Yared Dibaba und Dervish Erkoceviq haben eines gemeinsam: Beide mussten – beziehungsweise haben – mit ihren Familien ihre Heimatländer verlassen und beide sind in Falkenburg gelandet. Dervish, ein junger Mann, der mit seinen 18 Jahren schon viel erlebt hat, und das nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens.

Geboren und aufgewachsen ist Dervish in Shkodra, einer 140 000-Einwohner-Stadt im Norden Albaniens. Schon mit zwölf Jahren musste er mitarbeiten. In unserem Gespräch spüre ich immer wieder, wie wichtig Dervish seine Familie ist: „Meine Familie verdient es, glücklich zu sein.“ Im Juni 2015 ließen sie alles hinter sich und kamen nach Deutschland. „Die Leute erzählen, dass es in Deutschland wie ein Paradies ist“, erzählt Dervish mir. Ihre erste Station war das Auffanglager in Bramsche, wo zu der Zeit etwa 2000 Flüchtlinge untergekommen waren. In den ersten drei Tagen standen Dervish, seinen Eltern und seinen beiden jüngeren Brüdern ganze fünf Quadratmeter zur Verfügung.

Später bekam Familie Erkoceviq einen Raum zugewiesen. Dusche und WC mussten sie sich mit vielen anderen teilen. Für die junge Familie war das eine schwierige Zeit. Nach sechs Wochen wurde ihnen eine Wohnung in der Gemeinde Ganderkesee zugewiesen. Es war der 6. August 2015, als sie in Falkenburg ankamen. Dieses Datum wird Dervish wohl nie vergessen. „Wir konnten es nicht glauben, dass wir eine Wohnung für uns alleine hatten!“

Durch eine Mitarbeiterin der Gemeinde lernten sie in Ganderkesee die notwendigen Anlaufstellen kennen. Großes Glück hatte Familie Erkoceviq, dass es in der Ortschaft Falkenburg eine große Hilfsbereitschaft gegenüber den neuen Mitbewohnern gab, allen voran Inga Gillerke. Auf Englisch fragte sie, ob die Familie einen Wunsch hätte. „Für unseren Vater ein Blutdruckmessgerät“, bekam sie zur Antwort. „Dass Menschen einfach zu uns kommen, und uns fragen, was wir brauchen, das war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Niemals im Leben hat uns jemand gefragt, was wir brauchen“, erzählt Dervish mir. Er bedankte sich auf seine Weise und arbeitete ehrenamtlich im Garten vom Laurentius-Hospiz in Falkenburg. Im Gymnasium Ganderkesee erfuhr Dervish von Lehrern wie Schülern ebenfalls große Unterstützung. „Hier ist der Mensch ein Mensch, egal wo er herkommt oder welche Hautfarbe er hat“, stellt Dervish immer wieder fest.

Eines belastete Familie Erkoceviq sehr: Dürfen sie überhaupt in Deutschland bleiben? Durch sein Alter hatte Dervish sein eigenes Asylverfahren und im Februar 2016 kam der Bescheid, dass er Deutschland wieder verlassen musste. Bis dahin war er noch nie von seiner Familie getrennt gewesen. Schweren Herzens ging er freiwillig zurück nach Albanien und kehrte mit einem Bus auf einer mehr als 40-stündigen Reise wieder in seinen Heimatort zurück. Er lebte bei seinem Onkel und arbeitete für umgerechnet 3,80 Euro pro Tag.

In der deutschen Botschaft beantragte er ein Visum, doch trotz großer Unterstützung aus Deutschland wurde der Antrag abgelehnt. Für Dervish brach eine Welt zusammen. Wieder mit Hilfe aus Deutschland wurde Widerspruch eingelegt. „Viele Regeln, Gesetze und Zuständigkeiten änderten sich häufig“, erklärt Inga Gillerke.

Große Unterstützung erfuhr Dervish auch von „Forellen Abel“ aus Falkenburg. Der Betrieb suchte Auszubildende zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik und hatte unter anderem auch Dervish einen Ausbildungsplatz angeboten – bevor sein Asylantrag abgelehnt wurde. Um die harten Auflagen für ein Visum für eine Berufsausbildung zu erfüllen, erhielt er viel Unterstützung von seinem zukünftigen Ausbildungsbetrieb. Am 22. Juli 2016 kam dann der erlösende Anruf, dass Dervish nun doch ein Visum für die Zeit seiner Ausbildung bekommen würde. Die Achterbahn der Gefühle hatte damit zunächst ein glückliches Ende gefunden.

„Ich bin Familie Abel dankbar, dass sie immer an mich geglaubt haben und mir so ein großes Vertrauen entgegen gebracht haben“, so ein dankbarer Dervish. Seine Arbeit macht ihm viel Spaß, obwohl seine Arbeitszeit um 5 Uhr morgens beginnt. „Familie Abel und meine Kollegen unterstützen mich, wo sie können“, versichert Dervish mir. Die Berufsschule, die ist für ihn allerdings nicht so einfach. Aber auch dort wird ihm viel geholfen und jeden Abend wird gelernt.

Ich bin von diesem jungen Mann tief beeindruckt, wie fleißig er ist und immer wieder kämpft, ohne zu wissen, wie seine Zukunft und die seiner Familie einmal aussehen wird. Er hat sich super integriert und dazu gehört, dass er die deutsche Sprache schon sehr gut beherrscht. „Alles, was ich in Deutschland erreicht habe, habe ich vor allem Inga Gillerke zu verdanken. Zwischen mir, dem Flüchtling Dervish Erkoceviq, und Deutschland hat Inga die Brücke gebaut“, stellt Dervish fest.

Dervish Erkoceviq (18), der aus Albanien geflohen ist und nun in Falkenburg lebt.