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NWZonline.de Nachrichten Politik

Analyse: Wie ein Foto die Türkei entlarvt

26.01.2018

Auf den ersten Blick ist es eines von Tausenden Bildern aus dem syrischen Bürgerkrieg. Da steht ein bewaffneter Mann mit Bart und hält den erhobenen Zeigefinger in die Kamera. Doch das Bild ist brisant: Es zeigt einen Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ (FSA), die als Hilfstruppe der Türkei an der Offensive in Nordsyrien beteiligt ist – und es zeigt einen radikalen Islamisten, wie sie auch für den Islamischen Staat oder die Al-Kaida-Milizen im Bürgerkriegsland kämpfen.

Der typische Vollbart ohne Oberlippenbart wird von Salafisten getragen, die sich in Lebensführung und politischen Zielen direkt an den Zuständen des 6. Jahrhunderts, also den Zeiten des islamischen Propheten Mohammed, orientieren. Aus dem Salafismus entspross ab den 80er Jahren der islamische Terrorismus, wie wir ihn heute kennen. Der erhobene Zeigefinger ist dabei ein weiteres Attribut islamischer Eiferer. Er bezieht sich vordergründig auf den „Tawhid“, den Glauben an die Einheit und Unteilbarkeit Gottes, ein Kernelement islamischer Theologie. Auf den Schlachtfeldern Syriens bedeutet er jedoch darüber hinaus die Ablehnung sämtlicher anderer Interpretationen des Islam, sowie die Aufforderung, alle Formen religiösen und politischen Pluralismus mit Gewalt zu zerstören.

Die einst vom Westen als „gemäßigt“ bewertete FSA ist schon längst von radikalen Islamisten unterwandert worden. Weil sie zudem seit der russischen Intervention militärisch unter Druck geraten ist und daher Anlehnung suchte, passt sie perfekt in die türkische Strategie.

Präsident Recep Tayyip Erdoğgan und seine islamistische Regierung unterstützten ja schon in der Frühphase des syrischen Bürgerkrieges radikale Milizen. Da wurden verwundete IS-Kämpfer behandelt und Waffen geliefert. Dass sich die Türkei erneut islamischer Terroristen bedient, kann als folgerichtige Fortsetzung dieser Strategie gelten.

Es ist ein tragischer Treppenwitz der Geschichte, dass sich nun die Kurden der terroristischen Söldner eines Nato-Staates erwehren müssen. Dabei haben sie doch mit Unterstützung und im Sinne des westlichen Militärbündnisses zuvor erfolgreich IS-Terroristen des gleichen Schlages bekämpft und besiegt. Sowohl die Amerikaner als auch die Europäer in der Nato dulden das Vorgehen der Türken. Die Kurden erfahren – wie so oft in ihrer blutigen Geschichte – damit die spezielle „Dankbarkeit“ von Verbündeten.

Die türkische Zusammenarbeit mit den islamischen Killern entlarvt die Legende vom angeblichen „Kampf gegen den Terrorismus“. Es geht der türkischen Regierung schlicht darum, dauerhaft syrisches Territorium zu kontrollieren und kurdische Unabhängigkeitsgelüste zu unterdrücken – koste es, was es wolle und auch mithilfe echter Terroristen. Über die Methoden soll sich niemand Illusionen machen. Erdogan sprach am Mittwoch von „vernichten“ und „ausrotten“.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Mitglied der Chefredaktion (Überregionales)
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