Sandkrug - „Laster“, sagt George Lazar (55) nach einigem Nachdenken, dabei fasst er mit seinen beiden Händen an ein unsichtbares Lenkrad und macht Steuerbewegungen. Keine Englischkenntnisse, nur erste Bruchstücke Deutsch – es ist noch nicht ganz einfach, sich mit der syrischen Familie Lazar zu unterhalten.
Doch mit Händen und Fantasie und der Hilfe der deutschen Nachbarn, klappt es dann doch. Wenig später weiß der Fragende, dass George und sein Bruder Jakou (52) zwei Lkw und einen Bus besaßen, ihre Familien lebten in der nördlichen Stadt Al-Hasaka, dicht an den Grenzen zu Türkei und Irak. Bomben haben ihre Häuser zerstört, ihr Hab und Gut existiert nicht mehr, das Land wurde von der syrischen Regierung enteignet.
George und Jakou haben ihre Mutter Khatto Dankho (83), ihre Frauen Nahrien (44) und Evelyn (44) und die Kinder Zozo, Marina (beide 17), Ornina (16) und Mariou (12) genommen und sind geflohen. Sechs Brüder und drei Schwestern haben sie in Syrien zurückgelassen. Einer der Brüder, das haben sie erfahren, wurde verhaftet. Wie es ihnen geht, haben die Lazars lange Zeit nicht gewusst. Ein Jahr und drei Monate lebten sie in einem Lager im Libanon. Dann erhielten sie vom deutschen Konsulat ein Visum. Ein Flugzeug brachte sie nach Hannover, es war für alle der erste Flug, dann ging es weiter nach Bramsche. Am 1. April, 14 Tage nach ihrer Einreise in Deutschland, hat die Familie Lazar ihr neues Zuhause in Sandkrug bezogen. Ein Haus an der Schultredde, das vor langer Zeit einmal die Wohnung des Waldschul-Rektors gewesen ist, in den 90er Jahren Asylbewerber aus Somalia beherbergte und zwischenzeitlich als Jugendzentrum gedient hat.
Angela Burchardt ist noch am 1. April zu den Neuankömmlingen hinübergegangen. Sie und ihr Mann Rainer wohnen direkt nebenan, das Gleiche gilt für das Ehepaar Vera und Helmut Ibelings. Kaum auszudenken, wie es den Lazars ohne die freundliche Hilfe der Nachbarn dreieinhalb Monate nach ihrer Ankunft in Sandkrug gehen würde.
„Die Bürokratie, die auf die Syrer einstürzt, ist maßlos“, meint Angela Burchhardt. Allein für jedes Familienmitglied eine Gesundheitskarte erfolgreich zu beantragen, sei ein dreistündiger Kampf gewesen. „Zwei Karten fehlen immer noch“, sagt sie. Für jedes der neun Familienmitglieder haben die Nachbarn einen Ordner mit allen habhaften Dokumenten angelegt, um, so gut es geht, für die Lazars eintreten zu können. Ein Telefon und eine günstige Flatrate waren die ersten Anschaffungen. Der Kontakt zu den zurückgebliebenen Geschwistern hilft zumindest, die Angst um sie etwas zu mindern. Was der Familie noch fehlt, sind Fahrräder, damit der Weg zum Einkaufen leicht fällt.
Vera Ibelings hat ihr altes Geschirr aus dem Keller geholt und den Lazars gegeben. Gemeinsam sitzen alle Familien bei schönem Wetter im Innenhof, trinken Chai (Tee) und essen orientalisches Gebäck. Marina und Ornina sprechen schon etwas besser Deutsch, können manchmal dolmetschen. Mit Ausnahme ihrer Großmutter erhält die ganze Familie Sprachunterricht. Die beiden Jungen, Zozo und Mariou, sollen demnächst Mitglied in einem Fußballverein werden. Ihre Väter würden gerne Arbeit finden. Die Lazars haben noch einen weiten Weg vor sich, doch es scheint, sie können dabei auf Rückenwind vertrauen.
