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NWZonline.de Nachrichten Politik

Analyse: Schneller Griff zur Todesspritze

30.01.2018

Mareike ist tot. Das stand schon seit einigen Tagen fest, seitdem das Sterben der 74-jährigen Niederländerin vorbereitet worden war. Mareike ist eine von jenen deutlich über 6000 Patienten, die in den Niederlanden derzeit im Jahr aus dem Leben scheiden. Die Zahlen explodieren regelrecht – zwischen 2012 und 2017 stiegen sie um 67 Prozent. Allein im Vorjahr waren es 38 Prozent mehr als noch 2016, die in einer der Lebensende-Kliniken Hilfe zum Sterben suchten.

Für Berna van Baarsen zu viel. Die Medizinethikerin gehörte einem der landesweit fünf Gremien an, die Anträge auf aktive Sterbehilfe prüfen müssen. Im Januar trat sie zurück. Der Jahresbericht der Regionalen Kontrollkommission für Sterbehilfe (RTE) belegt: Derzeit sind es 17 Niederländer, die jeden Tag auf eigenen Wunsch aus dem Leben scheiden. „Die Dämme brechen“, beklagten vor einem Jahr 200 niederländische Ärzte in einer gemeinsamen Erklärung. Ihr Vorwurf: Vor allem die Zahl der Demenzpatienten, die den Tod suchen, steige eklatant an. Es handelt sich dabei um jene, die eine zentrale Voraussetzung des Gesetzes nicht mehr erfüllen können: die freie, eigenverantwortliche Entscheidung für den Tod.

Seit einigen Monaten wird ein Fall vor Gericht verhandelt, bei der ein Arzt einer Frau die Todesspritze auf Bitten des Pflegeheims verabreicht hatte. Und die Entwicklung geht weiter. Die Niederländische Vereinigung für ein Freiwilliges Lebensende (NVVE) will die gesetzlich geforderte Mitwirkung der Mediziner zurückfahren, weil sich zunehmend mehr Ärzte weigern, die Todesspritze zu setzen. Außerdem fordern die Befürworter einer weiteren Liberalisierung die Zulassung einer Todespille. Bestellen können die Mitglieder der „Kooperation letzter Wille“ das Präparat schon jetzt: 180 Euro kosten zwei Gramm eines tödlichen Medikamentes.

2001 legalisierten die Niederlande als erstes Land weltweit die aktive Sterbehilfe. Wenig später folgten Luxemburg und Belgien, wo es vergleichbare Trends gibt. Die aktive Sterbehilfe – die in den Niederlanden offiziell „Euthanasie“ heißt – bleibt strafbar, wenn sie nicht von einem Arzt unter strengen Auflagen vorgenommen wird.

Inzwischen gelten die Sterbe-Regeln auch für Minderjährige, bei denen die Eltern allerdings mitzuentscheiden haben. „Wenn es irgendwelche Tabus gibt, sind diese längst weg“, bestätigt Steven Pleiter, Chef der Lebensende-Klinik in Den Haag.

Die Motive, so beschreibt der Klinik-Chef weiter, seien unterschiedlich. Da gebe es den 79-jährigen Siep, der sein Gift trank, um dem Schicksal zu entgehen, das seine Mutter ereilte: Demenz. Und da seien eben auch Menschen wie der Patient mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung, der sich täglich selbst verstümmelte und von einer „lebenslangen Hölle“ befreit werden wollte.

Professor Theo Boer, einer der wichtigsten Ethiker und Vertreter der skeptischen Linie, warnt nicht vor solchen Fällen, sondern vor dem Trend: „Am Anfang handelte es sich bei 98 Prozent um sterbenskranke Menschen mit wenigen verbleibenden Lebenstagen. Diese Zahl ist mittlerweile geschrumpft auf 70 Prozent.“ Um den Griff zur Todespille noch einfacher zu machen, will die Genossenschaft „Letzter Wille“ (CLW) nun sogar regelrechte Einkaufsgemeinschaften bilden, um geeignete Sterbemittel zu kaufen.

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