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NWZonline.de Nachrichten Politik

Sind wir wirklich so schlecht?

09.12.2019

Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen. Jeder kennt Gary Linekers Spruch. Und seien wir ehrlich: Wir hören ihn gern. Wenn einer der besten Stürmer, die England je hatte, so etwas sagt, muss es ja stimmen.

Irgendwie glauben wir überhaupt gerne: Wo wir sind ist vorne. Auch bei der Bildung. Land der Dichter und Denker, Sie wissen schon.

Schade nur, dass in diesem Fall der Glaube allein noch keine Berge versetzt. Die Ergebnisse der Pisa-Studie sagen etwas anderes. Mittelmäßig sind die Ergebnisse unserer Schülerinnen und Schüler! So ist überall zu hören. Mathe und kritisches Textverständnis schlechter als in Hongkong und Polen! Und nachgelassen haben wir auch noch!

Sind wir wirklich so schlecht?

Mindestens so einig wie beim Fußballselbstbewusstsein sind wir doch beim Wert der Bildung! Ein Land ohne Rohstoffe kann nur mit seinen Geistesgaben und harter Arbeit reich werden. Wir haben das alle schon so oft gehört, dass wir es kaum noch hören können. Schulen, Hochschulen und Berufsbildung sind uns wichtig. Wir haben sehr gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. Und dann solche Ergebnisse? Was ist da los?!

Genau hinsehen

Wie immer lohnt sich genaues Hinsehen. Die Deutschen Schüler liegen unter den 79 teilnehmenden Nationen auf Platz 20. Das ist schonmal deutlich besser als der Durchschnitt. Wir wahren, wie Eintracht Braunschweig in der Dritten Liga, immerhin den Anschluss an die Spitzengruppe.

Und: Unsere Schüler haben sehr unterschiedlich abgeschnitten. Da gab es viele Cracks, die international fast allen etwas vormachten. Aber da war auch das Fünftel, das nicht richtig lesen, geschweige denn Texte kritisch einordnen konnte und auch mathematisch hinterherlief. Die Schere geht in Deutschland deutlich weiter auseinander als in anderen entwickelten Ländern.

Hier liegt das deutsche Problem, und es hat einen einzigen Grund. Unser Schulsystem differenziert sehr grob nach Leistungsklassen und tut dann so, als gäbe es keine Unterschiede. Kinder mit schlechteren Startbedingungen tun sich sehr viel schwerer als solche, deren Eltern gebildeter und wohlhabender sind. Und am schwersten haben es Schüler mit Migrationshintergrund, in deren Elternhaus nicht Deutsch gesprochen wird. Das betrifft auch, aber nicht nur die 200 000 Kinder und Jugendlichen, die seit 2015 zu uns geflüchtet sind.

Die Bildungschancen in Deutschland hängen also immer noch in beträchtlichem Maß von der sozialen Herkunft ab. Auch diese Aussage ist uns allen so vertraut wie Gary Linekers Fußballweisheit. Sie wird von jeder Bildungsstudie bestätigt. Und nach jeder Veröffentlichung hebt lautes Klagen an. Das sei eine Schande und ein Skandal. Das stimmt ja auch.

Nur: Warum ändern wir es nicht? Man weiß doch, wie Bildung zu den Kindern kommt: Mit Zeit, motivierenden Methoden und helfenden Nachdruck!

Warum lassen wir es zu, dass in Deutschland viel zu viel Unterricht ausfällt? Niedersachsen zum Beispiel hat endlich mehr Lehrer eingestellt – aber viel zu lange gebraucht und viel zu wenige ausgebildet. Jetzt mühen sich Gymnasiallehrer an Grundschulen und fehlen an ihren Stammschulen.

Warum ignorieren wir, dass benachteiligte Kinder Hilfe brauchen? Mehr Hilfe, als ein einzelner Lehrer in einer Klasse mit 25 Kindern geben kann?

Warum nehmen wir nicht zur Kenntnis, dass Schulen in sozialen Brennpunkten anders ausgestattet sein müssen als die in den soignierten Eigenheimsiedlungen der bildungsnahen oberen Mittelschicht? Es gibt genügend Belege dafür, dass pädagogische Teams in schwierigen Klassen wahre Wunder bewirken können. Stattdessen kämpfen gerade diejenigen Schulen, die Personal am dringendsten bräuchten, gegen die größten Widerstände.

Wichtigstes Thema

Welcher Lehrer geht freiwillig an eine Brennpunktschule, wenn er genau weiß, dass er dort trotz großer Herausforderungen mit derselben Ausstattung arbeiten muss wie an einer Schule im bürgerlichen Milieu? Es gibt in Deutschland nicht viele Themen, die so offensichtlich über unsere Zukunftschancen entscheiden. Keines ist wichtiger als Bildung.

Aber nehmen Sie wahr, dass Bildung den entsprechenden Stellenwert in der politischen Diskussion hätte? Man hat den Eindruck, dass dieses Schicksalsthema abseits der Sonntagsreden schnell in den Gesprächskreisen der Spezialisten verschwindet.

Und dort stoßen ideologisch aufgeladene Positionen aufeinander, die eine klare Vorwärtsentwicklung gerade in Norddeutschland häufig verhindern. Der Clash der politisch-weltanschaulichen Lager auf dem Feld der Bildung erinnert mich ein wenig an die Stellvertreterkriege zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation.

Bildung ist wichtig. Wo bleibt die Konzertierte Aktion? Wann bekommt Bildung die Aufmerksamkeit und die finanziellen Mittel, die ihrer Bedeutung entsprechen? Wann geht es endlich um den Weg um die besten Ergebnisse für unsere Kinder und nicht mehr um bildungspolitische Rechthaberei?

Deutschland sollte Bildungsland sein. Das sind wir nicht mehr. Aber wir könnten es wieder werden. Und dann klappt’s auch bei Pisa.

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