicht ohne Grund ungefähr so angesehen wie Erich von Däniken unter Astrophysikern.

Auf die in unserer Zeitung vor wenigen Tagen veröffentlichte Rücktrittserklärung von Bestsellerautor Klaus Modick, der nach fünf Jahren entnervt als Berater des Kulturausschusses aufgab, hat der Rathauschef als politische Spitzenkraft bisher nur mit einer Mini-Stellungnahme in drei Sätzen reagiert, die wir hier gern vollständig zitieren:

„Nach den letzten Sitzungen des Kulturausschusses ist die Entscheidung von Herrn Modick für mich nicht überraschend. Dieser Schritt gibt uns nun auch die Möglichkeit, den Beraterkreis anders zu gestalten, um auch jüngere Menschen einzubinden. Darüber werden wir zusammen mit den Fraktionen im Kulturausschuss beraten.“

Diese drei Sätze muss man unbedingt noch einmal lesen, denn sie enthalten, aus dem Verwaltungssprech in klares Deutsch übersetzt, zweierlei: Gut, dass wir den unbequemen, 67-jährigen Modick endlich los sind. Denn ältere Menschen brauchen wir sowieso nicht, sagt der 55 Jahre junge Krogmann. Eine direkte Beleidigung wie „was wollen wir denn auch mit so einem intellektuellen Greis“ wäre nicht viel schlimmer gewesen.

Erfolglose Ausstellungen

Auf seiner persönlichen Homepage gibt Krogmann an, er sei für ein „gutes Kulturangebot“. Davon ist er weit entfernt. Gewiss, durch einen ausschließlichen Kulturdezernten würde nicht automatisch alles besser. Aber manchmal schon, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Einige der großartigen Kultureinrichtungen in Oldenburg – etwa das Theater Laboratorium – gäbe es nicht in dieser Form, hätte die Stadt in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht den rührigen Kulturdezernenten Ekkehard Seeber gehabt. Der erkannte etwa das Potenzial eines Pavel Möller-Lück, und selbst den sogenannten Soziokulturellen im Bahnhofsviertel eröffnete er Perspektiven. Seeber pflegte den direkten Draht zu Künstlern, sprach aber auch Sponsoren an, machte Geld locker, wo Geld nötig war. Denn Kulturpolitik ist nicht zuletzt Geldverteilungspolitik. Seebers Entscheidungen wirken bis heute nach.

Allerdings gab es ab 2004 den Kulturdezernenten Martin Schumacher, der die große Welle machte und einen „Masterplan“ für die Kultur entwickelte. Der eifrige Mann ließ viel Papier bedrucken, so manches „Meeting“ wurde rüstig mit leerem Gerede gefüllt. In dem Masterplan von 2007 standen dann so gehaltvolle Sätze wie der folgende: „Im Vordergrund steht eine inhaltlich-konzeptionelle Neuordnung im Sinne einer stärker an Zielen ausgerichteten Kulturpolitik.“ Irgendwann ging Herr Schumacher nach Bonn. Die Lücke, die er in der Kulturpolitik hinterließ, war gleichwohl schwer zu finden. Das zeigt leider, dass ein Dezernent „an sich“ noch keine Qualitätsgarantie darstellt. Die aktuelle Kulturpolitik ist in Oldenburg jedenfalls auf einem Tiefpunkt von Beliebigkeit und Banausentum angelangt. Und das gilt nicht nur für den Bereich der Architektur, wo der OB soeben die von ihm selbst verpflichtete Baudezernentin Gabriele Nießen vom Hof jagte. Die vakante Stelle verwaltet offenbar die immer noch nicht voll ausgelastete Mehrfachbegabung Krogmann bis auf Weiteres mit. Angeblich will der OB „neue Akzente“ setzen, was immer da zu befürchten ist.

Gerade die städtischen Museen kränkeln. Blockbusterausstellungen? Fehlanzeige. Besucher muss man suchen. Angeblich sind Leitung und wichtige Mitarbeiter in Horst-Janssen-Museum, Stadtmuseum und Edith-Russ-Haus untereinander verfeindet und verkracht. Derlei lähmt. Aber dies erzählt man, wie vieles in der gern tuschelnden Stadt, nur hinter vorgehaltener Hand.

Verkracht im Museum

Der OB hat auch den Posten der Leiterin der Städtischen Museen besetzt, was er angeblich schon wieder bedauert. Das Horst-Janssen-Museum hat man, zumindest optisch, im Jahr 2000 fein hingestellt, aber ein gut greifendes Konzept ist nicht erkennbar. Nun will man auch noch ein neues Stadtmuseum errichten und schreibt zuerst den Bau aus, hat aber keinen Plan für den Inhalt. Umgekehrt wäre es auch nicht schlecht. Das alte Stadtmuseum führt ein angestaubtes Schattendasein, kaum verwunderlich, dass das Interesse an altertümlichen Schränken oder Häkeldeckchen gegen Null tendiert. Das Ungetüm, das ab 2020 gebaut werden soll, wird gewiss mit klobigen großbürgerlichen Möbeln und ordentlich gemalten Schinken zum Ausbund an Attraktion.

So mancher fragt sich zudem, woher die Millionenbeträge für einen Neubau kommen, Geld, das eben doch nicht da war, als es um die Förderung des einzigartigen Figurentheaters Laboratorium ging, dem man lange nur Brosamen hinwarf. Auch um die Bauwerkhalle musste in Oldenburg gekämpft werden – gegen den OB, der das historische Teil am Pferdemarkt gern zu einer Pizzeria umfunktioniert hätte. Erst Proteste der Kulturszene führten zu einem Gesinnungswandel.

Ausnahme Theater

Ausnehmen von der Generalkritik an Oldenburgs Kulturpolitik muss man den Musikbereich, Vereine wie den Kunstverein (der auch überregional einen guten Ruf genießt) oder Privatbetriebe wie das Kultkino Casablanca. Zu loben sind Teile der freien Szene, die sich um Planungssicherheit mühen. Gerade die kleinen Bühnen sind hier hervorzuheben, das Theater Wrede etwa, das Theater Hof19, das Theater Laboratorium, auch die Bühnen von Kulturetage oder Unikum.

Ein Hit ist auch das chronisch ums Überleben kämpfende Filmfest Oldenburg. Hinzu kommt der finanziell leider arg gestutzte Kultursommer und der quirlige Literaturbereich, der von Monika Eden vom Literaturbüro (was für ein schrecklich lebloser Titel) organisiert wird. Prunkstücke für Stadt und Region sind natürlich auch die beiden in der Stadt beheimateten Landesmuseen. Und das Oldenburgische Staatstheater, das seit Jahren begeistert – weil die Stadt Oldenburg da nur einen geringen Einfluss hat. Und das ist auch besser so.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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