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NWZonline.de Nachrichten Politik

Analyse: Nationalisten machen mobil

02.02.2018

Athen Um 15.13 Uhr sprach einer der Sprecher am Donnerstag in einer eilends anberaumten Pressekonferenz in einem gut gefüllten Saal des Hotels „Titania“ nahe dem zentralen Athener Omonia-Platz, dem „Platz der Eintracht“, den letzten Satz ins Mikrofon: „Wir rufen alle Griechen auf, sich am Sonntag um 14 Uhr am Verfassungsplatz zu der Großkundgebung einzufinden. Für unser geliebtes Makedonien!“

Alle Griechen werden zwar nicht kommen. Aber: Es werden sehr, sehr viele sein. So viele, wie nicht einmal das Dauerthema Krise einschließlich deren mühsamer Überwindung mit all den Grausamkeiten wie der abrupten Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in Hellas hat mobilisieren können.

Der Anlass: Das erneute Ringen zwischen Athen und seinem nördlichen Nachbarn Mazedonien, den am Peloponnes aber hartnäckig fast keiner so nennt – und auch künftig nicht nennen will.

Seit dem vorigen Herbst ist allerdings wieder Bewegung in die diffizile Sache gekommen, die im Ausland entweder keiner wahrnimmt oder die fast immer nur Kopfschütteln hervorruft.

Hintergrund ist, dass die Frühere Jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM), so der offizielle Name des Zwei-Millionen-Einwohner-Landes mit seiner Hauptstadt Skopje, im Juli beim nächsten NATO-Gipfel als 30. Mitglied in die Verteidigungsallianz eingeladen und auch aufgenommen werden soll.

Um das NATO-Ticket lösen zu können, muss der Nachbar Griechenland, schon seit 1952 NATO-Mitglied, sein Plazet geben. Gescheitert ist dies zuletzt im April 2008, als die damals regierende Athener Einparteien-Regierung unter dem konservativen Premier Kostas Karamanlis den Beitritt blockierte.

Aus griechischer Sicht geht es nicht nur um die Änderung des Staatsnamens „Republik Mazedonien“, sondern unter anderem auch um die Streichung von Passagen in der Verfassung des Nachbarlandes, die Gebietsansprüche an Athen und konkret auf die Provinz Makedonien hervorrufen könnten. Im Kern werden aber auch historische, ethnische und philologische Fragen aufgeworfen. Das Gros der Griechen kennt dabei keine andere Antwort als: Es gibt kein mazedonisches Volk, keine eigene mazedonische Sprache.

Schon der antike Feldherr Alexander der Große war Grieche und ist daher unabtrennbarer Bestandteil der hellenischen Zivilisation und Kultur, so die Begründung. Die Slawen, also die Mehrheit der Bewohner im nördlichen Nachbarland, seien rund eintausend Jahre später in die Region gekommen. Mazedonien ist derweil aber schon von über 100 Staaten, auch Deutschland, anerkannt.

Innenpolitisch ist die Lage in Athen verworren: Athens linker Premier Alexis Tsipras erweckt in diesen Tagen nicht nur den Eindruck, er meine es ernst mit einer einvernehmlichen Lösung mit Skopje. Er meint es wirklich ernst.

Aber auch für Tsipras kommt der Staatsname Mazedonien für den Nachbarn höchstens mit einem geografischen oder chronologischen Zusatz infrage, am liebsten unübersetzbar auf Slawisch.

Durchgesickert sind bislang eine Reihe von Vorschlägen des ewigen UNO-Sondervermittlers Matthew Nimitz: „Nova Makedonija“ („Neumazedonien“) oder „GornaMakedonija“ („Nordmazedonien“) zählen dazu.

Tsipras’ Koalitionspartner, die nationalkonservativen „Unabhängigen Griechen“, lehnen jegliche Verwendung des Namens Makedonien dagegen kategorisch ab.

Ebenso verweigert der konservative Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis, ein bekennender Wirtschaftsliberaler, der eigentlich mit Außenpolitik wenig am Hut hat, Tsipras die Unterstützung. Sein Vorwurf: Tsipras strebe alleine einen Deal mit Skopje an.

Dennoch könnte Tsipras notfalls eine, wenn auch knappe, Mehrheit für die Zustimmung zu einem Kombi-Namen für den Nachbarn bei einer Abstimmung im Athener Parlament zusammentrommeln. Abgeordnete der liberalen Potami-Partei oder sozialdemokratischen Pasok könnten dafür stimmen, so sein Kalkül. Ein Referendum oder vorgezogene Neuwahlen wegen der Causa Mazedonien strebt Tsipras hingegen nicht an.

Der Regierung Tsipras fehlt jedoch eigentlich die demokratische Legitimation, in einem für viele Griechen offensichtlich so sensiblen Thema schnell Fakten zu schaffen. Denn weder bei den letzten Parlamentswahlen am 20. September 2015 noch zuvor stand das Thema in Athen auf der Agenda.

Die neue Regierung in Skopje unter dem gemäßigten, sozialdemokratischen Premier Zoran Zaev wiederum zeigt sich kompromissbereit. Wie weit sie im Ringen mit Athen gehen will, offenbart sie aber nicht. Zaev will jedenfalls sein Volk befragen, sobald eine Lösung mit Athen in trockenen Tüchern ist.

Anders Tsipras. Und so kommt es also am Sonntag zu einem weiteren Crashtest für seine Regierung. Die Organisatoren der Großkundgebung rechnen nämlich mit über einer Million Teilnehmern.

Und die könnten durchaus kommen: Entgegen anderslautenden Medienberichten skandierten schon am 21. Januar in Thessaloniki Hunderttausende Griechen, und nicht wenige Tausend, wie fälschlich verbreitet wurde, voller Inbrunst: „Makedonien ist griechisch!“

Mehr als 300 Organisationen, darunter eine Vielzahl griechisch-makedonischer Vereinigungen aus aller Welt sowie die griechisch-orthodoxe Kirche, haben ihre Teilnahme angekündigt. Die Mobilisierung in ganz Hellas, aber auch fernab der Heimat, ist enorm.

Den Vorwurf, die Kundgebung werde bloß eine Versammlung kruder Nationalisten sein, weisen die Organisatoren mit Vehemenz zurück. Fest steht nämlich: Einer der wichtigsten Redner wird Mikis Theodorakis (91) sein, weltberühmter Komponist und Galionsfigur der griechischen Linken.

Vertreter von Parteien dürfen hingegen nicht auf der Bühne sprechen. Das Motto der Protestler: „Keine Parteien, bitte! Das ist die Stimme des Volkes!“

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