Neunmal Mainz, viermal Düsseldorf, zweimal Köln oder einmal Berlin - so groß ist die Fläche, die Russland nach eigenen Angaben in der jüngsten Zeit in der Ukraine erobert hat. Nicht nur, weil die Ukraine einige Abschnitte entlang eines potenziellen Frontverlaufes weniger stark abgesichert hatte, sondern weil sie mit den effizienten westlichen Waffen die Raketenwerfer und Artilleriestellungen auf russischer Seite nicht bekämpfen durfte. Noch vor wenigen Tagen begründeten Regierungsvertreter das Nein mit dem Hinweis, es könnten versehentlich auch russische Zivilisten getroffen werden - und das in einem Krieg, in dem Russland täglich absichtlich ukrainische Zivilisten tötet.

Druck und Einsicht haben gewirkt. Der Kanzler hat der Ukraine den Einsatz aus Deutschland gelieferter Abwehrsysteme auch gegen Angriffe von russischem Boden aus in der Region Charkiw erlaubt. Nachdem Briten, Franzosen, Tschechen und die Nato nur noch Kopfschütteln für die Berliner Argumentation hatten, wollte Scholz seinen Ruf als wichtigster europäischer Helfer der Ukraine nicht verspielen. Es ging auch darum, wieder ein Stück indirekter Unterstützung für die russische Kriegsführung zu schleifen. Einem Aggressor zu versichern, dass er so lange schrankenlos zuschlagen kann, solange er es vom eigenem Territorium aus tut, darf keinen Bestand haben, wenn man Russland dazu bringen will, den Angriffskrieg zu beenden.

In diesem Sinne sollten nun weitere Restriktionen aufgeweicht werden. Auch aus größerer Entfernung werden Jets und Raketen gestartet, die Ukrainern den Tod bringen. Es entspricht nicht nur militärischer Logik, diese an der Quelle zu bekämpfen, sondern es unterstreicht auch den Willen, die Bereitschaft zu Verhandlungen und Feuerpausen zu fördern.