Wien - „Sage, was du machst. Und mache, was du sagst“, das Motto von Christian Kern ist ein Klassiker für moderne Führungskräfte. In der staatsnahen Wirtschaft hat der 50-Jährige bewiesen, dass er was bewegen kann. Die Hoffnungen in Österreich sind groß, dass der Sozialdemokrat mit seiner pragmatischen Art das krisengeplagte Land wieder aufrichtet - und die krisengeschüttelte Regierungspartei SPÖ gleich mit. Österreich leidet unter Rekordarbeitslosigkeit, die SPÖ unter einem seit zehn Jahren andauernden Niedergang.

„Er kann allein schon mit Koordinations- und Überzeugungsfähigkeit punkten“, meint der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier. Rot-Schwarz in Wien hat die Chance, zur Halbzeit der Legislaturperiode den „Reset“-Knopf zu drücken. Das ist nötig, denn SPÖ und ÖVP liegen in Umfragen mit jeweils nur etwa 21 Prozent weit hinter der rechten FPÖ mit 34 Prozent.

So hatten die Sozialdemokraten in Windeseile nach dem Rücktritt von Werner Faymann als SPÖ-Vorsitzender und Kanzler die Nachfolgefrage geklärt. Acht Landesfürsten preschten mit ihrem Votum für Kern vor und stellten SPÖ-Interimschef Michael Häupl und dessen mächtigen Wiener Landesverband vor vollendete Tatsachen.

Das war wohl auch der strategischen Vorarbeit von Kern zu verdanken, der als Bahnchef qua Amt ohnehin beste Verbindungen zu allen neun Bundesländern hat. In durchaus seltener Offenheit erzählte Gerhard Zeiler, Kerns „Konkurrent“ innerhalb der SPÖ um den Posten an der Spitze der Regierung, von gemeinsamen Umsturzplänen.

Kern und er hätten seit geraumer Zeit überlegt, wie Faymann zu ersetzen sei. Wäre es zu einem außerordentlichen Parteitag gekommen, wäre er derjenige gewesen, der offen gegen Faymann als Parteichef kandidiert hätte, sagte Zeiler in Interviews. Im Fall eines Faymann-Rücktritts sollte Kern nach vorne rücken. „Es gab die Vereinbarung zwischen uns, im Fall des Falles den jeweils anderen zu unterstützen. Das war eine klare Rollenverteilung“, sagte Zeiler der Zeitung „Die Presse“. Dass Kern nie ein höheres politisches Amt bekleidet hat, gereicht ihm in der „Anti-Establishment“-Stimmung im Land zum Vorteil.

Die Vorschusslorbeeren für Kern waren zum inoffiziellen Amtsantritt jedenfalls bemerkenswert. Das Nachrichtenmagazin „News“ wählte die Bildzeile „Pragmatisch, praktisch, gut.“ Der noch amtierende Bundespräsident Heinz Fischer empfing den neuen Kanzler gleich am Freitagvormittag zum Gespräch. Sein Urteil: „Tüchtig“. Tatkraft wird Kern auch mit einer erheblichen Umbildung der Regierung beweisen wollen. „Er ist nie wieder so mächtig wie in der ersten Sekunde“, sagt Filzmaier. Von den sechs SPÖ-Ministern gelten vier als Austauschkandidaten.

Neben der Wirtschaftspolitik hat Kern auch andere heikle Missionen. Da ist die Abkehr von der Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise. Sie liegt dem linken Parteiflügel noch im Magen. Da ist die strikte Abgrenzung von der rechten FPÖ auf Bundesebene. Da wollen die Gewerkschaften neue Perspektiven. Hier wird es dem Vernehmen nach darauf hinauslaufen, dass die SPÖ die Rechtspopulisten nicht mehr kategorisch als Partner ablehnt. Diese Frage soll künftig inhaltlich entschieden werden.

So könnte dem sportlichen Machertyp Kern auch mancher Fleck auf dem bisher makellosen Anzug drohen. Die Zeitung „Der Standard“ meint, für ihn beginne ein „Himmelfahrtskommando“.